Die Kollateralschäden des Drogenkriegs

Zwei mexikanische Romane schildern, wie Kinder und Halbwüchsige in einer von Gewalt geprägten Welt aufwachsen.

Opfer der Drogenmafia: Ein Taxifahrer in Acapulco.

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Aus Revolutionskämpfen ging das moderne Mexiko hervor – und in Drogenkriegen wird es untergehen. So könnte die bittere Pointe lauten, wenn es nicht bald gelingt, den Einfluss der hochgerüsteten Drogenkartelle auf Staat und Gesellschaft zu brechen. Etwa 35 000 Menschen sind dem Krieg mit und unter den Drogenhändlern zum Opfer gefallen, seit Präsident Calderón im Dezember 2006 gegen die gewalttätige Untergrundwirtschaft mobilgemacht hat.

Repression, Schrecken und oft bestialische Gemetzel sind in vielen mexikanischen Bundesstaaten zum Alltag geworden. Der Drogenkrieg liefert Stoff für brachiale Thriller, TV-Serien, Insiderberichte und haarsträubende Reportagen. Aber er nährt auch beunruhigende Zweifel an der Richtigkeit einer Prohibition, die dem illegalen Geschäft ungeheure Mengen an Geld und damit Macht in die Hände gibt. Schwierig, sich dem Thema in literarischen Genres anzunähern, deren Form sich nicht von vorneherein an geläufige Konfliktmuster anlehnt. Yuri Herrera und Juan Pablo Villalobos haben es riskiert und sind zu sehr verschiedenen, zum Teil aber auch verblüffend ähnlichen Lösungen gekommen.

Der Drogenboss als König

«Abgesang des Königs» heisst der Roman von Herrera, der erste des 1970 in Actopán geborenen Autors. Lobo, der Held, kommt von unten, als Strassenjunge hat er angefangen. Ein Akkordeon war die einzige Hinterlassenschaft seiner Eltern, bevor sie über die Grenze in die USA verschwanden. Eines Tages kreuzt in einer Kneipe, in der er für ein paar Scheine singt, ein Bandenchef mit Gefolgschaft auf. «Nur einmal im Kino hatte Lobo so einen Mann gesehen: stark, prächtig, mit Macht über den Lauf der Welt. Er war ein König, und alles um ihn herum bekam einen Sinn. Die Männer kämpften für ihn, die Frauen gebaren Kinder für ihn, er beschützte und beschenkte.»

Im Dunstkreis eines solchen Mannes gibt es viel zu gewinnen, erst recht für einen Habenichts. Und tatsächlich bekommt Lobo seine Chance. Er darf auf einer Fiesta singen, seine Darbietung gefällt, und von da an gehört er zum Hofstaat des «Königs». Es ist also milieugerecht, wenn die Erzählung, deren Blickrichtung aus Lobos Perspektive von unten nach oben geht, den Herrn der schmutzigen Geschäfte zum König mit Hofstaat überhöht. Abhängigkeit und Gefolgschaft gelten dort als Grundgesetz; da ist ein Sänger, der von Ruhm und Taten seines Herrn in Volksliedern (Corridos) kündet, gut zu gebrauchen. So wird Lobo als «der Künstler» zum prominenten Mitglied des Hofstaats und verkehrt auf Augenhöhe mit anderen wichtigen Leuten: dem Geschäftsführer, dem Erben, dem Gringo, dem Nordlicht, dem Journalisten, der Hexe und ihrer verführerischen Tochter, der sogenannten x-Beliebigen.

Herrera beschreibt diese Figuren gemäss ihren festgelegten Rollen nicht als Charaktere, sondern als Typen. Lobos Erlebnisse und Eindrücke werden durch das Kunstmittel der erlebten Rede in einer bildkräftigen, manchmal geradezu expressiven Sprache geschildert. Zumal sich dramatische Dinge ereignen. Das «Nordlicht» wird mit einem Dolch im Kopf vor den Palasttüren abgeworfen, die Macht des Königs gerät ins Wanken, der Hofstaat verliert sein Zentrum. Yuri Herrera zeichnet das sarkastische Porträt einer Gesellschaft, in der Macht und Gewalt alles entscheiden. Die Menschen haben als Sklaven dieser Logik zu funktionieren, oder sie haben ausgespielt.

Die kindliche Wirklichkeit

Auch Juan Pablo Villalobos stösst mit seinem Kurzroman «Fiesta in der Räuberhöhle» tief in den innersten Kreis von Verbrechen und Herrschaft vor. In diesem Fall jedoch ist der Protagonist ein kleiner Junge, der Sohn eines Drogenbosses. Und wie in Familien üblich, werden die bösen Geheimnisse vor den Kindern verschleiert; die brutale Wirklichkeit erscheint durch Kindermund und Bubenfantasien verfremdet oder gemildert. Die Verharmlosung, die sich so einstellt, wirkt besonders brutal.

So berichtet der Knabe als Icherzähler von einem «Gast», der eines Tages mit blutverschmiertem Gesicht auftaucht. «Wie sich herausstellte, war der Herr eine Schwuchtel, denn er fing an zu heulen und schrie: Lasst mich am Leben! Das Gute war, dass wenigstens ich mich als Macho erwiesen habe und ich gehen durfte, bevor sie die Schwuchtel in eine Leiche verwandelt haben.»

Das Kinderleben im Schatten der Gewalt wird detailliert ausgemalt. Es gibt keine Mutter, aber viele Dienstboten. Ein vermeintlich unbenutztes Zimmer erweist sich als üppige Waffenkammer, in der sich auch ein Revolver für Kinderhände findet. Es gibt einen Löwen, der bei der Beseitigung von Leichen hilft. Für Politiker zeigt der grossmächtige Papa nur Verachtung: «Halts Maul, Regierungsarsch, nimm dein Almosen und verpiss dich, du Wichser.» Obwohl er gerne ein Macho wäre, leidet der Junge unter häufigem Bauchweh – nicht vom Essen, sondern vom blutigen Geschäftsbetrieb, von dem er mehr mitbekommt, als er verkraften kann. Das ist das zentrale Thema von Villalobos, der 1973 in Guadalajara geboren wurde und heute in Barcelona lebt: die Pervertierung eines jungen Gemüts durch eine Welt, in der Gemetzel zum Alltag gehören.

Es sind zwei schmale, brisante Romane, in denen Herrera und Villalobos den Kollateralschäden der mexikanischen Drogenkriege nachspüren. Sie erzählen von Erwachsenen, die nur noch Machthaber oder Marionetten sind, und ihren Kindern, denen Ähnliches bevorsteht – und die durch ihre frühe Deformation auch zu nichts anderem mehr geeignet sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.07.2011, 12:35 Uhr

Bücher

Yuri Herrera Abgesang des Königs. Roman. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. S.Fischer, Frankfurt 2011. 142 S., ca. 24 Fr.


Juan Pablo Villalobos Fiesta in der Räuberhöhle. Roman. Aus dem Spanischen von Carsten Regling. Berenberg, Berlin 2011. 80 S., ca. 32 Fr.

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