«Die Idee vom Endzeitkampf spielt beim IS eine wichtige Rolle»

Der Islamismus-Experte Behnam T. Said über die strategischen Stärken des IS, historische Vorbilder und darüber, was die Jihadisten mit Che Guevara zu tun haben.

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Seit Wochen tobt die Schlacht um Kobane, ohne dass eine Seite die Überhand gewinnt. Ist das ein Zeichen dafür, dass die Macht des IS, des Islamischen Staats, ihren Zenit bereits erreicht hat?
Wie der Kampf um Kobane ausgeht, das kann niemand voraussehen. Es ist aber bis jetzt ein äusserst verlustreicher Kampf gewesen für den IS und er stösst auf massive Probleme. Es ist aber noch zu früh, um von einer Trendwende zu sprechen. Der IS hat uns in der Vergangenheit immer wieder überrascht und hat bewiesen, dass er zu taktischen Manövern in der Lage ist, auch zu taktischen Rückzügen.

Die Lage in Syrien verändert sich im Moment täglich. Weshalb haben Sie bereits jetzt ein Buch über den IS, den islamischen Staat, geschrieben?
Das Buch soll ein Beitrag zu einer öffentlichen Debatte sein, die noch im Gang ist. Angefangen, Materialien zu sammeln, die später in das Buch eingeflossen sind, habe ich bereits 2011, zu einem Zeitpunkt, als gerade in Deutschland noch sehr wenig über das Thema bekannt war. Ich fand vor allem die Spaltung in der Jihadisten-Szene und den Bedeutungsverlust der Al-Qaida-Organisation spannend. Ende 2013, Anfang 2014 sah es dann zeitweise noch so aus, als ob die syrischen Aufstandsgruppen, die sich gegen den IS verbündet hatten, die Terrormiliz tatsächlich verdrängen, aber der IS kam anschliessend noch mächtiger zurück als zuvor. Die Lage wurde ab 2013 immer unübersichtlicher, sogar für uns Experten. Ich wollte diese Lage und somit die Vorgeschichte zur heutigen Situation festhalten, damit diese nicht in Vergessenheit gerät.

Weshalb hat sich der IS unter den verschiedenen Jihadisten-Gruppen durchsetzen können?
Ein Grund ist, dass der IS teilweise sehr gute militärische Strategen in seinen Reihen hat, auch wenn er zunächst wie eine Bande von Wahnsinnigen erscheinen mag. Die Fähigkeit zur langfristigen Planung hat der IS zum Beispiel in den Auseinandersetzungen mit der Al-Nusra-Front, der Islamischen Front und der Freien Syrischen Armee Ende 2013, Anfang 2014 bewiesen. Der IS hat damals einen taktischen Rückzug in Richtung irakische Grenze angetreten, wie er später auch selber gesagt hat, und sich dort neu aufgestellt, um dann im Frühsommer 2014 noch einmal eine Grossoffensive in Richtung Ostsyrien zu starten. Das heisst, der IS ist äusserst mobil aufgestellt und äusserst flexibel. Das ist sicherlich ein Grund. Weitere Gründe sind aber auch in der Motivation seiner Kämpfer und seinem ihm vorauseilenden Ruf der Brutalität zu suchen, die die Gegner oftmals einschüchtert. Zudem haben sowohl irakische als auch syrische Streitkräfte einige Schwächen gezeigt, die der IS ausnutzen konnte.

Was sind weitere Gründe?
Ein anderer Grund ist, dass der IS, anders als die Rebellengruppen, lange nicht ausschliesslich gegen Assad-Truppen vorgegangen ist. Der IS hat sich vielmehr auch auf die Freie Syrische Armee und andere Aufstandsgruppen konzentriert, die sich schon im Kampf gegen das Assad-Regime befanden. Die Ressourcen dieser Gruppen waren dadurch bereits gebunden, und sie waren in einem Zweifrontenkampf gefangen. Dies war ein weiterer Grund dafür, dass der IS sich in Syrien ausbreiten konnte.

Wie sah es im Irak aus?
Im Irak war die Situation eine andere: Dort lag der Erfolg eindeutig auch daran, dass der damalige Premier Nouri al-Maliki eine sehr sektiererische Politik gefahren ist, dass er seine eigene Klientel bevorzugt hat und es so dem IS möglich war, die Verlierer dieser Politik, etwa sunnitische Stämme, entweder durch Einschüchterung, aber auch durch Bezahlung auf ihre Seite zu ziehen und sich auch als Beschützer der Sunniten im Irak darzustellen. Einzelne Aufstände von Stämmen gegen den IS im Irak und auch in Syrien wurden zudem sehr blutig niedergeschlagen. Im August 2014 wurden in Syrien ja angeblich bis zu 700 Mitglieder des Stammes der Shaitat massakriert, weil sie sich gegen den IS aufgelehnt haben. Auch das ist natürlich Teil des Erfolges des IS. Er geht rücksichtslos gegen jeden Gegner vor.

Was macht den IS für ausländische Jihadisten attraktiver als beispielsweise die Al-Nusra-Front?
Der Erfolg macht unter anderem die Anziehungskraft des IS aus. Und insofern wird die Ausstrahlungskraft des IS auch dann aufhören, wenn der Erfolg sich dem Ende neigt, sprich wenn der IS seine Kräfte überdehnt. Hinzu kommt eine enorm professionelle Medienarbeit des IS, gerade auch in den sozialen Netzwerken.

