Die besten Sachbücher des 21. Jahrhunderts

Sie haben in den letzten 20 Jahren Debatten ausgelöst, Beziehungen erschüttert, Essgewohnheiten verändert – und den Blick auf die Vergangenheit geschärft.

Das Interesse an historischen Büchern ist nach wie vor gross: Mit «Hitler» hat der Brite Ian Kershaw eine Standardbiografie verfasst. Foto: Time Life Pictures

Das Interesse an historischen Büchern ist nach wie vor gross: Mit «Hitler» hat der Brite Ian Kershaw eine Standardbiografie verfasst. Foto: Time Life Pictures

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Der Beginn eines neuen Jahrhunderts scheint den Wunsch zu beflügeln, sich der Geschichte zu vergewissern. Auf der einen Seite erschienen im kurzen 21. Jahrhundert viele historische Studien, auf der anderen Seite Publikationen, die sich der veränderten Lebensformen annehmen. Ob Ernsthaftes oder Unterhaltsames – das Interesse an Sachbüchern hat in letzter Zeit massiv zugenommen. Dies ist sicherlich auch eine Folge der zunehmenden Komplexität der gegenwärtigen Welt. Die Leserinnen und Leser suchen Orientierung und Übersicht in unwegsamem Gelände.

20. Giulia Enders: «Darm mit Charme» (2014)
Der Überraschungserfolg der letzten Jahre war «Darm mit Charme». Wie konnte es bloss geschehen, dass ein solcher Stoff Millionen von Leserinnen und Lesern anspricht? Die Medizinerin Giulia Enders hat es mit Humor geschafft, uns den Verdauungsprozess appetitlich näherzubringen. Das gestiegene Interesse an Themen wie Ernährung und Gesundheit hat sicher auch zum Erfolg beigetragen.

19. Christopher Clark: «Die Schlafwandler» (2013)
Der Untertitel von «Die Schlafwandler» zeigt an, worum es dem australischen Historiker geht: «Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog». In seinen Augen gab es nicht einen Schuldigen, sondern verschiedene destruktive Kräfte, die den Kontinent in die erste Katastrophe des noch jungen Jahrhunderts führten.

18. Peter Bieri: «Das Handwerk der Freiheit» (2001)
Wer nicht nur über Freiheit schwadronieren will, sondern Rat von kompetenter Seite sucht, greift nach dem Buch des Berner Philosophen Peter Bieri, der unter dem Namen Pascal Mercier auch als Schriftsteller tätig ist. «Das Handwerk der Freiheit» führt vor Augen, wie man weniger fremd- und mehr selbstbestimmt handeln kann.

17. Larry Siedentop: «Die Erfindung des Individuums» (2015)
Der amerikanische Politologe und Philosoph hebt in «Die Erfindung des Individuums» die Bedeutung des christlichen Glaubens für die Entstehung und Entwicklung des westlichen Liberalismus hervor. Eine längst fällige Rehabilitation der Religion. Zur Besprechung.

16. Ian Kershaw: «Hitler» (2000)
Keine erbauliche, aber eine lohnenswerte Lektüre. Wie kein anderer Biograf bringt uns der britische Historiker auf fast beängstigende Weise den «Führer» näher. Kompetent und ohne schrillen Ton, der im Nachhinein alles besser weiss, geht er bei dem Standardwerk «Hitler» vor.

Mit pädagogischer Strenge zum Erfolg: Amy Chua. Foto: PD

15. Amy Chua: «Die Mutter des Erfolgs» (2011)
Ebenso wichtig wie die Ernährung ist heute die Erziehung. Auch hier stand am Anfang des Wandels die Erkenntnis, dass vieles, was früher gut war, es heute nicht mehr ist. In «Die Mutter des Erfolgs» schildert die umstrittene chinesisch-amerikanische Juristin Amy Chua, wie sie mit Strenge erzieht.

14. Marcel Reich-Ranicki: «Mein Leben» (2000)
So anschaulich wie in der Autobiografie des berühmten Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki wird das 20. Jahrhundert selten geschildert. Zugänglich und verständlich geschrieben, handelt «Mein Leben» von der Zeit, als Europa ein Kontinent grausamer Kriege war. Der Holocaust, dem der Autor entkam, markierte den Tiefpunkt der Menschenverachtung.

13. Michael Tomasello: «Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation» (2009)
Während die neoliberale Ideologie uns glauben macht, aller Fortschritt beruhe auf Wettbewerb und Konkurrenz, zeigt der amerikanische Wissenschaftler in «Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation» anhand von Experimenten an Schimpansen und Kindern, dass ohne Kooperation und Rücksicht keine Weiterentwicklung möglich ist.

Philosophie mit Bestsellergarantie: Richard David Precht. Foto: Epa

12. Richard David Precht: «Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?» (2007)
Kein anderer deutschsprachiger Philosoph versteht es so gut wie Precht, komplexe Stoffe so zu vermitteln, dass man sie auch versteht. Mit seinem Hauptwerk «Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?» hat er ein Millionenpublikum für Fragen der Philosophie sensibilisiert. Wenn das kein Erfolg ist!

