Rezension

Die Lindenstrasse von London

John Lanchester zeigt in seinem Roman «Kapital», was die Wirtschaftskrise im Leben ganz normaler Menschen anrichten kann.

Die Mittelschicht wird verdrängt durch Ärzte, Anwälte und Banker: Viktorianische Reihenhäuschen in London.

Die Mittelschicht wird verdrängt durch Ärzte, Anwälte und Banker: Viktorianische Reihenhäuschen in London. Bild: Reuters

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Ende des 19. Jahrhunderts war die Pepys Road eine typische Strasse am südlichen Stadtrand von London: Schnuckelige viktorianische Reihenhäuschen, bewohnt von kleinen Angestellten und ehrbaren Beamten, ein Kiezidyll wie gemalt von Samuel Pepys, der im 17. Jahrhundert in seinem Tagebuch die Anfänge der Boomtown London beschrieben hatte.

Inzwischen gehört Clapham zu den begehrtesten Lagen der Megalopolis; jedes Haus ist eine Immobilienspekulation wert. So läuft «Gentrifizierung»: Gute, alte Bausubstanz wird durch protzige An- und Umbauten und luxussanierte Fassaden aufgemöbelt, die alteingesessene Mittelschicht durch Ärzte, Anwälte und Banker aus der City verdrängt. Noch ein paar Jahre, schreibt John Lanchester einmal grimmig über die schöne neue Welt der Designerlofts, Trendlokale und Nobelboutiquen, «und dann kriegen Sie überall nur noch Litschi-Martinis, entkoffeinierte Vanilla Lattes und kostenloses WLAN».

Jedes Haus steht für ein Subsystem

Der 50-jährige Brite weiss, wovon er spricht. In Hamburg geboren, in asiatischen Metropolen aufgewachsen und heute in Clapham lebend, hat Lanchester sich als Kritiker, Lektor, Romanautor und hellwacher Zeitgenosse immer wieder mit Fragen der Globalisierung und Gentrifizierung beschäftigt. Sein letztes Sachbuch «Whoops! Why Everyone Owes Everyone and No One Can Pay» handelte auf unterhaltsame Weise von der aktuellen Schulden- und Finanzkrise. In seinem vierten Roman «Kapital» erzählt er jetzt am Beispiel der – fiktiven – Pepys Road, wie das Kapital die Kapitale London verändert.

Jede Hausnummer steht für ein anderes soziales Subsystem der multikulturellen Gesellschaft: Bankenwesen, Gesundheitspolitik, Religion, Kunstbetrieb, Profisport, die Subkulturen der Migranten und politischen Flüchtlinge. In der Pepys Road 51 etwa wohnt jetzt Roger Yount, ein smarter, aber noch nicht ganz skrupelloser Devisenhändler; seine Frau Arabella hat vor lauter Shoppen, Fit- und Wellness keine Zeit mehr für die Kinder und die kriselnde Ehe. In Nummer 27 lebt Freddy Kamo, ein 17-jähriger Wunderfussballer aus Afrika; sein Vater und ein gerissener Rechtsanwalt helfen ihm, den Kulturschock mit Geld etwas abzufedern.

Nur in Nummer 42 ist die Zeit stehen geblieben: Die 82-jährige Petunia Howe ist die Einzige, die noch in der Pepys Road geboren wurde, und sie denkt nicht daran, ihren Lebensabend durch Marmorbäder, Champagnersausen und Internetanschluss zu verschönern. Ihr Enkel, der durchgeknallte Aktionskünstler Smitty, steht bereit, Omas kleines Häuschen zu plündern und zeitgemäss aufzurüsten.

Ohne Geld ist man nichts

Wie in den grossen realistischen Stadtromanen von Balzac, Dickens und Zola (oder den TV-«Lindenstrassen» des Fernsehens) gehören zum sozialen Kosmos der Pepys Road auch die Diener und Opfer der neuen Herren: Putzhilfen und Paketboten aus aller Welt, osteuropäische Billiglohnkräfte und Au-pair-Mädchen, brot- und arbeitslose Künstler der Generation Praktikum. Angelockt vom Glanz der Metropole, fordern sie ihren Anteil am Kuchen des globalisierten Kapitals, aber nur wenige finden hier ihr Glück oder gar eine neue Heimat.

