Die Sensationen des Alltags

Paare, Freunde, Verlassene: Julian Barnes’ neue Erzählungen blicken unter die Oberflächenglasur der englischen Mittelklasse. Am Samstag stellt er «Unbefugtes Betreten» in Zürich vor.

Julian Barnes treibt in seinem Erzählband das Unspektakuläre bis ins Extrem.

Julian Barnes treibt in seinem Erzählband das Unspektakuläre bis ins Extrem. Bild: Karen Robinson (Keystone)

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Die Novelle war nach klassischer Definition Schauplatz einer «unerhörten Begebenheit». Die moderne Erzählung, in manchem ihre Nachfolgerin, kommt weniger spektakulär daher. Julian Barnes treibt in seinem neuen Band «Unbefugtes Betreten» das Unspektakuläre bis zum Extrem: Bis auf ein paar Ausflüge in historische Gefilde, ins 18. und 19. Jahrhundert, verlässt er den unmittelbaren Bezugs- und Erlebnisrahmen seiner Leser nicht. Er erzählt, was wir kennen, lieben oder fürchten. Von Ehen, die halten oder zerbrechen. Von Freunden, die bei gutem Essen zusammensitzen und die Welt auf Konversationsniveau herunterbrechen. Vom Wandern und Gärtnern. Von Einsamkeit und Krankheit.

Es fehlt diesen Erzählungen, 14 sind es insgesamt, jede äussere Dramatik. Sie haschen auch nicht nach Bedeutsamkeit durch den Stoff. Bedeutung gewinnen sie durch genaue, eindringliche, liebevolle Beobachtung, die der Autor praktiziert. Und indem wir ihm dabei zusehen, sehen wir selbst auch genauer hin – in diesen Texten und darüber hinaus.

Nehmen wir die Titelgeschichte «Unbefugtes Betreten». Darin lernt ein frisch geschiedener Lehrer beim Wandern eine Frau kennen, sie kommen sich näher, wandern und schlafen fortan zusammen. Es kommt zu kleinen Misshelligkeiten; wir merken, der Mann ist ein bisschen vereinnahmend, ein bisschen besserwisserisch, ein bisschen zwanghaft. Da wir die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt bekommen, bemerken wir quasi nur aus den Augenwinkeln, wie sich die Frau erst wundert und dann langsam auf Distanz geht. Bass erstaunt wird der Mann sein, wenn er die nächste Wanderung wieder allein machen muss. Dass wir es ahnen, der eigentlich Betroffene und Auslösende aber nicht: Das ist Barnes’ Erzählkunst.

Der Garten als Kampfplatz

Ein anderes Paar, acht Jahre verheiratet, kinderlos, legt sich einen Garten zu. Beide verbinden sehr unterschiedliche Vorstellungen damit: Er hätte gern Rasen und Gemüse (nützlich!), sie will Blumen (schön!). Der Hintergrund: Sie ist ein Stadtkind, das Natur grundsätzlich für gut hält und sich «mit dem fanatischen Eifer aller Autodidakten» mit Büchern in das neue Beschäftigungsfeld einarbeitet; er kommt vom Land und strebt nach Domestizierung des Wilden.

Der Garten, beider Wunsch, lässt das Gegensätzliche zwischen ihnen aufblühen, ohne dass es jemals zur Sprache gebracht wird; nur einmal denkt er, in einer Aufwallung von Ärger und Erkenntnis: «Ja, ich könnte dich sehr wohl verlassen.» Stattdessen bewirbt er sich um einen Schrebergarten und bekommt ihn auch: Dort kann er künftig seine Brombeeren pflanzen, die sie bloss für Gestrüpp hält. Eine pragmatische, eine englische Lösung.

Ja, die Ehe, überhaupt Nähe zu einem anderen: Das ist für Barnes das Abenteuer unserer Breitengrade. Und ist es nicht eins, vom Wunder der Liebeswahl – was ist der Auslöser?, fragt vor allem die Geschichte «Carcassonne» – über die zahllosen kleinen Konflikte, Arrangements und Kompromisse bis hin zum Schwierigsten: damit zurechtzukommen, wieder allein zu sein. Weil der andere es mit einem nicht ausgehalten hat. Oder weil er weggestorben ist.

