Die Stimme des schlechten Gewissens

Gäbe es Jean Ziegler nicht, müsste man ihn erfinden. Zwar argumentiert er auch in seinem neuen Buch falsch, liegt aber richtig in seiner Beurteilung der haltlosen Zustände.

Gedankliche Pirouetten: Jean Ziegler in seinem Garten in Russin bei Genf. Foto: Ruben Wyttenbach (13 Photo)

Gedankliche Pirouetten: Jean Ziegler in seinem Garten in Russin bei Genf. Foto: Ruben Wyttenbach (13 Photo)

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«Die Logik des Kapitals gründet auf Konfrontation, Krieg, Vernichtung; die Logik der Solidarität gründet auf Komplementarität und Reziprozität der Beziehungen zwischen den Menschen.» An solchen Sätzen, die das Gute kategorisch vom Bösen trennen, mangelt es nicht im neuen Buch von Jean Ziegler. «Ändere die Welt!» fordert es in Anlehnung an das bekannte Lied aus der «Massnahme» von Bertolt Brecht. Damit ist die politisch-philosophische Stossrichtung der Kampfschrift vorgegeben. Wie beim Schriftsteller, der nicht an Gott glaubte, aber wusste, wo der Teufel hockte, verhält es sich beim Genfer Soziologen.

Moralisch entrüstet und frei von Selbstzweifeln werden die weltlichen Phänomene und Prozesse mit dem Sezier­messer des Marxismus zerlegt und gedeutet. Eine wichtige Komponente fehlt allerdings in seiner Theorie: die wahre Dialektik. Da sich die gute und die schlechte Hemisphäre einander starr gegenüberstehen, durchmischen sie sich nicht. Das stärkt zwar seine Appelle, schwächt aber die Analyse. Sein Blick sieht nicht, was es auch gibt: das gute Kapital, die böse Solidarität.

Dennoch: Wenn es Jean Ziegler nicht gäbe, so müsste man ihn erfinden. Ein Leben lang mobilisierte er unser aller Gewissen angesichts prekärer Zustände. Das ist ihm hoch anzurechnen. Denn allzu schnell sind wir bereit, die Verhältnisse, so wie sie sind, als gegeben hinzunehmen, zumal wir – wie die meisten in der westlichen Welt – zu den Nutz­niessern des Status Quo gehören. «Wir alle sind unaufrichtig, das heisst, wir ­lügen, geben uns Illusionen und Täuschungen hin. Die Menschen sind nie so, wie sie zu sein glauben», schreibt Ziegler, und er fügt eine Sentenz seines Lehrers Jean-Paul Sartre an: «Ein schlechtes Gewissen ist ein lebendiger Feind.»

Fast kindliche Sicht der Welt

Diesem Feind leiht Ziegler seine Stimme und erinnert mit der ihm eigenen Penetranz an das «tägliche Massaker des Hungers»: «2013 starben 14 Millionen an Hunger oder seinen unmittelbaren ­Folgen», und 2014 «starben mehr Menschen durch Hunger als in sämtlichen Kriegen, die in diesem Jahr geführt wurden.» Es ist wichtig, dass jemand immer wieder auf diesen Skandal aufmerksam macht – in einer Welt notabene, die unter Überproduktion leidet.

Als Mahner und einsamer Rufer in der Wüste reduziert er die Komplexität der Welt aufs absolute Minimum und ordnet sie mithilfe von Marx, Gramsci und Marcuse immer wieder aufs Neue (und doch stets aufs immer Gleiche): Hier die bösen Unterdrücker, dort die lieben Unterdrückten, deren Korruption auf äussere Einflüsse zurückzuführen ist (es handelt sich dann um eine «durch ausländische Investoren induzierte Korruption»).

Neben der fast kindlichen Sicht auf das Gute und Böse krankt Zieglers Weltanschauung daran, dass sie sich nicht der Kritik durch postmoderne Theorien stellt. Hätte er Derrida, Lyotard oder Žižek studiert, müsste er einräumen, dass der Marxismus – wie jeder Ismus – auch eine grosse Erzählung des Menschen über den Menschen ist: ein der Theorie entwachsener Mythos, der sich nur bedingt mit der Empirie in Einklang bringen lässt. Doch Anklage und Mahnung bedeuten Jean Ziegler mehr als Differenzierung. Jedes Engagement im globalen Ausmass muss in Kauf nehmen, dass die Dialektik von Herr und Knecht, Herrscher und Beherrschtem weniger flexibel reagiert, als es die Realität tut.