Shahid, der pakistanische Muslim, der mit seiner Grossfamilie einen Kiosk in der Pepys Road betreibt, gerät unter Terrorismusverdacht, nur weil sein Bruder einmal in Tschetschenien und zu oft in der Moschee war. Der polnische Handwerker Zbigniew arbeitet für Arabellas Schöner-Wohnen-Heim und lebt selber in einer Absteige. Matya, das ungarische Kindermädchen der Younts, wird entlassen, als der Hausherr, sehr zum Entsetzen seiner Frau, erst seinen Jahresbonus und dann seine Stelle verliert. Quentina, vor dem politischen Terror in Zimbabwe geflohen und als Politesse meistgehasste Frau der Strasse, landet im Räderwerk von Ausländerbehörden, Asylantenheim und Abschiebehaft.

Man kann ein grosses Herz und noch so grosse Träume haben: Ohne Geld ist man in der Pepys Road nichts. Selbst der verhätschelte Jungprofi ist als Sportinvalider nur noch eine Fehlinvestition, die gnadenlos aussortiert und abgeschrieben wird. So entfaltet John Lanchester in 107 Shortcuts mit der Allwissenheit und Empathie des klassischen auktorialen Erzählers ein gross angelegtes Panorama des Kapitalismus in der Krise (der Roman spielt zwischen 2007 und 2008). Die Figuren und Schicksale sind nur lose miteinander verzahnt, aber gerahmt durch eine gemeinsame Bedrohung, die den Episoden Struktur und der Handlung eine gewisse kriminalistische Spannung gibt.

Alle Bewohner der Pepys Road finden in ihren Briefkästen immer wieder anonyme Wurfsendungen mit toten Vögeln, Hundekot und der kryptischen Botschaft «Wir wollen, was ihr habt»; und Akte von Vandalismus, Graffiti und Internetmobbing unterstreichen den Ernst der Drohungen. Jeder und jede hat ein Motiv für Rache und Hass: der zu Unrecht als Jihadist verdächtigte Kioskverkäufer genauso wie der erfolglose Möchtegern-Beuys oder die schikanierte Politesse.

«Kapital» ist kein perfekter Roman. Lanchester schneidet die armen, aber ehrlichen und trotz allem glücklichen Underdogs und ihre profit- und konsumgeilen Bedrücker und Ausbeuter manchmal ein wenig zu schematisch und moralisch gegeneinander. Das Happy End kommt so plötzlich und sentimental wie in einer Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens: Die Younts verlieren durch die Bankenkrise alles, ihre Dienstboten werden für ihren Mut und Stolz reich belohnt. Zbigniew gibt den Geldkoffer zurück, den er in Petunias Haus fand, und gewinnt dafür Matyas Herz: Geld, so die doch etwas fade Moral, macht nicht glücklich. Was wirklich zählt, sind alte Tugenden und Werte: Liebe, Familie, Heimat, ehrliche Arbeit, echte Gefühle.

So kanns nicht weitergehen

Trotz dieser Schwächen ist «Kapital» ein starkes Stück Literatur. Lanchester erzählt im Kleinen, wie ein «System» im Grossen und Ganzen funktioniert, das durch Ehrgeiz, Gier und Angst, gnadenlose Effizienz und empörende Ungerechtigkeit geprägt ist, ohne je in gesellschaftskritischen Abstraktionen oder hoffnungsloser Schwarzmalerei zu versinken. Die Figuren mit ihren kleinen und grossen Sorgen wachsen einem mit der Zeit ans Herz, selbst der geschasste Banker; nur das Luxusweibchen Arabella bleibt eine Karikatur.

Lanchesters «Kapital» hat nicht die analytische Schärfe und Unerbittlichkeit von Marx’ «Kapital», aber der warmherzige, humorvolle Chronist des Londoner Vorstadtalltags und der kaltblütige Kritiker der politischen Ökonomie sind sich einig darin, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Rogers letztes Wort macht Hoffnung: «Ich kann mich ändern.»

Erstellt: 11.11.2012, 06:45 Uhr

«Kapital»

John Lanchester: Kapital. Übersetzt von Dorothee Merkel. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2012. 682 S.

Der Autor liest am Dienstag, 13. November 2012, um 20 Uhr im Kaufleuten in Zürich.

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