Interview

«Die Zeit bleibt stehen»

Der deutsche Schauspieler Bernhard Hoëcker («Switch») hat ein spezielles Hobby: Er sucht verlassene Gebäude auf. Nun hat er darüber ein Buch veröffentlicht.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Hoëcker, wohnen Sie in einer Bauruine?
Ich liebe Altbauten, aber die dürfen gerne renoviert, saniert und ökologisch hochwertig isoliert sein.

Woher kommt denn Ihre Vorliebe für zerfallene Gebäude?
Schon als Kind bin ich gerne über alte Mauern von Burgruinen geklettert. Später bin ich dann auf einen ganzen Gebäudekomplex gestossen. Ich weiss noch, wie ich dort im Gang stand und wie mich das komische Gefühl einer Zeitreise ergriff. Ich fragte mich, was die Leute dort gemacht haben, welchen Berufen sie nachgingen. Warum hat dieser kleine Raum vier Steckdosen? Weshalb sind auf dem Dachboden Schnüre gespannt? Haben die dort Wäsche getrocknet? Diese Gedankenspiele sind sehr entspannend.

Welches Verhältnis haben Sie zu Ihren Entdeckungen? Möchten Sie, dass die so erhalten bleiben?
Da bin ich sehr gespalten. Ich möchte die nicht in meiner Nähe haben – die Lost Places sind zwar sehr schön, aber es sind doch auch nur alte, modrige Gebäude. Ich verstehe auch, wenn die allmählich verschwinden. Deshalb bin ich froh, wenn immer wieder neue Lost Places angeschwemmt werden. Das ist ein Grund, weshalb ich die Wirtschaftskrise auch mit einem positiven Auge sehe.

Möchten Sie, dass auch andere Leute diese Orte besuchen?
Nein, aber ich möchte, dass die anderen Menschen an der Faszination einer solchen Begehung teilhaben können. Deshalb dieser Bildband. Darin stehen aber keine genauen Angaben, wo die Fotos entstanden sind. Es kann uns also niemand hinterherfahren.

Dann müssen Sie uns Lesern erklären, wie sich das anfühlt, wenn man sich einem solchen Lost Place nähert.
Manchmal stehen die Gebäude wie ein Klotz in der Landschaft und strahlen etwas Verlebtes aus. Manchmal stehen die Ruinen aber auch in einem verwilderten Wald. Das ist dann wie in einem Thriller, wenn sich das Gebäude allmählich aus dem Grün rausschält. Und wenn man drin steht, dann strahlen diese Orte eine unglaubliche Ruhe aus, weil nichts mehr passiert. Das Wort Entschleunigen ist heute gross in Mode, aber genau das erlebe ich in solchen Momenten. Die Zeit bleibt stehen.

Wie kommen Sie jeweils in die Gebäude rein?
Wir gucken erst mal, ob eine Tür offen ist. Wir brechen keine auf und würden auch kein Fenster einschlagen.

Sie gehen also sehr behutsam vor.
Ja, das Grundprinzip ist: Wir hinterlassen nur Fussspuren und machen Fotos.

Sie nehmen nichts mit?
Nein, absolut nichts. Wenn Dokumente herumliegen oder Bilder an der Wand hängen, dann muss man dem widerstehen können. Bei einem alten Klavier könnte man auch ein paar Tasten zur Erinnerung mitnehmen, aber es bleibt alles dort, wo wir es vorfinden.

Da gibt es Szenen, die weit unzimperlicher vorgehen.
Ja, zum Beispiel Paintballer oder Sprayer, die nicht bloss Fussspuren hinterlassen wollen. Manche schreiben einfach: «Ich war hier.» Andere schaffen aber wahre Kunstwerke.

Wie viele Leute verkehren in der Lost-Places-Szene?
Es gibt unendlich viele Websites, aber ich tausche mich bloss mit etwa zehn Leuten aus.

Haben Sie die verlassenen Gebäude vor allem im Osten Deutschlands geortet?
Ja, aber auch im Westen Deutschlands und in Österreich. Im Osten haben wir das Glück, dass die Sowjets sehr viele Gebäude hinterliessen. Die wurden im Gegensatz zu den Hinterlassenschaften der Amerikaner im Westen nicht von den Deutschen übernommen. Und so zerfallen sie nun. Ostdeutschland ist für Lost-Places-Fans ein wahres Eldorado.

Gibt es dort noch viel zu entdecken?
Ja, sehr viel. Wenn ich jeweils in Berlin auf der Bühne stehe, dann übernachte ich südlich ausserhalb der Stadt, damit ich dann gleich einen neuen Lost Place aufsuchen kann.

Oftmals liegen die Gebäude in Sperrgebieten. Haben Sie dort nie Angst?
Da gibt es zwei Seiten: Die juristische und die gesundheitliche. Rechtlich gesehen reissen wir keine Zäune ein, schneiden keine Löcher und klettern auch nicht darüber. Wenn die Gebäude eingeschlossen sind, dann akzeptieren wir das. Die Gebäude müssen schon begehbar sein. Wir sind nie die Ersten, es waren immer schon andere Personen dort. Von denen bekamen wir auch meist die Tipps.

Und wie sieht es mit den gesundheitlichen Gefahren aus?
Man muss sich im Klaren sein, dass das keine Kinderspielplätze sind. Es können Kanaldeckel fehlen.

Oder Treppen könnten einstürzen.
Dort geht man immer am Rand und nie zu zweit.

Wie schützen Sie sich gegen giftige Stoffe?
Die stark kontaminierten Gebiete sind eh gesperrt. Und wenn wir in Gebäude treten, in denen eine Decke eingestürzt ist, dann gehen wir nur kurz rein, weil dort Asbest in der Luft sein könnte. Dann ziehe ich auch eine Staubschutzmaske an. Zudem trage ich immer Handschuhe und Schutzbrille sowie eine Mütze.

Werden Sie Ihre Entdeckungstour über Deutschland und Österreich hinaus ausweiten?
Die Schweiz ist ja voll mit Bunkern, die nicht mehr genutzt werden. Die würden mich schon auch interessieren.

Erstellt: 31.10.2011, 14:00 Uhr

Bernhard Hoëcker (41) ist ein deutscher Schauspieler, Komiker und Moderator. Bekannt wurde Hoëcker vor allem durch die Parodiesendung «Switch» (ProSieben) sowie als ständiges Mitglied des Rateteams bei «Genial daneben» (Sat.1).

Erik Haffner/Bernhard Hoëcker/Tobias Zimmermann: «Hoëckers Entdeckungen - ein merkwürdiges Bilderbuch längst vergessener Orte», Riva-Verlag, ISBN: 978-3-86883-172-6

Artikel zum Thema

Kulturschaffende bangen um Fotografie

Das Bundesamt für Kultur gibt die zeitgenössische Fotografie nächstes Jahr ab. Die Fotoszene ist alarmiert. Mehr...

Von Botanik bis Erotik: Die Bilderjäger des Skurrilen

Es war Liebe auf den ersten Klick, als die Surrealisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Fotografie entdeckten. Das Fotomuseum Winterthur widmet ihnen eine grosse Ausstellung. Wir bieten einen Einblick. Mehr...

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Warten auf den Papst: Ein Mann schaut aus seinem Papst-Kostüm hervor. Der echte Papst verweilt momentan in Bangkok und die Bevölkerung feiert seine Ankunft. (20. November 2019)
(Bild: Ann Wang) Mehr...