«Die Schweiz ist eine Verbindung von Hightech und Kuhgeruch»

Im deutschsprachigen Raum und in der Ukraine ist er ein Star: Der Schriftsteller Juri Andruchowytsch über Schweizer Leitungswasser und die Angst vor der Heimat.

«Brüssel und Strassburg sind für uns die einzigen Zufluchtsorte»: Der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch 
kritisiert die «mafiöse Clique»  um Präsident Janukowitsch scharf, die in seiner Heimat seit 16 Monaten wieder das Sagen hat.

«Brüssel und Strassburg sind für uns die einzigen Zufluchtsorte»: Der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch kritisiert die «mafiöse Clique» um Präsident Janukowitsch scharf, die in seiner Heimat seit 16 Monaten wieder das Sagen hat. Bild: Stefan Anderegg

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Herr Andruchowytsch, einmal sagten Sie über die Schweiz: «Alles ist sehr reguliert – zu viel für mich. Diese Ordnung ist gut für einen kurzen Aufenthalt, aber nicht für ein ganzes Leben.» Gilt das noch immer?
Juri Andruchowytsch: Diese überregulierte Ordnung stört mich nicht mehr ganz so stark wie damals, denn inzwischen gibt es in der Ukraine immer mehr Chaos. Die Sache ist einfach: Vor vier Jahren war ich mit der Ukraine politisch einverstanden, das war die Zeit, als die Leute regierten, die ich unterstützte. Jetzt sind Leute an der Macht, die ich als Feinde betrachte, deswegen ist jeder Aufenthalt ausserhalb der Ukraine so angenehm. Mein Schweiz-Bild ist jetzt viel tiefer, weil ich mehr gesehen und verstanden habe. Die Jahreszeit ist eine andere. Damals war Winter, und ich kam gerade aus Berlin. Die Schweiz war für mich weniger attraktiv als Berlin.

Aber irgendetwas aus Ihrer Heimat vermissen Sie bestimmt.
Den ganz engsten Kreis, meine Freunde und meine Wohnung, meine ganz private Welt. Nützlich an meinem Aufenthalt in der Schweiz ist, dass sich meine Wut, mein Ärger und meine Bösartigkeit verabschiedet haben. Ich bin ruhig und lebensfreudig geworden. Es ist eine positive Pause von der Ukraine.

Bald kehren Sie in die Ukraine zurück – um schon im Herbst wieder in die Schweiz zu kommen. Sie sind ein Pendler zwischen den Welten.
Ja, einen echten Abschied nehme ich nie.

Was würden Sie von hier am liebsten in die Ukraine mitnehmen?
Das zeigt ein Traum, den ich kürzlich in Zug hatte. Ich trinke darin Leitungswasser. Da kommt mir ein schrecklicher Gedanke: Ich bin nicht mehr in der Schweiz, ich bin in der Ukraine. Ich darf nicht Leitungswasser trinken, das wird bei uns jedem Kind beigebracht. Denn das Wasser bringt allerhand Krankheiten mit sich, es ist giftig. Sofort überfiel mich eine grosse Angst.

Was bedeutet das?
Aus psychoanalytischer Sicht ist das etwas sehr Tiefes. Wasser steht symbolisch für alles, für das Leben. Es ist die Basis für unsere Existenz. Wenn man Freud oder noch besser Jung fragen würde, was dahintersteckt, könnte er vielleicht sagen: Alles, das Dasein schlechthin. Zumindest aber das Leben, das Wasser symbolisiert das Leben schlechthin.

Und in Ihrem konkreten Fall?
Es ist die Angst vor der Heimat, vor der Rückkehr. Eine Heimat, die elementare Dinge wie reines Wasser nicht bieten kann. Hier in der Schweiz gibt es einen Basiskomfort. Du streckst die Hand aus und bekommst Wasser. In Solothurn verlangte ich Wasser, der Kellner brachte mir ein leeres Glas und zeigte freundlich auf den Brunnen neben uns. Schon 2004, als ich zum allerersten Mal in die Schweiz kam, fiel mir als Erstes die Farbe der Flüsse und der Seen auf. Sie kann ganz verschieden sein, aber das Wasser ist immer rein, sauber und durchsichtig.