11. Malala Yousafzai: «Ich bin Malala» (2013)
Die Friedensnobelpreisträgerin von 2014 behandelt in ihrem Buch «Ich bin Malala» ein Thema, das vor allem Frauen zu schaffen macht: Die Taliban bekämpfen sie, weil sie für das Recht auf Bildung einstehen. Die IS und die Taliban sind eine Geissel, gegen die sich Yousafzai zu wehren getraute.

10. Orlando Figes: «Nataschas Tanz» (2002)
Russland liegt uns in eigenartiger Weise nahe und fern zugleich. In «Nataschas Tanz» schreibt der britische Historiker, der wegen des Brexit seit kurzem auch den deutschen Pass besitzt, eine faszinierende Kulturgeschichte. Sie macht deutlich, wieso die Russen unsere Seelenverwandten sind.

9. Jakob Tanner: «Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert» (2015)
Wie hat sich unser Land im letzten Jahrhundert entwickelt? Was waren die Treiber der Bewegung? Wohin wird der Prozess führen? Der Historiker Jakob Tanner legt in «Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert» eine bestechende Bestandesaufnahme vor. Wir erkennen in der Historie auch, wie sich die Identität einer Nation wandelt.

Der schnelle Denker: Daniel Kahneman. Foto: Keystone

8. Daniel Kahneman: «Schnelles Denken, langsames Denken» (2012)
Der Nobelpreisträger untersucht in seinem preisgekrönten Werk «Schnelles Denken, langsames Denken» die bewussten und unbewussten Prozesse, die hinter jeder Entscheidung stehen. Wann zögern wir, wann agieren wir? Da der Autor mit Experimenten argumentiert, sind wir gefordert: Wie hätte ich selbst geurteilt oder entschieden?

7. Peter von Matt: «Die Intrige» (2006)
Was haben Odysseus und Medea, Jago und Tom Ripley gemeinsam? Sie alle sind Intriganten. Peter von Matt, der Doyen der Schweizer Germanistik, führt uns in «Die Intrige» souverän durch die europäische Literaturgeschichte. Lesegenuss und Erlebnis zugleich.

6. Samar Yazbek: «Die gestohlene Revolution» (2015)
Was als arabische Revolution begann, endete meist tragisch. In «Die gestohlene Revolution» reist die syrische Autorin durch ihre zerstörte Heimat, ein Land, das zum Spielball internationaler Interessen wurde. Die mächtigen Nationen haben aus dem einst blühenden Landstrich ein Schlachtfeld gemacht, mit unzähligen Toten und Flüchtlingen.

5. Nassim Nicholas Taleb: «Der Schwarze Schwan» (2008)
Das Buch handelt von Dingen, die sehr unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich sind. Der Börsenhändler mit der zupackenden Schreibe steht in der sokratischen Tradition und zeigt, dass wir nicht wissen können, was wir nicht wissen. Mit diesem blinden Fleck müssen wir rechnen, ohne ihn berechnen zu können.

4. Yuval Noah Harari: «Eine kurze Geschichte der Menschheit» (2013)
«Eine kurze Geschichte der Menschheit» ging durch die Decke. Der israelische Historiker verstand es, die grossen historischen Linien nicht nur zu definieren, sondern sie so zu bündeln, dass alle, die sich dafür interessieren, dies auch verstehen konnten. Harari schildert den Aufstieg des Homo sapiens zum Herrn der Welt – Chance und Gefahr zugleich.

Romantik ist auch Kapitalismus: Eva Illouz. Foto: Jonas Opperskalski/laif

3. Eva Illouz: «Konsum der Romantik» (2003)
In ihrer Studie demaskiert die israelische Soziologin unsere letzten Illusionen von der Liebe. Denn sie zeigt mit nüchternem Blick, dass die scheinbar so privaten Momente romantischer Liebesgefühle stark dem Diktat der kapitalistischen Verwertung unterliegen. Kein Zufall, dass beim Tête-à-Tête der gute Wein eine zentrale Rolle spielt.

2. Jonathan Safran Foer: «Tiere essen» (2010)
Die Lektüre dieses erschütternden Buches hat das Leben vieler Menschen verändert, und zwar ganz konkret: Sie essen weniger oder gar kein Fleisch mehr. Eindringlich und kompromisslos kritisiert der amerikanische Schriftsteller, dass wir genauso regelmässig wie selbstverständlich Lebewesen töten, um sie zu konsumieren.

Es geht aufwärts, nicht abwärts: Steven Pinker. Foto: Bloomberg Finance LP

1. Steven Pinker: «Aufklärung jetzt» (2018)
Der kanadische Psychologe belegt in diesem Wälzer, dass es den Menschen insgesamt besser geht als in vergangenen Zeiten. Die steten Meldungen über schlimme Ereignisse verfälschten das positive Gesamtbild der zivilisatorischen Entwicklung. Bill Gates lobt etwas überschwänglich, aber zu Recht: «Mein absolutes Lieblingsbuch aller Zeiten.» Zur Besprechung.

Diese Auswahl und ihre Reihenfolge ist natürlich subjektiv. Welche Sachbücher hätten Sie gewählt? Bitte unten eintragen.


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Erstellt: 30.11.2019, 12:55 Uhr

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