Die Intelligenz als Auszeit

«Ich bin umgeben von Abwesenheit»: Der Zürcher Limmat-Verlag gibt eine Werkauswahl des Westschweizer Dichters Charles Racine heraus.

«Mir genügt es zu sein was ich bin»: Der Westschweizer Dichter Charles Racine. Foto: Verena Eggmann

«Mir genügt es zu sein was ich bin»: Der Westschweizer Dichter Charles Racine. Foto: Verena Eggmann

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als «Gefangener meiner Texte» empfand er sich. Aber er machte immer wieder Ausbruchsversuche, wenn er Wörter in einen neuen Zusammenhang brachte, der ihn wohl selbst überraschte. Aus dem Bausatz der Sprache fügte er in der Regel titellose Wortgebilde zusammen, die meist etwas Unfertiges haben, und kam zum Schluss: «Einmal geschrieben widersetzt sich das Bauwerk / der Lektüre. Schon während ich’s schreibe widersetzt es sich / seiner Lektüre.»

In unserem westlichen Nachbarland ist der frankofone Lyriker Charles Racine, 1927 in Moutier geboren und 1995 in Zürich verstorben, bekannter als in seiner Schweizer Heimat, obwohl er an der Limmat im Kreis von Alex Sadkowsky und Hugo Loetscher verkehrte. Viel war er in Paris unterwegs, wo Literaturzeitschriften ihm die Treue hielten. Mit Kollegen wie Yves Bonnefoy und Paul Celan war er befreundet. Bei Maeght erschien 1975 eine gemeinsame Publikation mit dem Bildhauer Eduardo Chillida. In den letzten Jahren gab ein Verlag in Montpellier drei Bände heraus, die auch Texte aus seinem Nachlass enthalten. Aus ihnen präsentiert Felix Philipp Ingold nun eine zweisprachige Auswahl in eigener Übersetzung.

Es ist eine eher sperrige Lektüre, weil Racine es dem Leser schwermacht, einen Zugang zu seinen inhaltlich oft verschlüsselten und syntaktisch zusätzlich verdichteten Sprachfiguren zu bekommen. Ein vielleicht krasses Beispiel: «ich nehme die Intelligenz / – als Auszeit / ich nehme zu meinem Vergnügen / die 400 Pferde deines Genies in Augenschein / Zivilliste». Auch wer nachschlägt, was eine «liste civile» ist, die der Autor kursiv hervorhebt, wird wohl kaum dahinterkommen, was für eine Bedeutungsfracht die Wörter in dieser Kombination für Racine tragen.

Bittere Selbstreflexion

Es gibt von ihm aber auch mitteilsamere Texte wie etwa das Gedicht «Auf der Welt», das so beginnt: «Nichts von dem was ich liebe ist um mich. / Ich bin umgeben von Abwesenheit.» Diese bittere Selbstreflexion – Verlorenheit und Tod sind bei Racine prägende Themen – geht am Ende in eine unerwartete Beschwörung über: «Verträumt ist deine Seele / an die ich mit dem Finger rühre, / meine Liebe.» Geradezu trotzig lesen wir an anderer Stelle aber dann wieder: «Mir genügt es zu sein was ich bin / woran ich leide.»

Übersetzer Ingold baut die manchmal krud wirkenden erratischen Stücke konsequent auf Deutsch nach. Vereinzelt gibt er ihnen eine etwas vergeistigte Note, wenn er «lettres» beispielsweise nicht nur mit «Buchstaben», sondern auch mit «Lettern» wiedergibt und beim Wort «chant» zum altertümlichen deutschen «Sang» greift.

Dass Charles Racine, der sich auch «Pauper» («Armer») nannte, nun dem deutschsprachigen Publikum neu präsentiert wird, ist ein verlegerisches Verdienst. Wie Gudrun Racine im Nachwort darlegt, muss der Leser die «toten Buchstaben» oder «Knochen», wie der Dichter, kaum hatte er sie zu Papier gebracht, die ihm selbst plötzlich fremden Chiffren seiner Eingebung nannte, mit eigener Kraft zum Leben erwecken, was keine geringe Herausforderung ist.

Sie kann gelingen, wenn Racine das «Knäuel, das ausläuft beim Schreiben und das die Hände verlässt, die es entknoten», etwas nachsortiert: «Eurydike / die mich zum Schreiben bringt / Eurydike / die mich schreibt / du nimmst mich so weit mit / unermessliche Landschaft / für mich das Übermass / drin zu sterben.»

Charles Racine: Lichtbruch/Bris de lumière. Gedichte, aus dem Französischen von Felix Philipp Ingold. Limmat, Zürich 2019. 192 S., ca. 38 Fr.

Erstellt: 18.12.2019, 16:47 Uhr

Artikel zum Thema

Das Lieblingswort ist «Oh!»

«Mein Alphabet»: Die Schweizer Schriftstellerin Ilma Rakusa gibt in wunderleichten Prosaskizzen Einblick in ihr Leben und Lesen. Mehr...

Ein goldenes Jahrzehnt: Die besten Schweizer Bücher 2009–2019

Essay Die jüngste Zeit ist für die hiesige Literatur ein einziger Höhenflug. Die Gründe – und die Bestenliste. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Mamablog Lust auf ein Sexdate, Schatz?

Sweet Home Lernen Sie besser wohnen

Die Welt in Bildern

Aufwändige Feier: Farbenfroh ist der Karneval in Macedo de Cavaleiros, Portugal. (25. Februar 2020)
(Bild: Octavio Passos/Getty Images) Mehr...