Ist die Normalität also schon ein Wunder?
Die Traumgeschichte geht noch weiter: Am Morgen danach habe ich wie immer im Internet Nachrichten aus der Ukraine gelesen. Aus der Stadt Mariupol am Asowschen Meer wurden gerade erste Fälle von Cholera gemeldet. Und in der Stadt Makijivka bei Donezk, ebenfalls in der Ostukraine, wurden zahlreiche Menschen nach einer Störung im Kanalisationssystem von Leitungswasser vergiftet, das voller Fäkalien war. Das wirkte auf mich wie eine Bestätigung: Man kann natürlich alles kritisieren in der Schweiz, aber sie gibt – anders als meine Heimat – dieses Minimum. Du bekommst reines Wasser. Gratis.

Auch in Ihrem Roman «Perversion», der im Herbst auf Deutsch erscheint, spielt das Wasser eine zentrale Rolle.
Schon das Sternzeichen des Helden ist Fisch, es wird im Roman die ganze Philosophie des Wassers verhandelt. Der Held kommt in die Wasserstadt Venedig, und er verschwindet dort als Fisch im Meer.

Reagiert Ihr Publikum in der Ukraine anders als jenes im deutschsprachigen Raum?
In meinem Roman «Zwölf Ringe» gibt es einen Österreicher, der in die Ukraine kommt. Seine Einschätzungen und Beobachtungen werden vom Publikum hier besser verstanden als von den ukrainischen Lesern.

Wann lachen die Zuhörer?
Das deutschsprachige Publikum schmunzelt und lacht oft bei Passagen, die mit Ironie verbunden sind. Die Ukrainer tun das nicht. Aber sie lachen dafür bei grobem, deftigem Humor viel und laut und reagieren manchmal sehr stürmisch.

Gibt es Unterschiede im Literaturbetrieb?
In der Ukraine sind meine Auftritte nicht sehr häufig, aber dann sind es richtige Events. Sie finden in grossen Sälen statt, es wird intensiv Werbung dafür gemacht. Der Unterschied liegt also schon allein in der Menge. Zwei-, drei- oder fünfhundert Leute, das ist normal. Das gilt besonders für die Hauptstadt, für Kiew. In der Schweiz bin ich manchmal auch froh, fünfzehn, zwanzig Leute zu haben. Der öffentliche Raum hier ist im Vergleich zur Ukraine von verschiedenen kulturellen Veranstaltungen durchtränkt. In der Ukraine sagt man manchmal, dass ich im Westen bekannter bin als in der Ukraine. Aber das stimmt nicht.

Wie nehmen Sie die Schweiz wahr?
Modern und rustikal, eine Verbindung von Hightech mit diesem omnipräsenten Kuhgeruch. Wenn ich in Zug am Schreibtisch sitze, höre ich ständig die Kuhglocken von den Hügeln – vielleicht auch etwas zu viel. Fast überall in der Welt gehört es zum guten Ton, die Schweiz zu kritisieren. Aber man macht es mit viel Sympathie, es ist eine Art ironische Liebe.

Sie sprechen sehr gut Deutsch, aber natürlich nicht Dialekt. Wie reagieren die Schweizer im Alltag auf Sie?
Ich vermute, die Leute denken, dass ich aus Deutschland komme. Und ich glaube, dass sich die Schweizer an die Präsenz der Deutschen gewöhnt haben. Dafür hatte ich in Berlin ein lustiges Erlebnis. Ein Verkäufer hat meine Aussprache gehört und gesagt: «Du bist also Schweizer.» Dann begann er «Ricola, Ricola» zu singen.

Gibt es in der Schweiz Platz für Wölfe und Bären?
Ich kann mir die Welt ohne Bär und Wolf nicht vorstellen. Aber ich kann die Schweizer beruhigen: Vor zwanzig Jahren gab es auch in den ukrainischen Karpaten keinen Wolf, er war ausgerottet worden. Dann wurde er wiederangesiedelt. Solche Verluste kann man wiedergutmachen. Wichtig ist es, das Problem zu erkennen. Zu spät aber ist es, wenn das ganze Wasser giftig ist. Dann ist es auch für Bären und Wölfe zu spät.

Tourismus, Kommerz und Zweckmässigkeitswahn schaffen das auch.
Ein supermodernes Land wie die Schweiz läuft Gefahr, dass es nach und nach alle natürlichen Erscheinungen ausrottet, ohne das zu bemerken. Mein Freund Chrigu Haueter von der Alp Morgeten im Simmental zum Beispiel setzt sich kategorisch dafür ein, dass man den Kühen die Hörner lässt. Er macht einen Käse, der heisst Hornmilchkäse. Dahinter steht die Frage: Wieso dürfen die Menschen entscheiden, was für die Kuh besser ist? Ob die Hörner überflüssig sind oder nicht? Man denkt in menschlichen Kategorien über die Tiere.

