Die alte Schüleragenda ist «reloaded»

Nach 103 Jahren schien ein Stück Schweizer Kulturgeschichte am Ende – doch jetzt wird der von Generationen geschätzte Pestalozzi-Kalender neu lanciert.

Roter Relaunch: Der gute alte Pestalozzi-Kalender in seinem neuen, modernen Gewand.

Roter Relaunch: Der gute alte Pestalozzi-Kalender in seinem neuen, modernen Gewand. Bild: Stämpfli-Verlag

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Das Buch liegt gut in der Hand. Der rote Leinenband wirkt ebenso edel wie strapazierfähig, der obligate Caran-d’Ache-Bleistift animiert zu Notizen und Kritzeleien. Und auch der Themenmix ist ansprechend: eine Reportage aus Teheran, ein Interview mit einer muslimischen Schülerin, ein Tag im Leben einer Radiomoderatorin, die Geschichte des Concorde-Überschallflugzeugs. Neben Bastelanleitungen, Karten- und Zaubertricks, mathematischen Formeln und wichtigen Adressen darf natürlich auch das Bundesratsfoto nicht fehlen, ergänzt wird es durch eine kompakte Lektion Staatskunde («Wer regiert die Schweiz?») und ein Interview mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga – sie verrät, wie viel Sackgeld sie als Kind bekam.

Im Vorwort werden die Schülerinnen und Schüler mit den Worten begrüsst: «Es ist ein ganz besonderes Buch, das du da in der Hand hältst! Es hat eine über 100-jährige Geschichte.» Der Anfang dieser Geschichte klang so: «Wir wollen der Schweizerjugend ein Buch verschaffen, welches sie in ihren Schularbeiten unterstützt, ihr Wissen erweitert und ihr Verlangen nach Liebhabereien und Spielen befriedigt.» In der Einleitung zur ersten Ausgabe von «Kaisers neuem Schweizer Schülerkalender 1908» – der Name Pestalozzi-Kalender bürgerte sich erst ein, nachdem das Pestalozzi-Denkmal in Yverdon den Umschlag der ersten Ausgabe geziert hatte – wurde mit patriotischem Eifer das pädagogische Ziel des Unternehmens verkündet – «dem Vaterlande eine gesunde, tüchtige und fröhliche Generation zu erziehen».

Charles Linsmayers Verdienst

Der Begründer des Kalenders, der Juniorchef des Berner Warenhauses Kaiser, war sich seiner Sache anfänglich offenbar nicht so sicher. Den handlichen Taschenkalender mit Kalendarium, Bastelanleitungen, Rätsel, Spielen und zwei abwaschbaren Schiefertafeln liess Bruno Kaiser zuerst probehalber in Zürcher Schulhäusern verteilen.

Bereits 1912 betrug die Auflage aber 50'000 Exemplare, es folgten Ausgaben in der Westschweiz und im Tessin, gesonderte Kalender für Knaben und Mädchen sowie Ableger in Argentinien und in diversen europäischen Ländern – darunter auch ein von der NS-Ideologie geprägter Kalender im Dritten Reich. An den legendären Zeichnungswettbewerben nahmen auch spätere Berühmtheiten teil – 1934 gewann Friedrich Dürrenmatt mit der Zeichnung «Die Schweizer Schlacht» den Hauptpreis: eine Zenith-Uhr. 2008 hatte der langjährige «Bund»-Kulturredaktor Charles Linsmayer in der Universitätsbibliothek Bern eine Ausstellung zum 100-Jahr-Jubiläum des Pestalozzi-Kalenders eingerichtet.

«Enge Beziehung zum Kalender entwickelt»

Damals schien die Existenz der Schüleragenda nicht akut gefährdet. Umso erstaunter reagierte Linsmayer, als er wenig später erfuhr, dass die von Pro Juventute vertriebene Ausgabe für 2010 die letzte sein sollte. «Ich konnte den angekündigten Tod nicht akzeptieren», sagt er, «immerhin hatte ich über die Ausstellung eine enge Beziehung zum Kalender entwickelt.» Und er schaffte, was kaum jemand für möglich gehalten hatte: die Neulancierung des Kalenders im Berner Stämpfli-Verlag. Manfred Hiefner von Stämpfli betont denn auch, dass der Kalender «im alten Gewand und mit vielen neuen Ideen in die Heimatstadt» zurückgekehrt sei.

Der Politologiestudent Paul Linsmayer, die Primarlehrerin Andrea Bertolini, die Radio-24-Moderatorin Elena Bernasconi und der Slam-Poet und Grafiker Patrick Savolainen, der auch für das elegante, wohltuend unaufdringliche Layout verantwortlich zeichnet, bilden das junge Redaktionsquartett. Finanziell unterstützt wird das «reloaded»-Projekt finanziell von den Kantonen Bern und Zürich sowie diversen Stiftungen und Privatpersonen.

Zurück zum «Urkalender»

Herausgeber Charles Linsmayer und die Redaktion waren sich rasch einig: Die formalen Experimente in den 80er- und 90er-Jahren wollte man nicht fortführen. Die Devise lautete vielmehr: zurück zum «Urkalender». Das Kalendarium, abgestimmt auf den Beginn des Schuljahres und daher am 1. August beginnend, ist in vier Grundfarben gehalten und lässt viel Platz für Notizen und Zeichnungen.

«Wir bevorzugten eine einfache, aber ansprechende Gestaltung ohne Anbiederung an Jugendliche durch modische Spielereien», sagt Savolainen. Diesen Anspruch löst der Pestalozzi-Kalender 2011/12 ein. Linsmayer sieht den Kalender auch als Beitrag zur Leseförderung: «Wir wollen der elektronischen Kultur ein schönes Buch entgegensetzen, das auch ein haptisches Erlebnis ist.» Mit dem Pestalozzi-Kalender scheint Charles Linsmayer eine fast schicksalhafte Verbindung zu unterhalten. Vor 21 Jahren war er an einem regnerischen Tag in Zürich an einer Abfalltonne vorbeigekommen. Von dort rettete er Pestalozzi-Kalender, die von den damaligen Herausgebern entsorgt worden waren – darunter allererste Ausgaben der Schüleragenda von 1908. Das Ende des Pestalozzi-Kalenders hat Linsmayer mit seinem bewundernswerten Einsatz hoffentlich auf lange Zeit hinaus abgewendet.

Erstellt: 24.05.2011, 08:19 Uhr

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Der Kalender kostet Fr. 15.80 und ist in Buchhandlungen, Papeterien und beim Stämpfli-Verlag erhältlich.

Auch das Überschallflugzeug Concorde ist eines der Themen.

Interessant präsentierte Information gehört auch zur Neuauflage des Kalenders.

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