Die Gesichter hinter den Rauchschwaden

Homestorys als ungeschönte Sozialreportagen: Für sein Buch «American Jazz Heroes» machte der deutsche Fotograf und Autor Arne Reimer in den USA Hausbesuche bei fünfzig Jazzmusikerinnen und Jazzmusikern.

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Ist hier alles im Voraus schon verloren? Wenn ein deutscher Fotograf, der nebenher Schlagzeug spielt, sich nach Amerika aufmacht, um fünfzig von ihm geliebte Jazzmusikerinnen und -musiker zu fotografieren (und auch über sie zu schreiben), dann meint man zu ahnen, was dabei herauskommen wird.

Kann man sich denn dem allmächtigen Einfluss der Grossen in der Jazzfotografie entziehen? Dem eines William Claxton, der Jazz in magischen Fotos als existenziellen Taumel zeigte; oder dem eines Herman Leonard mit seinem herrlichen Dexter Gordon, 1948, Zigarettenrauch kringelt sich auratisch ums mächtige Tenorsaxofon?

Schmutzige gelbe Socken

Der Fotograf Arne Reimer, 41-jährig, eifert in «American Jazz Heroes» aber keineswegs diesen Vorbildern nach. Seine Bilder sind farbig. Und deshalb viel realistischer als die zumeist schwarz-weiss gehaltenen und eine Jazzmetaphysik versprühenden Konzertinszenierungen eines Claxton. Reimer meidet überhaupt das Konzertfoto. Wenn er den berühmten Freejazzpionier Cecil Taylor in dessen New Yorker Apartment ablichtet, ist dafür aber der Alltag sehr nah: Cecil Taylor sitzt in schmutzigen gelben Socken auf seinem Bett. Zieht an einer Zigarette. Rauch steigt auf dem Bild keiner auf.

Claxtons Bilder aus rauchgeschwängerten Clubs mochten dem Jazz den Chic des Underground und des intensiven Lebens geben. Aber sie verdunkelten genauso viel, wie sie erhellten. Roger Willemsen hat schon recht, wenn er im Vorwort zu Reimers Buch notiert, über keiner Musikrichtung habe sich das Klischee so bruchfest geschlossen wie über dem Jazzmusiker «als der Kellerexistenz, die zwischen Rauchschwaden, starken Getränken, bewusstseinserweiternden Substanzen komplizierte Changes erdachte».

Reimer gibt hier nun kräftig Gegensteuer. Er zeigt, wie das Leben der Jazzmusiker tatsächlich spielt. Es ist das von Menschen, die bei allem Kreativitätsbemühen um eine wenigstens partiell bürgerliche Existenz kämpfen. Die teils legendären Jazzmusiker in Reimers Buch wohnen nicht in Schlössern und Villen und Landsitzen wie Rockmusiker von vergleichbarer Bedeutung. Sie haben allenfalls ein Apartment, eine Mietwohnung, ein Auskommen, irgendwie.

Bei sechs längeren Amerika-Aufenthalten seit 2010 fotografierte und interviewte Reimer für sein Buch «American Jazz Heroes» fünfzig Jazzmusikerinnen und Jazzmusiker – einen Ron Carter, einen Benny Golson, eine Helen Merrill oder eben einen Cecil Taylor. Im Wesentlichen liefert Reimer das, was man Homestorys nennt («Im Haus von Charles Tolliver wird man von zwei bellenden Hunden begrüsst.»), in selteneren Fällen ergibt sich die Begegnung in einer Künstlergarderobe oder in einer Schule, wo ein Musiker unterrichtet.

«Du musst geduldig sein»

Homestory bedeutet bei Reimer aber nicht verkitschender Voyeurismus, sondern viel eher Sozialreportage. In seinen zwei, drei Seiten umfassenden Texten, die er neben die Fotos stellt, erweist sich Arne Reimer zwar nicht unbedingt als gewandter Sprachstilist. Aber es hat auch Vorteile, dass er von der Kamera herkommt. Er überträgt die Philosophie des fotografischen Schnappschusses nämlich aufs Textliche: Seine Berichte sind Momentaufnahmen und schildern das Hier und Jetzt eines Jazzmusikers. Das ist alles aus dem Leben gegriffen.

Wie sehr «American Jazz Heroes» einerseits von Reimers Hartnäckigkeit lebt, an die Musiker überhaupt heranzukommen, andererseits von einem gewissen Laisser-aller in der Gesprächsführung, zeigt insbesondere die herrliche Begegnung mit Cecil Taylor. Unzählige Male versuchte Reimer einen Termin mit der Pianistendiva zu finden; Taylor liess ihn immer wieder auflaufen. Bis Reimer eines Abends einfach an der Tür des dreistöckigen Brownstone in Brooklyn klingelt, in dem Taylor seit 1983 wohnt. «Komm rein!», sagt der Meister.

Im Buch sieht man jetzt fünf Fotos, und da sitzt Taylor also auf seinem Bett inmitten von Zetteln und Büchern. Und wird redselig. «Du musst geduldig sein. Setz dich wieder hin, ich erzähle dir hier Jazzgeschichte!» Das dauert lang. Erst um halb fünf Uhr früh treten wir mit Arne Reimer wieder raus auf eine Strasse, irgendwo in Brooklyn.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2013, 08:22 Uhr

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