In Reden und Essays lesen Sie der Ukraine, aber auch der EU seit Jahren die Leviten. Was sagen Sie Brüssel heute?
Im Moment macht der Westen alles richtig. Die EU versucht jetzt die mafiöse Clique, die bei uns herrscht, an der kurzen Leine zu halten. Denn sonst geht die Ukraine für immer verloren und wird wieder ein Teil von Russland. Das will die EU nicht. Diese Situation allerdings ist die Folge der völlig falschen EU-Politik gegenüber Kiew nach der Orangen Revolution von 2004. Doch jetzt ist das der einzige Weg: die ukrainische Macht zu kontrollieren, ohne direkt Druck auszuüben. Auch diese Macht soll die Chance haben, das Land und sich selbst zu öffnen.

Hat die EU derzeit nicht einfach zu viele andere Sorgen?
Es gibt viele Nachteile in den Strukturen der EU. Trotzdem gibt es bis heute kein Land, das ausgetreten wäre. Die EU hat weiterhin eine Perspektive. Für uns sind Europas Institutionen auch in einem ganz konkreten Sinne eine Hoffnung: Oppositionelle Politiker, unter ihnen Julija Timoschenko, werden malträtiert, sie werden in Untersuchungshaft genommen, einige von ihnen sitzen auch jetzt im Gefängnis. Heute haben wir zum ersten Mal nach der Sowjetzeit wieder politische Häftlinge in der Ukraine. Die einzige Möglichkeit für die Opposition, zu intervenieren, sind die europäischen Instanzen. Ihre Vertreter klagen vor dem europäischen Gerichtshof, und sie berichten darüber im Europäischen Parlament. Brüssel und Strassburg sind für uns die einzigen Zufluchtsorte.

Wer wird zuerst Mitglied der Europäischen Union sein: die Ukraine oder die Schweiz?
Die Ukraine natürlich. Für die Schweiz ist der Beitritt kein Ziel, für die Ukraine bietet er aber die Möglichkeit, sich im guten Sinne zu ändern. Er ist eine echte Chance, dass das Wasser auch bei uns reiner wird.

2012 richtet die Ukraine zusammen mit Polen gemeinsam die Fussball-EM aus. Wo sehen Sie Chancen und Risiken des gemeinsamen Projektes?
Ich sehe lauter Gefahren und Risiken. Vor allem spielt unsere Nationalmannschaft armselig. Die Ukraine hat keine Chance, die Gruppenphase zu überstehen. Das bedeutet: Die Schande wird sich auf verschiedenen Ebenen manifestieren. Von der notwendigen Infrastruktur werden nur die Stadien und die Flughäfen bereit sein. Die Züge, die Strassen, der öffentliche Verkehr sind in einem katastrophalen Zustand. Die Menschen sprechen keine Fremdsprachen, die Taxifahrer sind unfreundlich, sie können nichts erklären, Stadtpläne gibt es nicht. Fünfsternhotels, wie man sie jetzt in Kiew baut, braucht man nicht. Fussballfans sind eigentlich Leute, für die schon ein Dreisternhotel zu viel ist. Sie brauchen billige Unterkünfte, viel Bier und Prostituierte – und die werden sie bekommen. Wäre ich der Präsident, würde ich sagen: In Italien oder in Deutschland, die können und wollen das – aber bitte nicht hier.

Erstellt: 04.07.2011, 14:10 Uhr

Zur Person

2011 ist für den ukrainischen Schriftsteller ein «Schweizer Jahr». Seit Februar arbeitet der 51-Jährige als Gast der Kulturstiftung Landis&Gyr in Zug. Im Herbst ist er Stipendiat im Atelier Müllerhaus in Lenzburg. Zur Frankfurter Buchmesse erscheint bei Suhrkamp im Oktober die deutschsprachige Ausgabe seines Romans «Perversion».

Andruchowytsch wurde 2003 mit seinen Essays «Das letzte Territorium» schlagartig auch im deutschsprachigen Raum bekannt. In seiner Heimat, der Ukraine, gilt er seit vielen Jahren als Kultautor und Publikumsmagnet an Festivals. Bei Suhrkamp sind von ihm zwei Romane und vier Essaybände greifbar. Der begnadete Erzähler und luzide Analytiker aus Iwano-Frankiwsk (Stanislau) ist auch ein grosser Lyriker: 2009 erschien eine Auswahl davon in deutscher Sprache («Werwolf Sutra», Wunderhorn). Seine Poesie stellte er eben mit einer Band auf einer Schweizer Tournee vor. 2006 erhielt er den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

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