Die Krux mit der historischen Objektivität

Die Historiker Thomas Maissen und Bruno Meier zeigen in ihren Büchern auf, wann und warum sich das Geschichtsbild der Schweiz mit seinen Mythen erstmals ausgeprägt hat.

Mythischer Ort: Der Schwur auf dem Rütli ist Teil der Befreiungsgeschichte der Eidgenossenschaft. Foto: Fabrice Coffrini (AFP, Getty Images)

Mythischer Ort: Der Schwur auf dem Rütli ist Teil der Befreiungsgeschichte der Eidgenossenschaft. Foto: Fabrice Coffrini (AFP, Getty Images)

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Die Schlacht am Morgarten anno 1315, das Gemetzel bei Marignano im Jahr 1515, der Wiener Kongress von 1815: Die Schweiz durchlebt gerade ein Jubiläumsjahr der Superlative bezüglich der historischen Ereignisse, die für die Neutralitätsgeschichte entscheidende Bedeutung haben. Wobei einige schon hier ihr Veto einlegen werden. Denn bekanntlich gibt es einen leidenschaftlichen Streit darüber, ob die Jahre 1315 und 1515 bei diesem Thema wichtig sind – oder nicht vielmehr der Wiener Kongress von 1815 das entscheidende Ereignis war, bei dem die europäischen Grossmächte der Schweiz die Neutralität verordnet haben.

Aufs Neue entfacht wurde der ewige Streit um die Meilensteine und Mythen der Schweizer Geschichte zuletzt von Thomas Maissen, der seit dem Erscheinen seiner «Geschichte der Schweiz» hierzulande wahrscheinlich der prominenteste Historiker ist – und der mit seinem neusten Werk nochmals einen Schub in Sachen Bekanntheit erhielt. Denn in seinem jüngsten Œuvre hat Maissen sich die Schweizer Geschichtsmythen vorgenommen und kapitelweise aufgezeigt, was ausgehend von den historischen Quellen von ihnen zu halten ist, von Wilhelm Tell bis zur Willensnation, von der direkten Demokratie zum helvetischen Sonderfall, wobei Letzterer für eine realitätsfremde «Wagenburgmentalität» stehe: Gemäss Maissen war die Schweiz schon immer Teil einer «abendländischen Wettbewerbsgemeinschaft», die aus Fehlern lernte oder anderswo Erfolgreiches imitierte.

Unbehagen über simple Volte

Aufregung verursachten Maissens «Schweizer Heldengeschichten», weil jedem Kapitel ein Zitat eines prominenten SVP-Politikers vorangestellt ist, das darauf auseinandergenommen wird. Wenig überraschend fühlten sich SVP-Exponenten wie Christoph Blocher in ihrer Deutungshoheit herausgefordert und begannen, in rhetorischen Schaukämpfen die Klingen mit dem Historiker zu kreuzen, der mit der Dekonstruktion der Mythen gemäss Blocher «die Nation wegputzen» wolle.

Dabei spricht Maissen selbst von einem Unbehagen gegenüber der simplen Volte, mit der die Mythen als «falsche, unreflektierte und unüberlegte Vorstellungen» dekonstruiert und damit abgetan werden. Er versteht sich also nicht als Mythenstürmer. Im Gegenteil. Maissen zufolge können die Heroengeschichten eine wichtige gemeinschaftsbildende Kraft haben; ja, sie seien in dieser Hinsicht sogar «unverzichtbar und unersetzlich». Die Frage ist nur, ob die Mythen tatsächlich noch «das historische Selbstbewusstsein einer (politischen) Gemeinschaft» prägen können, wie es der Historiker für die gegenwärtige Schweiz annimmt – oder nicht vielmehr zur Bildung von unversöhnlichen Lagern beitragen, wie wir sie heute zwischen den nationalkonservativen und den linksprogressiven Intellektuellen erleben.

Die Ausprägung eines Geschichtsnarrativs war eine Reaktion auf die Krise, in der sich die Schweiz damals befand.

Zuzustimmen ist Maissen sicher bei der Aussage, dass die Mythen weit mehr über die Zeit aussagen, in der sie erzählt werden, als über die Epoche, auf die sie sich beziehen. Die Aufgabe der Historiker besteht also nicht nur darin, das Vetorecht der Quellen gegen die Mythen anzuführen. Vielmehr geht es auch darum, auf eine allgemeine Historisierung unserer Geschichtsbilder hinzuarbeiten, also aufzuzeigen, inwiefern die Sicht auf die vergangenen Epochen von den gegenwärtigen Zeitläuften bestimmt ist. Das ist ein wichtiger Punkt in Maissens «Schweizer Heldengeschichten», der in der Dekonstruktion der Mythen jeweils ihre Entwicklungsetappen nachzeichnet. Und hier hakt auch das neue Buch von Bruno Meier ein, in dem sich der Aargauer Historiker und Verleger chronologisch durch die Gründungszeit der Eidgenossenschaft arbeitet und dabei all das eindampft, was die Forschung rund um jene Ereignisse weiss, die seinem Buch den Titel geben: «Von Morgarten bis Marignano».

