Interview

Die Zeit ist nur eine Illusion

Heute erscheint Martin Suters neuer Roman «Die Zeit, die Zeit». Ein Besuch bei dem erfolgreichen Schriftsteller auf Ibiza.

«In allen meinen Romanen geht es darum, die Grenzen des Möglichen zu überschreiten.» Martin Suter unter einem riesigen Feigenbaum auf seinem Anwesen auf Ibiza.

«In allen meinen Romanen geht es darum, die Grenzen des Möglichen zu überschreiten.» Martin Suter unter einem riesigen Feigenbaum auf seinem Anwesen auf Ibiza. Bild: Gaby Gerster, Diogenes-Verlag

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Ibiza, Ende Juni. Die Taxifahrerin gibt Gas, doch das Auto bewegt sich nicht. Nachdem sie die Handbremse gelöst hat, wirft sie ein entschuldigendes Lächeln in den Fond. «Wie war noch einmal die Adresse?», fragt sie, während sie einem anderen Auto die Vorfahrt nimmt. Da ihr weder Ort noch Strasse etwas sagen, hält sie ruckartig an. «Entschuldigen Sie, aber wir haben gestern die Portugiesen im Penaltyschiessen besiegt.» Sie helfe bloss aus; ihr Mann brauche noch etwas Zeit, um fahrtüchtig zu werden.

Schreiben im Olivenhain

Etwas Zeit! Das passt zu dem neuen Roman von Martin Suter, dessen Finca wir mit viel Geduld doch noch erreichen. Sie liegt ausserhalb der Stadt Ibiza und ist – wenn nicht gerade, wie in diesen Tagen, eine Fussball-EM stattfindet – in 15 Minuten stressfrei zu erreichen. Während man in Nordeuropa 12 Grad misst, erreichen die Temperaturen hier bereits sommerliche Werte.

Der Schriftsteller empfängt den Gast in lockerer Kleidung: Das weisse Hemd fällt über den Hosenbund, und die Füsse stecken in Sandalen. Wir gehen über das riesige Areal. «Hier ist 40 Jahre lang alles verwildert. Da wir lange keine Baubewilligung bekamen, hatten wir viel Zeit, das Land wieder urbar zu machen.» Nun ergeben ein auf den Grundmauern neu hochgezogenes Haupthaus mit zwei, drei kleineren Nebengebäuden ein harmonisches Ganzes. Dazu ein Olivenhain mit hervorragendem Öl, ein Rebberg mit einem Wein, dessen Genuss man am nächsten Morgen nicht zu bereuen braucht, und eine stilvolle Innen- und Aussenarchitektur, für die Margrith Nay Suter, die Ehefrau des Schriftstellers, verantwortlich zeichnet. Ein ideales Umfeld, um einen Roman über die Aufhebung der Zeit zu schreiben.

Sonderbarer Nachbar

«Etwas war anders, aber er wusste nicht, was.» Mit diesem Satz, der wie ein Motto leicht verändert wiederholt wird, beginnt Martin Suters neuer Roman «Die Zeit, die Zeit». Peter Taler, Protagonist der Geschichte, blickt auf die gegenüberliegende Strassenseite und glaubt Veränderungen zu erkennen, die er nicht zu benennen vermag. Seit seine Frau Laura vor etwas über einem Jahr ermordet wurde, steht sein Leben still. Abends starrt er regelmässig aus dem Fenster und trinkt Bier. «Er hielt die Bierflasche mit zwei Fingern am Hals, damit seine Hand ihren Inhalt nicht wärmte. Als hätte er seinem Feierabendbier jemals genügend Zeit gelassen, warm zu werden.» Im gelben Einfamilienhaus auf der anderen Strassenseite wohnt ein 82-jähriger Sonderling namens Knupp, der seit über 20 Jahren Witwer ist. Von diesem Haus und dessen Garten geht die Irritation aus – doch welche bloss?

Mit der Zeit, die einem beim Lesen nie lange wird (den Cliffhanger beherrscht der stil- und pointensichere Schriftsteller wie kein Zweiter), kommt Taler hinter das knuppsche Rätsel. Sein Nachbar will die Umgebung um 20 Jahre zurückbauen. Alles soll wieder so sein, wie es am 11. Oktober 1991, als seine Frau Martha noch lebte, gewesen war. Das heisst nicht nur, dass die Gegenstände und Dinge an ihren alten Ort versetzt werden, sondern auch, dass die Pflanzen ihre frühere Form annehmen müssen. Büsche werden zurückgeschnitten, Bäume, deren Stamm zu dick geworden war, ersetzt.

Für diese Arbeit, die sich der eigenwillige Greis aufgehalst hat, braucht er Hilfe. Taler, der die Aktion zuerst absurd findet, wird belehrt (schliesslich will auch er zurück). «Die Veränderung schafft die Illusion von Zeit», doziert Knupp. «Es gibt keine Zeit, sondern nur Veränderung.»

Fasziniert es Sie, Martin Suter, Unwahrscheinliches wahrscheinlich zu machen?
Das reizt mich immer an Romanen. Ich versuche, eine möglichst realistische Basis herzustellen, um von dieser dann abzuheben. Im Unterschied zur fantastischen Literatur, bei der alles möglich ist, ist der Ausgangspunkt meiner Geschichten bodenständig. Im Prinzip geht es in allen meinen Romanen darum, die Grenzen des Möglichen zu überschreiten.

