«Die Verknorztheit ist erklärbar»

Er war der grosse Night-Talker am Leutschenbach. Dann wurde er Bauer und bezeichnete die Schweizer als «Idioten». Jetzt hat Dieter «Max» Moor ein Buch geschrieben.

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Herr Moor, es besteht Erklärungsbedarf. Heissen Sie jetzt tatsächlich Max? Sind Sie schon Deutscher?
Ja, Max ist mein offizieller Name. Deutscher hingegen bin ich nicht – noch nicht. Aber das liegt nun weniger an der Schlampigkeit der deutschen Bürokratie als an meinem grossen Arbeitspensum. Ich bin einfach noch nicht dazu gekommen, meine Personalien zu deponieren. Vielleicht klappts nächste Woche. Den deutschen Einbürgerungstest habe ich jedenfalls schon mit Bravour bestanden. (lacht)

Wäre Ihre Identitätsbereinigung damit abgeschlossen?
Innerlich ist sie schon länger abgeschlossen. Die fehlenden Papiere würden meinen Wandel bloss noch bescheinigen. Es geht mir dabei um die einfache Tatsache, dass ich in Deutschland, wo ich meine Steuern bezahle, neben Pflichten auch Rechte haben möchte.

Die Wut auf die Schweiz scheint allerdings noch nicht verraucht. In Ihrem neuen Buch beschreiben Sie sie als sehr kleingeistiges Land.
Finden Sie? In meinem neuen Buch beschreibe ich die Schweiz aus der Sicht eines ziemlich altklugen Kindes der späten 60er. Und eine gewisse Kleingeistigkeit hatte diese Zeit mit dem Kalten Krieg zweifellos. Ich denke nicht, dass dies rein schweizerisch war. Und Wut auf die Schweiz ist ein viel zu heftiger Begriff. Ja, ich habe die Fremdenfeindlichkeit vieler Schweizer als idiotisch bezeichnet, und das tue ich auch heute noch. Mit dieser Angst vor dem Fremden wird eine Menge übles politisches Kapital geschlagen, ich finde, da wird ein ziemlich widerliches Spiel gespielt. Vielleicht ist ja derjenige, der sich kritischen Blickes mit der Schweiz auseinandersetzt, der bessere Patriot als derjenige, der sein Fähnchen in den rechten Wind hängt …

Ist das in Deutschland anders?
Hier in Brandenburg kann der Blick in die Ferne schweifen. Ich kann eine Viertelstunde Auto fahren und sehe dabei kein einziges Haus, entdecke dafür einen unberührten See. So etwas beeinflusst natürlich die Mentalität … die Verknorztheit der Schweizer ist topografisch und historisch erklärbar.

Wie das?
Die Schweiz war lange ein armes Land, jeder musste sehr sorgfältig haushalten. Man konnte nicht grosszügig sein. Wenn ein Bergbauer an einem steilen Hang Land urbar machen will, war und ist das mit grosser Mühsal verbunden. Wenn der Nachbar seinen Zaun nur um ein paar Zentimeter verschiebt, gibt das einen riesigen Krach, klar. Diese Mentalität hat sich bis heute erhalten. Ich verstehe sie übrigens besser, seit ich selber bauere.

Paul Nizon schrieb vor 45 Jahren den «Diskurs der Enge». Was trägt Ihr Buch zur Debatte der Schweiz-Zweifler bei?
In meinem neuen Buch ging es mir darum, anhand meiner eigenen Biografie und derjenigen meines Vaters diese so merkwürdige Schweizer Ängstlichkeit zu ergründen. Mein Vater dachte ja die ganze Zeit nur an die Vorsorge und vergass dabei zu leben.

Ein fürsorglicher Vater ist nicht das Schlechteste, was einem passieren kann.
Sicher. Dank ihm konnte ich in geordneten Verhältnissen aufwachsen. Und nach seiner Pensionierung fing er dann auch tatsächlich an, sein Leben zu geniessen. Dass dafür ein paar Welten zusammenbrechen mussten, finde ich allerdings schon seltsam. Das wollte ich zum Beispiel mit der Geschichte zur Mondlandung zeigen: mein Vater teilte sich den Tag ganz genau ein, damit er die Landung verfolgen konnte. Und dann halten die da oben sich nicht an den Zeitplan – und landen zu früh! (lacht)

An wen richtet sich Ihr Buch eigentlich?
Ach, ich habe nie eine bestimmte Zielgruppe im Kopf, weder als Autor noch als Fernsehmacher. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich mal einen TV-Beitrag über Andy Warhol produziert habe. Meine Chefs stöhnten: Das sei doch viel zu kompliziert, nur für Bildungsbürger geeignet. Ein paar Tage später sprach mich ein Bauarbeiter an und sagte zu mir, dieser Warhol-Beitrag habe ihm also ganz ausserordentlich gefallen! (lacht)

Die Late-Night-Show erlebt gerade ein Revival als politisches Medium. Das muss Sie doch reizen – können Sie sich eine Rückkehr auf die grosse TV-Bühne vorstellen?
Voller Bewunderung schaue ich mir jeweils die grossartige «Heute-Show» an. Klar würde mich so etwas reizen. Aber ganz ehrlich: So richtig traue ich mir das nicht zu. Das ist ja schon eine eigene Kunst. Auch müsste ich dafür meine erfüllende Arbeit als Buchautor, Moderator und Bauer aufgeben.

Rentiert das Bauern in Brandenburg eigentlich?
(zögert) Es ist schwierig. Unsere Produkte werden stark nachgefragt, diesbezüglich haben wir überhaupt keine Probleme. Aber die Bodenpreise hier in Brandenburg sind absurd hoch, was uns als Pächter die Arbeit sehr erschwert. Auch können wir deshalb kein Land zukaufen. Aber meine Frau und ich haben noch immer das Ziel, den Betrieb rentabel zu machen, gar keine Frage.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.04.2015, 09:50 Uhr

Dieter Moor (*1958) wurde Ende der 1990er schweizweit bekannt als Moderator der Late-Night-Talkshow «Moor». 2003 wanderte er nach Brandenburg aus, wo er mit seiner Frau Sonja einen Bauernhof führt. Seit 2007 moderiert Moor die ARD-Kultursendung «ttt – titel, thesen, temperamente».
Über seine Arbeit als Bauer und sein Leben in Ostdeutschland hat Moor mehrere Bücher geschrieben, so zum Beispiel «Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone» (2009).
Moor machte sich nicht zuletzt als harscher Schweiz-Kritiker einen Namen. So bezeichnete er die Schweizer 2012 in einer Diskussion über deutsche Zuwanderung als «Idioten» und erklärte, die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen zu wollen. 2013 änderte er seinen Vornamen von «Dieter» zu «Max». (Bild: Herbert Schulze)

Video

Moor über seine SF-Talkshow.

Max Moor: Als Max noch Dietr war. 15 Franken, 287 Seiten. Reinbek bei Hamburg 2015.

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