Mit seinem Buch schliesst Meier nicht nur allfällige Kenntnislücken. Wie Maissen zeigt auch Meier auf, zu welchen Zeitpunkten und warum sich das heutige Schweizer Geschichtsbild erstmals ausgeprägt hat. Und das hat nach Meinung der beiden Historiker massgeb­lich mit der Zeit um 1500 zu tun, die man als eigentliche Gründungszeit ansehen müsse, da in dieser Ära die Eidgenossenschaft erste Konturen erhielt und zugleich wichtige Chroniken entstanden, so etwa um 1470 das «Weisse Buch von Sarnen», das erstmals die heute bekannte Befreiungsgeschichte der Schweizer Eidgenossenschaft enthält. Darunter der Widerstand gegen die habsburgischen Vögte, der dann mit Tells Tat, dem Rütlischwur und dem anschliessenden Burgenbruch zur grossen Befreiungsgeschichte der Schweizer stilisiert wurde, die bis in unsere Gegenwart nachwirkt.

Massgeblich popularisiert wurde diese Darstellung von Aegidus Tschudi, einem Glarner Politiker und Humanisten, der das «Weisse Buch von Sarnen» im 16. Jahrhundert als «Chronicon Helveticum» in Form brachte – und damit auch die ersten Historiker inspirierte, auf die sich wiederum Friedrich Schiller mit seinem «Wilhelm Tell» beziehen konnte.

Für die Schweizer Geschichtsschreibung und das helvetische Gemeinschaftsgefühl ist Tschudis Chronik nun insofern bedeutend, als dass sie – so Meier – wichtige Stränge erstmals bündelt, die für das Selbstverständnis der späteren Eidgenossenschaft entscheidend waren. Wobei es aus historischer Perspektive alles andere als zufällig ist, dass sich dieses Selbstbild massgeblich am Ende des 16.?Jahrhunderts ausprägte, als die wachsende Schweiz angesichts der Reformation an ihren konfessionellen Konflikten zu zerbrechen drohte. Die Ausprägung eines Geschichtsnarrativs war also eine Reaktion auf die Krise, in der sich die Schweiz zu dieser Zeit befand.

Diskussion entspannen

Diese Beobachtung findet sich auch bei Thomas Maissen. Überzeugend an beiden Darstellungen ist, dass sie in der Herleitung des Schweizer Geschichtsbildes weit übers 16. Jahrhundert und die Gegenwart hinausweisen. Denn das, was wir historische Objektivität nennen, ist nicht nur von den Kenntnissen der schriftlichen Quellen bestimmt, deren Basis nochmals entscheidend erweitert wurde, als im 19. Jahrhundert das 1798 gegründete Bundesarchiv der Forschung zugänglich wurde. Ebenso entscheidend sind auch die Methoden, mit denen die Quellen ausgelegt werden, die universitären Trends sowie die politische Grosswetterlage, die bestimmte Akzentsetzungen als dringlich erscheinen lassen – und von denen sowohl das Buch von Maissen als auch dasjenige von Meier geprägt ist.

In dieser Hinsicht hätte man sich von beiden Historikern einen noch offensiveren Umgang bei der Markierung der eigenen Position gewünscht: nicht nur mit der Angabe von Literatur und Forschernamen, denen man sein Wissen verdankt, sondern auch, welche Prämissen dabei übernommen wurden, wie diese die eigene Perspektive auf die Geschichte bestimmten – und wie sie entstanden. Wahrscheinlich würde dies auch zur Entspannung der völlig überhitzten Diskussionen führen, wie sie zwischen Maissen und den SVP-Exponenten geführt wurden. Denn niemand ist so glaubhaft und gelassen wie ein Historiker, der die historische Bedingtheit seines eigenen Wissens reflektiert.

Bruno Meier: Von Morgarten bis Marignano. Was wir über die Entstehung der Eidgenossenschaft wissen. Hier + Jetzt, Baden 2015. 224 S., ca. 39 Fr.

Thomas Maissen: Schweizer Helden­geschichten – und was dahintersteckt. Hier + Jetzt, Baden 2015. 238 S., ca. 29 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.07.2015, 18:12 Uhr

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