Die Scham über die Scham

Drei Frauen, viele Lügen und ein wenig Magie: Marie NDiayes neuer Roman «Ladivine» erzählt davon, was der Rassismus in einem Leben anrichten kann.

Virtuosin des Unbehagens: Marie NDiaye verfügt über eine Literatursprache mit einzigartigem Klang. Foto: Heike Steinweg (Opale)

Virtuosin des Unbehagens: Marie NDiaye verfügt über eine Literatursprache mit einzigartigem Klang. Foto: Heike Steinweg (Opale)

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Das N-Wort fällt nur ein einziges Mal. Aber präsent ist es im ganzen Buch, unausgesprochen, untergründig, aber unablässig. Marie NDiayes «Ladivine» ist kein Roman über den Rassismus, aber er erzählt davon, wie dieser die Psyche von Menschen zerstört und Familien zersetzt, bis ins dritte Glied. Die 45-jährige Autorin mit senegalesischem Vater und französischer Mutter, seit dem Prix Goncourt 2009 in der ersten Reihe der Autoren ihres Landes und durch Übersetzungen bei Suhrkamp auch bei uns längst präsent, ist eine Meisterin der widersprüchlichen Empfindungen, eine Virtuosin des Unbehagens, eine unerschrockene Forscherin im Zwischenreich von Wirklichem und Unwirklichem.

Um «Drei starke Frauen» ging es im vorigen Roman. Diesmal sind es drei verunsicherte, mit sich selbst entzweite, zwischen Schuld und Scham zerrissene Frauen. Es sind Grossmuttter, Mutter und Tochter. Clarisse, die Mutter, heisst eigentlich Malinka. Ihr Vater, ein Weisser, hatte die Mutter – eben die «Negerin» – verlassen, als diese das Kind bekam. Malinka hat helle Haut und auch sonst wenig von ihrer Mutter. Am Widerwillen der Schulkameradinnen erkennt sie, dass ihre Abkunft einen Makel darstellt. Fortan verleugnet sie diese, vor anderen und sich selbst. Sie zieht aus, legt sich einen neuen Namen zu – in «clair» von «Clarisse» schwingt sowohl «hell» als auch «durchsichtig» mit – und verschweigt Richard, dem jungen Autoverkäufer, den sie heiratet, die Existenz ihrer Mutter. Der Mutter wiederum verschweigt sie ihr ganzes neues Ehe- und Familienleben, besucht sie einmal im Monat in Bordeaux, mit schlechtem Gewissen.

Eine Schlüsselszene spielt in dem Café, in dem sie arbeitet und das ihre Mutter einmal unangekündigt aufsucht. Die Chefin, die Verwandtschaft erkennend, sagt zu Clarisse: «Ich hoffe, sie wird es sich nicht einfallen lassen, wiederzukommen, das wäre nicht gut fürs Haus.» Offener Rassismus – der sich so offen gar nicht mehr artikulieren muss. Was er, verdeckt und verinnerlicht, in den Personen anrichtet, zeigt Marie NDiaye am deutlichsten an Clarisse/Ma­linka. An ihrer inneren Spaltung. An ihrer Scham, «von dieser Frau abzustammen». An der Scham über diese Scham. An ihrem Drang, kompensatorisch Gutes zu tun, ihrem Mann eine perfekte Ehefrau, ihrer Tochter Ladivine eine perfekte Mutter zu sein. «Es gab keinen Ausweg aus dieser Gewalt, dieser Schande, als den der grössten, der unbestreitbarsten Güte überall sonst.»

Ein Leben als Lüge

Das kann nicht funktionieren: Die neue Existenz in einer Mittelstandsfamilie, «nett und reizend und wunderbar normal», ist eine Konstruktion, eine Lüge, die «unendliche, unerbittliche Liebenswürdigkeit» gegenüber jedermann das Ergebnis permanenter Anstrengung. Ihre Nächsten bemerken die «dünne Eiswand um sie herum» und ziehen sich aus der falschen Familienidylle zurück. Die Tochter Ladivine prostituiert sich und geht dann nach Berlin, wo sie eine ähnlich angepasste, ähnlich uneigentliche Bürgerfamilienexistenz aufbaut.