Romantiker geblieben

Am lehrreichsten in dieser intellektuellen Biografie Zieglers, die sonst wenig bietet, was nicht auch in seinen anderen Büchern steht, sind die Ausführungen über Jean-Jacques Rousseau. In seinem «Diskurs über die Ungleichheit» steht selbstkritisch: «Die wichtigste Quelle des Übels ist die Ungleichheit. Wir brauchen Mehl, um unsere Perücken zu pudern, deshalb haben so viele Menschen kein Brot.» Und im «Gesellschaftsvertrag» des Genfer Philosophen findet sich die Bemerkung: «Der Mensch ist frei geboren, und überall ist er in Ketten. Mancher hält sich für den Herrn seiner Mitmenschen und ist trotzdem mehr Sklave als sie.»

Hier ist die Wechselbeziehung von oben und unten noch nicht erstarrt in einem fixen Schema, das man nur noch auf die Wirklichkeit zu legen braucht. Bei Rousseau, bei dem die Dinge im Fluss sind, findet sich auch das beste Argument gegen die neoliberalen Dünnbrettbohrer: «Zwischen dem Schwachen und dem Starken ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit.» In solchen Spiralen kommt das Denken erst richtig in Fahrt, und Jean Ziegler hätte Rousseau nicht bloss zitieren, sondern integrieren sollen in seine Analysen.

So aber bleibt Ziegler ein Romantiker, was allein schon sein Stil verrät, wenn er zurückblickt auf ferne Zeiten oder an entlegene Orte, wie das Beispiel aus der Wüste von Marokko zeigt: «Ich erinnere mich an einen Frühlingsabend auf der Hamada (Hochebene) von Tindouf. Die rote Sonne versinkt hinter den Felsen. Ein leichter Wind lässt die Palmen zittern. Die Luft ist klar. Soweit das Auge reicht, reihen sich graue, braune und weisse Zelte aneinander. An den Ziehbrunnen schöpfen Frauen in langen roten oder hellen Gewändern Wasser – seit unvordenklichen Zeiten ein vertrautes Bild bei den Nomadenvölkern. Sie füllen ihre Eimer, heben sie auf den Kopf und kehren mit wiegenden, majestätischen Schritten zurück zu ihren Zelten. Hinter dem Palmenhain grasen friedlich ein paar Kamele, die wie durch ein Wunder die Bombardements der Marokkaner überlebt haben, die letzten Vertreter der grossen Herden, die einst der Stolz der Sahrauis waren. Ihre Milch wird an die Kinder in der nahe gelegenen Krankenstation verteilt.»

Moralist im Dilemma

Jean Ziegler konstruiert und idealisiert eine rurale Idylle, deren Solidargemeinschaften im Gegensatz stehen zu den vermeintlich entfremdeten kapitalistischen Gesellschaften, die die «Tyrannei der Oligarchien des globalen Finanz­kapitals» hervorgebracht habe. «Im Westen ist die Entfremdung der Arbeiter heute beinahe vollständig», argumentiert der Soziologe ahistorisch mit Blick auf «Unterdrückte und Ausgebeutete» in den Betrieben. Die wenig überzeugende Aussage kulminiert in der Behauptung: «Weil die Schweizer Opfer einer weit fortgeschrittenen Entfremdung sind, stimmen sie freiwillig – und regelmässig – gegen ihre eigenen Interessen.»

Mit gedanklichen Pirouetten wie dieser kann man aus allen Tätern Opfer machen und aus allen Opfern Täter – der Erkenntniswert ist gering. Unvoreingenommene Kritik würde Mängel auch dort erkennen, wo das Leben in archaischer Wonne aufgeht. Diese Ungereimtheiten zu benennen, würde die rhetorische Schlagkraft allerdings schwächen – ein Dilemma, in dem jeder zur Aktion drängende Moralist befangen ist.

Erstellt: 30.03.2015, 23:33 Uhr

Jean Ziegler: Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen. Aus dem Französischen von Ursel Schäfer. C.-Bertelsmann-Verlag, München 2015. 288 S., ca. 25 Fr.

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