Online-Experiment

«Die Schweiz ist des Schlächters Herz»

«Und die Zellen sterben ab, Zehen werden schwarz»: Lesen Sie hier die Geschichte, die Blogger Flurin Jecker am Freitag auf unserer Redaktion geschrieben hat.

«... jede Zelle, die zum Weiterleben des Teufelidols nötig ist»: Flurin Jecker liest seinen Text.
Video: Linus Schöpfer

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Wir schlachten ein Schaf. (Zitat Andri Perl)

Also «wir»: das heisst die Menschen. Und sind es die, dann heisst es immer auch:

«Wir dulden kein Wenn und Aber.»

Und hiesse es: «Wir schlachten uns jetzt selber!»: wer's nicht täte, wär der Täter, wär der Verräter.

Nicht umgekehrt: wer umkehrt schadet; das heisst es, wenn die Menschen reden. So wird geschlachtet, wann immer der Schlächter den Startschuss gibt.

Dass dieser unsterblich ist: das ist, was die Menschen zerstört; das ist, was die Menschheit zerstören wird.

Nur Gott und der Schlächter.

Sie nennen den Letzteren auch den Teufel, doch ist er es nicht. Er ist es nicht! Nicht er ist es, der die Menschen gegeneinander aufhetzt; nicht der Teufel ist es, der die Menschen schlachten lässt; nicht er ist es, der jedem einzelnen Menschen die Gefühle ausrupft, wie ebendieser Mensch die Federn seiner Gänse; er ist es nicht, der den Menschen die Fühler, die Taster abschert, wie ebendiese die Wolle ihrer Schafe.

Der Teufel ist es nicht, der die Menschheit letzten Endes schlachten wird, die Menschheit sich selber schlachten lässt:

Der Schlächter ist der Mensch selbst.

Die Menschheit ist der Schlächter: der Schlächter seiner selbst.

Und die Schweiz ist das Herz. Das Herz, das pumpt, alles vorantreibt, das den Puls, den Druck bestimmt.

Die Schweiz bestimmt den Blutdruck –

Die Schweiz mit ihren Bürgerinnen und Bürgern, mit ihren Institutionen und Gesetzen; die Schweiz, mit all dem, was sie zu dem Land macht, das wir kennen, dem Land, in dem wir leben. Genau dieses Land – und kein anderes – ist das Herz des Schlächters.

Dieses Land ist es, das das Adrenalin durch die Blutgefässe des Schlächterkörpers pumpt; den Blutrausch erzeugt; jede Zelle, die zum Weiterleben des Teufelidols nötig ist, mit Sauerstoff versorgt.

Die Schweiz ist es, die nicht nur die Hormone, nicht nur die lebenswichtigen, die für den Schlächter zum Überleben wichtigen Stoffe zirkulieren lässt, sie ist es auch, die das Gift verteilt.

Sie vergiftet den ganzen Körper.

– Und die Zellen sterben ab, Zehen werden schwarz, das Augenlicht verblasst. Doch sind es bloss die Zellen, die leiden, der Körper genest; verreckt eine Zelle, versklavt sich eine neue:

Voller Vorfreude.

So lebt der Schlächter, bis auch die letzte Zelle verendet ist.

Bis dahin existiert er nicht nur, bis dahin lebt er und spricht vom Teufel: der er selber ist. Er hält das Flutlicht und sucht ihn seit Jahrtausenden; sucht sich seit Jahrtausenden.

Sucht auf die rücksichtsloseste Weise, besessen und voller Angst: trampelt jeden Grashalm, jede Blütenblume nieder; er zerdrückt, zerquetscht jedes Insekt; erschiesst jedes Wildtier; rodet jeden Wald; er verstümmelt sich und schlachtet jedes Lebewesen auf dieser Welt:

Doch findet er nichts: er sieht sich nicht.

Weil er nicht hinhört: nur Musik hört. Weil er nicht hinsieht, sich nichts von nahem ansieht: nur fern sieht. Weil er nicht nachdenkt: weil er denkt, er denke nach, er schaue nach und suche ja – seit Jahrtausenden. Doch denkt er nicht:

Er hat nur Angst.

Ich suche ja!

Doch wird er nichts finden. Ausser, was er kennt, was er als zerstört erkennt: findet er nichts! Nichts wird er finden, auch wenn er sucht, bis alles zerstört, jede seiner eigenen Zellen verkümmert ist – und das wird er.

Weil er suchen muss.

Er macht sich auf; von seinem ersten Tag bis zum letzten, er nennt ihn den jüngsten, nimmt er das Flutlicht und macht sich auf. Er beleuchtet die Wege, die Wälder, die Wiesen, die vor ihm liegen: doch sieht er nichts ausser ebendiesen. Er sieht sich nicht. Er sucht in Seen, die sich spiegeln, wo er sich vor sich finden würde, sich, den Teufel, finden könnte, doch flutet, überflutet er den Spiegel –

Und blendet sich: er sieht sich nicht.

Das ist die Tragödie des Menschen. Und je länger er sucht, je länger er schlachtet, desto verzweifelter, desto rücksichtsloser zerstört er; desto krankhafter lebt er; desto behafteter von Krankheit ist er; desto schneller pumpt das Herz – die Schweiz – und desto schneller zerstört das Gift, töten die Drogen die Zellen des Schlächters: und schlachten die Gifte die Menschen.

So wird die Suche ewig dauern, wird die Suche tragisch scheitern, tragisch enden.

Nur eines wird ihm helfen können. Wenn er, der Mensch, innehält und sich fragt:

Ist der Teufel, ist der Schlächter – bin es ich?

Erstellt: 03.08.2012, 13:04 Uhr

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Flurin Jecker

Der Berner Flurin Jecker (*1990) ist Blogger, Schriftsteller, Kolumnist und Biologie-Student. Einem breiten Publikum wurde er bekannt durch TV-Auftritte (u. a. «Club»). Momentan arbeitet er an einer autobiografisch basierten Erzählung.

Link zu Jeckers Website.

Online-Experiment Live-Prosa

Jeden Freitag lädt Tagesanzeiger.ch/ Newsnet einen Poeten in die Redaktion ein, der während zwei Stunden an einer Geschichte schreibt. Das Spezielle daran: Die Geschichte entsteht vor den Augen der Leser, live und online – die Arbeit des Autors kann in Echtzeit nachvollzogen werden.

Es gilt das Stafettenprinzip: Ein Autor setzt seinem Nachfolger den ersten Satz. Jener Satz wird dem Starter aber erst unmittelbar vor der Online-Schaltung bekannt gegeben, um den Live-Charakter zu wahren.

Die nächsten Live-Poeten sind:
10.8.: Guy Krneta
17.8.: Hazel Brugger
31.8.: Matto Kämpf
7.9.: Oskar Freysinger

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