Als ihr Mann sie verlässt, begreift Clarisse das als verdiente Strafe: «Das war es also, was mich erwartete.» Sie tut sich mit Freddy zusammen, einem Verlierertyp mit soziopathischen Zügen. Ihm stellt sie ihre Mutter vor, kehrt zu ihrem richtigen Namen zurück und empfindet erstmals «fraternité» – das ist der berühmte dritte Begriff der Französischen Revolution und meint hier im fast christlichen Sinn die Gemeinschaft der Armen, der «exclus». Es nützt nichts: Indem sie beide endlich die sein können, die sie sind, kommt bei Freddy die lebensgeschichtlich aufgestaute Wut hoch, und er ersticht Clarisse – wieder eine «kompensatorische» Reaktion.

Der zweite Teil des Buches zeigt die Tochter Ladivine mit ihrem deutschen Mann und den beiden Kindern auf einer missglückten Urlaubsreise in ein un­genanntes, wahrscheinlich nordafrikanisches Land – es ist zufällig das, aus dem die «négresse», die Grossmutter, stammt. Der lebensängstliche Mann und seine Kinder trauen sich kaum aus dem Hotel heraus, nur Ladivine fühlt sich plötzlich frei. Sie wird von verschiedenen Einheimischen «erkannt», als gehöre sie eigentlich hierher. Sie gleitet in eine neue Existenz und – das ist magischer Realismus à la NDiaye – in eine neue Haut: die eines Hundes, der sie ­beschützend begleitet hat. In dieser ­anderen Welt hofft sie, auch ihrer ermordeten Mutter wieder zu begegnen.

Solche Grenzüberschreitungen und Identitätstransfers zwischen Mensch und Tier kennt man von der Autorin. Nicht nur mit solche Passagen geht sie über die klassische Psychologie hinaus, eine Domäne der französischen Literatur, die aber das Verhalten von Clarisse und Ladivine – und der anderen Figuren – nicht erklären kann. Dazu ist es zu sprunghaft, rätselhaft, wetterwendisch.

Charaktere mit festen Konturen, wie sie den bürgerlichen Roman bevölkerten, sind diese Figuren nicht mehr. Deshalb setzt Marie NDiaye ganz auf die Innenperspektive. Nur sie wird ihnen gerecht, und sie bewirkt, dass sich die Erschütterungen, die die Figuren im Romaninnenraum erleben, auf die Leser übertragen. Das Ich und die Realität, Ort und Zeit, Mensch und Tier, Leben und Tod: All dies ist im Romanuniversum der Marie NDiaye nicht fixierbar, nicht fassbar. Und diese Ungewissheit erzeugt ein äusserst intensives, geradezu kreatives Unbehagen, weil es sich niemals in ein «klar, so ist es» auflöst.

Ein Leben mit Sprengfallen

Angetrieben wird dieses Unbehagen durch Marie NDiayes Sprache: halluzinatorisch sicher und zugleich wie manisch in sich kreisend, in klassisch reinem Französisch, das aber durchaus unklassisch mäandert, hier die traditionelle «règle des trois adjectifs» befolgt, dort die Konturen verwischt. Eine Literatursprache mit einem einzigartigen Klang. Einzigartig ist auch ihr Personal. In ihm kreuzen sich gesellschaftliche Anforderungen, denen es nicht entsprechen kann – oder nur um den Preis der Selbstzerstörung. Das Frankreich der Marie NDiaye ist ein Ort des Schreckens, geprägt von Verbotstafeln und durchzogen von Drähten, die, wenn man sie berührt, zu Sprengfallen werden.

Kein Wunder, dass mancher den Ausweg in anderen Welten sucht. Auf den letzten Seiten trifft die verleugnete Mutter (auch sie heisst Ladivine) erstmals Clarisses Ex. Ein Hund – einer der vielen – kratzt an der Tür und bekommt Einlass. «Er brachte ihnen Malinkas zuckendes Herz zurück, und vielleicht auch, so dachte sie in ihrer glühenden Freude, das Versprechen einer neuen Klarheit, die jeden Tag erhellen würde.»

Marie NDiaye liest am 22. Mai, 19.30 Uhr, im Literaturhaus Zürich und am 23. Mai, 19 Uhr, im Literaturhaus Basel.

Erstellt: 21.05.2014, 07:20 Uhr

Marie NDiaye: Ladivine. Roman. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Suhrkamp, Berlin 2014. 446 S., ca. 34 Fr.

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