Wie sind Sie auf die Idee der Zeitreise gekommen?
Das Thema fasziniert mich seit jungen Jahren. «Small World» war ja auch schon eine Zeitreise, wenngleich eine neurologische. Der Film «Jenatsch», für den ich das Drehbuch geschrieben habe, ist ebenfalls eine Zeitreise. Beim neuen Roman habe ich mir überlegt, wie man sich ganz praktisch, ja stur, in der Zeit zurückversetzen kann – nicht mit einer Zeitmaschine à la Jules Verne, auch nicht wie Daphne du Maurier mit einer Tinktur.

Mit einem überraschenden Schluss.
Den Schluss des Romans darf man nicht verraten, nur so viel, dass alles nicht bloss ein Traum war. Das wäre zu billig.

Haben Philosophen wie Kant oder Heidegger, die viel über die Zeit nachgedacht haben, Sie beeinflusst?
Nein, das ist eine rein literarische Fantasie. Die Essenz besteht darin, dass es keinen wissenschaftlichen Beweis für die Existenz der Zeit gibt. Veränderung kann man beschreiben und physisch erleben, Zeit hingegen nicht. Es ist ja nicht die Zeit, die eine Uhr zum Laufen bringt oder am Laufen hält. Natürlich wäre es einfacher gewesen, die Handlung in einem Zimmer stattfinden zu lassen und nicht in der freien Natur.

Wir sitzen unter einem Schatten spendenden, knorrigen Feigenbaum, leiser Wind weht, und aus dem Blätterwerk dringen Vogelstimmen. Wenn Martin Suter nicht in Guatemala ist, lebt und schreibt er auf Ibiza. Die Abgeschiedenheit vom urbanen Leben sieht er als Vorteil. Er schreibe ja keine «Life»-Reportagen, vielmehr versuche er, etwas aus der Erinnerung zu beschreiben. Schreiben besteht, so Suter, nicht zuletzt in der Kunst des Aus- und Weglassens. Dabei helfe ihm die Distanz: Dank der Lücken des Gedächtnisses geht das Unwesentliche vergessen, das Wichtige bleibt. Jene Aspekte nämlich, die zentral dafür sind, dass die gewünschten Bilder im Kopf des Lesers entstehen.

Ein Team vom Sender ZDF ist eingetroffen und fängt mit den Dreharbeiten für das «heute Journal» an. Erstaunlich, dass das Erscheinen eines Romans Thema in einer Nachrichtensendung ist. «Suter ist eine Ausnahme», erwidert der Redaktor genauso schnell wie überzeugt. Das Gros der Leser finden die Bücher des Zürchers denn auch in Deutschland, wo seine Romane regelmässig auf der Bestsellerliste des «Spiegels» stehen. Den Durchbruch beim breiten Publikum datiert der Autor aufs Jahr 2002. Damals erschien sein Roman «Ein perfekter Freund», und Suter las etwa in Köln vor 800 Leuten. «Das ist ein grosses Ereignis für einen Schriftsteller.» Sein letzter Roman «Der Koch» ging 350 000 Mal als Hardcover über den Ladentisch (bereits sein Erstling «Small World» hatte eine Erstauflage von 30 000). Übersetzt werden die Bücher in 30 Sprachen.

Wann sagten Sie sich, ich will Schriftsteller werden?
Schon mit 16 Jahren. In der Schule merkte ich, dass mir das Schreiben leichtfiel und Spass machte. Ich war einer jener beliebten Schüler, deren Aufsätze laut vorgelesen wurden. Davor wollte ich, wie so viele aus meiner Generation, Urwalddoktor werden – bis ich merkte, dass ich gar kein Blut sehen konnte. Ich wollte vom Schreiben leben, hatte aber nicht den Mut, zu sagen, so, ab jetzt lebst du ganz von der Schriftstellerei! Da ich immer viel zu gerne Geld ausgegeben habe, suchte ich einen sicheren Weg, um mit dem Schreiben Geld zu verdienen. Das war damals in der Werbung so. Meine Kolumnen «Business Class» und «Geri Weibel» schufen dann die finanzielle Basis, um Bücher zu schreiben, die nicht kommerziell waren – und dann genau dies wurden.

Beschäftigt Sie das Thema von «Die Zeit, die Zeit» auch privat?
Je älter man wird, desto mehr beschäftigt man sich mit der Zeit. Die Idee lag also auf der Hand, und ich freute mich, sie umzusetzen. Die Figur des Knupp gefiel mir sehr. Er musste alt sein und ein Gärtchen haben. Doch ich beschreibe ihn, wie alle anderen Figuren, kaum. Sie sollen durch das, was sie tun, fassbar werden.

Stand der Plot von Anfang an fest?
In grossen Zügen kenne ich stets den Plot, bevor ich zu schreiben beginne. Auch diesmal erzählte ich die Geschichte jemandem beim Essen.

Und war der Zuhörer angetan?
Auf jeden Fall wurde das Essen kalt.

Bevor auch unser Essen kalt wird, gehen wir ins Haus, wo ein mehrgängiges Menü die angereisten Journalisten erwartet. Mit ihren Künsten hätte die Gastköchin jeden Feinschmecker überzeugt. Die deutschen Kollegen, die auch den ganzen Tag auf dem Areal zugebracht haben, machen auf Tempo. So sehr sie das Gespräch mit dem Schweizer Autor über die Suche nach der verlorenen Zeit schätzen, so sehr zittern sie dem EM-Spiel gegen ihren Angstgegner Italien entgegen. «Bleiben Sie doch bitte auch am Abend, sonst bin ich ganz allein für Italien», sagt Martin Suter mit der ihm eigenen Ironie. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2012, 08:20 Uhr

Suter, Martin, «Die Zeit, die Zeit», Goldmann, 296 Seiten, ISBN 978-3-257-06830-6, CHF 29.90.

Die Zeit, die Zeit

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