Die Welt ist in einer prekären Schieflage

Peter Sloterdijk bezeichnet in seinem neuen Essay Europa als Unterhaltungsgemeinschaft und die USA als Kampfgemeinschaft. Beides seien Formen der Selbstzerstörung.

«Das europäische Aggregat befindet sich in einem Zustand, den niemand so gewollt haben kann»: Philosoph Sloterdijk. (30. Oktober 2013)

«Das europäische Aggregat befindet sich in einem Zustand, den niemand so gewollt haben kann»: Philosoph Sloterdijk. (30. Oktober 2013)

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Welches Bild eignet sich am besten, um den wenig berauschenden Zustand Europas zu beschreiben? Peter Sloterdijk macht in seinem am Montag erscheinenden Essay folgenden Vorschlag: «Am besten wäre es, sich Europa vorzustellen wie einen Campingplatz am Rand der österreichischen Alpen. Nehmen wir an, es ist schon Ende August, es regnet seit fünf Wochen ohne Unterbrechung, wir haben unseren ganzen Urlaub in eine Tiefdruckzone investiert, längst hat man den Punkt erreicht, von dem an man schlechtes Wetter persönlich nimmt. Und genau da sieht man ihn in seiner wahren Natur, den Europäer von 2013, den verbitterten Urlauber, der unter dem triefenden Vordach sitzt und sich den Schilling zurückwünscht oder die Pesete oder die D-Mark, jeder für sich in seinem durchnässten Anhänger isoliert.»

Um dieses verregnete Ferienbild herum bringt der Meister der philosophischen Essayistik seine Argumente in Stellung: Europa, insbesondere die EU, hat sich trotz der Eurokrise zu einer «Unterhaltungsgemeinschaft» entwickelt, in der sich die lose miteinander verbundenen Länder je nach Gusto und Angebot verschieden verhalten – der «durchwegs ökonomisch ausgerichteten Wohlstandsgemeinschaft» fehlt es an einer einigenden Idee, an einer Vision. «Das europäische Aggregat befindet sich in einem Zustand, den niemand so gewollt haben kann.»

Die Europäer, so lautet Sloterdijks düstere Diagnose, sind zu zersplittert, aber auch zu unernst, um die grossen, nationale Grenzen überschreitenden Probleme wirklich angehen zu können. Die «Handlungsfähigkeit der verfassten Handlungsorgane läuft hinter den schnell wachsenden Problemlawinen» her. Dieser beklemmende Rückstand macht sich schmerzlich bemerkbar bei so unterschiedlichen Themen wie: Umweltvergiftung und Klimawandel, Ressourcenkrieg und Flüchtlingsstrom, Nahrungsmittelspekulation und Tierrechte. Ein lockerer Unterhaltungsverbund, der von einer «alles durchdringenden Ernstfallferne» gekennzeichnet wird, ist diesen globalen Herausforderungen nicht gewachsen.

Imaginärer Krieg

Wenn es nicht der europäische Kontinent ist, der sich in die Gefahrenzone zu begeben wagt, um die dort drohenden Krisen im Keime zu ersticken, dann stellt sich die Frage, ob die Vereinigten Staaten von Amerika zu dieser heiklen, aber nicht unmöglichen Mission imstande sind. Peter Sloterdijk, der mit dem Gegensatzpaar «Krieg und Frieden» operiert, sieht auch jenseits des Atlantiks keine wirkliche Hoffnung auf Veränderung. Denn im Unterschied zu Europa, das sich dem kantschen ewigen Frieden verschrieben hat und nicht zuletzt deshalb die Dringlichkeit der Probleme auf die lange Bank schiebt, haben sich die USA nach der traumatischen Zäsur vom 11.  September 2001 auf einen langen, imaginären Krieg festgelegt.

Wie die europäische Entschlussschwäche ist der «war on terror» wenig geeignet, die wahren Probleme, welche die Welt bedrohen, in den Blick zu ­bekommen. Sloterdijk erkennt einen neuen (fast marxschen) Verblendungszusammenhang: Die «antiislamische Verbissenheit», mit der die Amerikaner die Welt in Kollektivverdacht nehmen, führe dazu, dass zentrale Themen wie etwa das der Klimaerwärmung klein­geredet oder gar sträflich vernachlässigt werden.

Peter Sloterdijk lässt in seinen «Reflexionen eines nicht mehr Unpolitischen» die Stimmung nach 9/11 aufleben: Auf beiden Seiten des Atlantiks kam es zu einer regelrechten Hetzkampagne gegen all jene, die zu einer «Ethik der Zurückhaltung» aufriefen. «Ich formulierte ein ruhiges, doch unverhandelbares Nein zu all den Rückschlagskommandos da drüben und zu ihren Claqueuren bei uns.» Die Schweizer Minarettinitiative wird zwar nicht explizit erwähnt, lässt sich aber im Rückblick als ein unreflektierter Reflex auf diese Stimmung deuten – letztlich eine Phantomabstimmung ohne «reale Gegenwart» (George Steiner).