Das Phänomen der «foreign fighters», der ausländischen Kämpfer, ist ein Schwerpunkt in Ihrem Buch. Sie ziehen sogar eine Parallele zum spanischen Bürgerkrieg von 1936–1939.
Internationale Mobilisierung gab es ja nicht erst jetzt in Syrien und im Irak, sondern schon vorher in den 80er-Jahren zum Beispiel in Afghanistan, aber auch in Bosnien und besonders in Tschetschenien. Mich interessierte aber, wie weit dieses Phänomen zurückgeht. Und ob es etwas spezifisch Jihadistisches ist.

Was haben Sie herausgefunden?
Ich stiess bei meinen Recherchen auf Reihen von ausländischen Kämpfern in linken Guerilla-Organisationen. Ein prominentes Beispiel für einen globalen Kämpfer war übrigens Che Guevara, der ja zum Beispiel versuchte, seine Revolution bis in den Kongo zu tragen. Und wenn man historisch noch weiter zurückgeht, dann kommt man zwangsläufig zum spanischen Bürgerkrieg, wo regierungstreue Sozialisten gegen den Putschisten Franco und seine faschistischen Truppen kämpften und in dem sich Freiwillige aus der ganzen Welt engagierten. Das war in dem Ausmass das erste Mal in Europa, und auch das letzte Mal. Ich ziehe nicht einen Vergleich zwischen dem syrischen und dem spanischen Bürgerkrieg, fand aber einige spannende Parallelen.

Zum Beispiel?
Zum einen in der Propaganda. Natürlich nicht die religiöse Propaganda, sondern die Bilder, die insbesondere das Leid der Zivilbevölkerung darstellen, und womit im spanischen wie auch im syrischen Bürgerkrieg legitimiert wird, warum man eigentlich dort kämpft. Dies weniger beim IS, sondern bei den syrischen Aufständischen.

Und sonst?
Ein weiteres Beispiel ist die transnationale Identität, die geschaffen wird. Leute, die in Syrien kämpfen, denken jenseits nationaler Schranken. Sie kämpfen für die eigene transnationale und transethnische, angenommene islamische Identität und aus ihrer Sicht für unterdrückte Muslime weltweit. Im spanischen Bürgerkrieg war es natürlich nicht der Gedanke «Ich kämpfe für die Muslime weltweit», sondern «Ich kämpfe für den Sozialismus weltweit und gegen den Faschismus». Und noch ein Beispiel: Auch damals herrschte die Vorstellung von einer Art Endzeitkampf: Das Gute gegen das Böse. Der Faschismus, das schlechthin böse Phänomen der damaligen Zeit, musste gestoppt werden, oder das Ende aller Tage nahte, so der damalige Narrativ. Beim IS und auch bei anderen Jihadisten, wie der Jabhat al-Nusra, spielt wiederum ein religiös begründetes Endzeitdenken eine wichtige Rolle. Auch hier wird der Kampf begründet, dass man sich in einem alles entscheidenden Konflikt mit den Mächten des Bösen befinde.

Ein weiterer Schwerpunkt in Ihrem Buch sind die deutschen Jihadisten. Hat Ihre Biografie Ihnen den Zugang zum Thema erleichtert? Ihr Vater ist Afghane, Sie wuchsen in Deutschland auf.
Ich bin in einem binationalen Elternhaus aufgewachsen, meine Mutter ist Deutsche, mein Vater ist Afghane. Religion hat bei uns aber nie eine Rolle gespielt und ich fühle mich keiner Religionsgemeinschaft zugehörig. Es ist aber natürlich so, dass ich mit dem Thema Naher Osten aufgewachsen bin. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir alle zusammen vor dem Fernseher gesessen haben und uns angeschaut haben, wie die Russen aus Afghanistan abgezogen sind, oder wie Briefe aus Afghanistan bei uns eintrafen. Insofern ja, meine Biografie spielt in der Beschäftigung mit der islamischen Welt eine Rolle, aber nicht aufgrund eigener religiöser Hintergründe, sondern nur aufgrund der familiären Historie.

Im Vorwort Ihres Buches beschreiben Sie, wie Sie Syrien als Student besuchten. Wann wird Syrien wieder das Paradies der Architektur, der Kultur und der kulinarischen Genüsse, wie Sie beschreiben?
Ich habe syrische Freunde, die alle geflüchtet sind, gefragt: Meint ihr, ihr könnt nochmals zurückgehen? Die optimistischste Antwort war: «Ja, vielleicht in vierzig Jahren.» Aber die meisten haben keine Hoffnung, zurückkehren zu können. Und, ehrlich gesagt, teile ich diese pessimistische Einstellung, auch aufgrund der Erfahrung mit Afghanistan. Ich dachte immer, irgendwann würde Afghanistan wieder das Land werden, von dem die Älteren in der Familie immer geschwärmt haben. Das ist es ja nie wieder geworden und wird es wohl auch nicht mehr. Und insofern befürchte ich, dass Syrien natürlich auch nie wieder das Land sein wird, das es damals zumindest für mich, aber wohl auch für nicht wenige Syrer war.

Erstellt: 27.11.2014, 10:35 Uhr

Behnam T. Said (*1982) ist Islamwissenschaftler am Landesamt für Verfassungsschutz in Hamburg. Eben ist sein neues Buch «Islamischer Staat. IS-Miliz, al-Qaida und die deutschen Brigaden» erschienen. Foto: PD

Behnam T. Said: Islamischer Staat. IS-Miliz, al-Qaida und die deutschen Brigaden.
C.H. Beck, 2004.
224 S., ca. 24.90 Fr.

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