Einfach, klar, weise

Dass man einen solchen Verlust nicht «verarbeiten» kann, den Kummer nicht überwinden oder auch nur verkürzen kann, zeigt «Beziehungsmuster», eine der schönsten Erzählungen des Bandes. Der Witwer Vernon sucht noch einmal jene kleine Insel vor Schottland auf, wo er jahrelang mit seiner Frau Ferien gemacht hat. Als Bewältigungstherapie gleichsam. Vergeblich, begreift er, als er wieder abreist: «Er konnte nicht über den Kummer gebieten. Der Kummer gebot über ihn.» Immer wieder verdichtet sich die Erzählung zu solchen Sätzen, einfach, klar, weise und von sprachlicher Perfektion, die noch in der genauen und eleganten Übersetzung von Gertraude Krueger und Thomas Bodmer nachklingt.

Ein guter Erzählband besteht nicht nur aus guten Erzählungen, sondern knüpft zwischen ihnen Beziehungen. «Unbefugtes Betreten» besteht aus zwei Teilen, zwischen denen kleine Motive vielfach vermitteln. Die fünf Geschichten des zweiten Teils haben alle etwas mit einem Sinnesorgan zu tun und den Folgen einer Behinderung. Ein Wandermaler in den frisch gegründeten Vereinigten Staaten ist stumm, also ein Aussenseiter, fast ein Monster; das macht seine Beobachtungsgabe umso schärfer, auch seine Wahrnehmung des komplexen Herr-Knecht-Verhältnisses, das er als Handwerker und Künstler zugleich zu seinen Kunden unterhält.

«Komplizen» erzählt wunderbar frei assoziierend den Beginn einer Liebesgeschichte über den Tastsinn – die Hände der Frau sind schlecht durchblutet und deshalb mit Handschuhen umhüllt, was die Fantasie des Mannes ungeheuer anfacht. Die Heldin von «Harmonie» ist Maria Theresia Paradis, die berühmte blinde Pianistin im kaiserlichen Wien, vorübergehend geheilt vom Magnetiseur Mesmer; mit dem wiedergewonnenen Augenlicht verliert sie aber ihre «blinde» Tastensicherheit.

Im ersten Teil sorgen vier Konversationsstücke für Rhythmus und Abwechslung. Immer wieder treffen sich «bei Phil und Joanna» Freunde, ein kollektives Wir, das sich mit Raffinesse an allem, was ihnen wirklich etwas bedeutet, vorbeiquatscht. Saturierte Mittelklasse, gebildet und witzig, ihre Konversation sprunghaft, anspielungs- und temporeich, mit Ausfällen nach unten, ins Peinliche, toll organisiert vom Autor. Wie von selbst entsteht ein Bild unserer Zeit in einem bestimmten Milieu.

Humor als beste Verteidigung

Ein Moralist führt hier die Feder, der nicht moralisiert. Warum auch sollte er diese netten Leutchen verurteilen, die den materiellen und ästhetischen Luxus noch einmal geniessen, von dem sie ahnen, dass er bald dahin sein wird? Nicht nur Eurokrise und Klimaerhitzung, das Ende einer ganzen sorglosen Zivilisation schwebt über dem amüsierten Geplauder – und gibt dem ganzen Band Erdung, Beschwernis und einen melancholischen Grundton.

Meine Lieblingsgeschichte heisst «Mit John Updike schlafen» und porträtiert zwei Schriftstellerinnen schon sehr älteren Semesters. Sie schlagen sich, weil sich das auftrittstechnisch gut bewährt hat, im Doppelpack durch den Literaturbetrieb, sind solidarisch, ohne eine latente Rivalität je ausschalten zu können. «Insgeheim fand jede die Werke der anderen nicht ganz so gut, wie sie vorgab»: Der Abgrund unter der Freundschaft, den Barnes mit solchen Sätzen andeutet, ist eben nicht wirklich abgrundtief. Der 66-jährige Autor ist ein wahrer Humanist, weil er keine Schwäche zur Sünde aufbläst, vom Menschen nicht Übermenschliches verlangt und weil seine Heldinnen sich auch der Verzweiflung, die an jeder Ecke der nahen Zukunft auf sie lauert, mit der besten Verteidigungswaffe nähern, die es gibt: mit Humor.

Erstellt: 18.10.2012, 08:33 Uhr

Barnes, Julian, «Unbefugtes Betreten», Kiepenheuer & Witsch, 291 Seiten, ISBN 978-3-462-04480-5, CHF 29.90.

Lesung Julian Barnes am Samstag, 20. Oktober, 19 Uhr, im Kaufleuten.

Unbefugtes Betreten

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