Verheerende Formel

Eine «kampfgemeinschaftliche Zusammenballung», wie die USA sie verkörpern, ist im Gegensatz zum relaxten europäischen Pol eher in der Lage, eine politische Agenda zu postulieren, um mit verbindlichen Beschlüssen die sich häufenden Krisen der Gegenwart anzugehen. Aber die frei werdende Energie, schreibt Sloterdijk, wird in die falsche Richtung gelenkt: «Wie verheerend die Nonsense-Formel vom Krieg gegen den Terror weltweit gewirkt hat und wie krank die Gehirne der unbedachten Benutzer der Formel durch sie geworden sind, kann man an der zutiefst korrupten Rede des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan erkennen, in welcher er die demokratischen Demonstranten im Gezi-Park von Istanbul als ‹Terroristen› bezeichnete.» Der Terminus «war on terror» sei, so Peter Sloterdijk wie gewohnt wort- und bildstark, aus dem Labor des Pentagon ausgebrochen und zu einem viralen Ungeheuer mutiert, das seinen Opfern den Tod, seinen unbedachten Benutzern aber die Pest bringe. «Unbedacht sind vor allem jene scheinbar wohlmeinenden Zeitgenossen geblieben, die hart­näckig ignorieren, dass 99  Prozent aller terroristischen Übergriffe im 20.  Jahrhundert auf das Konto von Staatsterro­rismen gegangen sind.»

Mit diesen Worten wird Peter Sloterdijk bei den Linken, die sich bei Jürgen Habermas oder Noam Chomsky besser aufgehoben fühlen, einiges an Terrain gutmachen – sind es solche Passagen, die den Autor nun zu einem «nicht mehr Unpolitischen» machen (in Anlehnung an Thomas Manns «Betrachtungen eines Unpolitischen»)? Wie dem auch sei, den Konkurrenten vom Starnberger See nimmt er erneut unter Beschuss: Hätte man nach dem 11.  September «Habermas konsultiert, er hätte seine Unzuständigkeit erklärt, weil er auf symmetrische Beziehungen zwischen vorsortierten Vernunftsubjekten spezialisiert ist». Das ist so böse, dass sein Erzfeind sich nicht auf eine Replik wird einlassen können – als einflussreichster deutscher Denker der Gegenwart hat er dies allerdings auch nicht nötig.

Pathologische Schwäche

Die Welt ist, das macht der schmale, aber gehaltvolle und brillant formulierte Essay klar, in einer ziemlich prekären Schieflage: Während Europa in einer geradezu pathologischen Weise schwach ist, fallen die USA durch eine «aus dem Gleis gesprungene Agentur-Stärke ins Auge». Letztere führt dazu, wie der NSA-Skandal zeigt, dass die Führer der Grossmacht den «Globus zum Fahndungs­gebiet und zum Schlachtfeld ohne Grenzen» erklären, ohne zu bedenken, wie kurz der Weg sei vom ersten Verrat an den eigenen Grundwerten bis zur vollendeten Selbstpreisgabe. Was muss geschehen? Europa hat sich in den Augen Sloterdijks neu zu formatieren, und die USA müssen die aufs militärische Feld bezogene Stärke breiter diversifizieren. Eine neue Weltordnung könne nur entstehen, wenn sich beide Seiten eingestünden, dass es ohne einander nicht geht. Amerika muss also europäischer, Europa amerikanischer werden.

Auch wenn Peter Sloterdijk sich in diesem Essay explizit auf die westliche Welt bezieht, so ist man doch erstaunt, dass er die aufstrebenden Mächte wie Brasilien, China oder Indien nicht in den Blick nimmt. Denn diese werden, wie auch immer der Westen sich verhält, eine entscheidende Rolle spielen bei der Frage, wie die sich abzeichnenden Grosskrisen zu bewältigen sind. Die künftige Welt, so ist zumindest anzunehmen, wird keine bipolare mehr sein – neben Krieg und Frieden wird es noch andere Optionen in einer immer komplexer werdenden Welt geben.

Erstellt: 07.12.2013, 06:35 Uhr

Peter Sloterdijk: Reflexionen eines nicht mehr Unpolitischen. Dankrede von Peter Sloterdijk zur Entgegennahme des Ludwig-Börne-Preises 2013. Laudatio: Hans Ulrich Gumbrecht. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2013. 64 S., ca. 11 Fr.

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