Rezension

Die brutalste Castingshow der Geschichte

Das neue Buch von Altertumsforscher Christian Mann zeigt detailliert die Hintergründe der antiken Gladiatorenkämpfe.

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Das Gladiatoren-Spektakel war die brutalste Castingshow der Geschichte, und sie war perfid-raffiniert orchestriert. Dies zeigt Geschichtsprofessor Christian Mann in seinem vor wenigen Tagen erschienenen Buch «Die Gladiatoren», das seine langjährige Forschung zum Thema bündelt und alte Mythen und Klischees demontiert.

Der Dozent der Uni Mannheim beschreibt detailreich die unterschiedlichen Gladiatorentypen mit ihren Stärken und Defiziten: Die einen wurden mit einem Fangnetz und einem dreizackigen Speer ausgestattet (retiarius). Andere wie der murmillo oder der essedarius wurden dick gepanzert, wieder andere wie der thraex sollten nur mit einem kleinen Schild und einem leichten Schwert bewehrt leichtfüssig in die Attacke gehen. Jedem Zuschauer sollten möglichst viele Identifikationsmöglichkeiten geboten werden; hinter den Schutzmasken waren Kriegsgefangene und Sklaven aus exotischen Ländern, aber auch Kriminelle und Freiwillige stiegen ins Kolosseum.

Den Gladiatorenduellen gingen normalerweise Tierkämpfe voraus. Bären, Stiere, Löwen und Tiger, aber auch Krokodile, Elefanten und Nashörner wurden in die Arena gejagt. Dort wurden sie auf Tierkämpfer (venatores) oder andere Tiere gehetzt; beliebt war etwa die Paarung Stier versus Bär. Tausende Tiere wurden so in den Manegen abgeschlachtet. Ein ausgeklügeltes Logistiksystem sorgte für regelmässigen Nachschub.

Danach folgte der eigentliche Gladiatorenkampf, auf den sich das Publikum mit der Lektüre von eigens verfassten Informationsblättern (libelli) vorbereiten konnte. Beliebt waren Duelle zwischen unterschiedlichen Kämpfertypen, wobei die Veranstalter darauf achteten, grosso modo gleich starke Gladiatoren gegeneinander antreten zu lassen. «Für gestandene Gladiatoren», so Mann, galt es «als eine Kränkung ihrer Ehre, wenn sie gegen einen Anfänger aufgestellt wurden.»

Der Kampf wurde durch eine Fanfare eröffnet. Runden mit bestimmten Längen gab es ebenso wenig wie klar festgelegte Pausen. Es lag im Ermessen des Schiedsrichters, die Gladiatoren Atem holen zu lassen. Die Kämpfe konnten Mann zufolge auf vier Arten enden: Erklärung eines Unentschiedens, Tod eines Kontrahenten, Aufgabe eines Kämpfers mit nachfolgender Begnadigung oder Aufgabe mit nachfolgender Hinrichtung. Das Unentschieden war der seltenste Fall. Meistens endeten die Kämpfe mit einer Kapitulation. Das Publikum hatte danach die Möglichkeit, mit Zurufen dem Ausrichter des Kampfs ihr Urteil kundzutun: «Wurde die Begnadigung verweigert, musste der siegreiche Gladiator seinen Gegner töten.» Eine unmenschliche Aufgabe, die noch grausamer wurde, weil sich viele Gladiatoren aus Ausbildungszeiten persönlich kannten. Bis zu Ende des 2. Jahrhunderts nach Christus wurden laut Mann schätzungsweise vier von fünf Besiegten begnadigt. Danach allerdings habe sich der Gladiatorenkampf brutalisiert, und jeder zweite Kampf sei tödlich ausgegangen.

Wie die Handzeichen für Hinrichtung und Begnadigung aussahen, sei nicht schlüssig zu ermitteln, erklärt Mann. «Die Zeichen mit erhobenem oder gesenktem Daumen», sagt der Historiker, «die gerne auf die Gladiatorenkämpfe zurückgeführt werden, gab es in der römischen Antike jedenfalls nicht.»

«Seufzer der Mädchen»

Gladiatoren waren die Protagonisten eines ungemein teuren, hauptsächlich vom Staat getragenen Showbusiness. Obwohl sie meist unfreiwillig kämpften, wurden sie sorgfältig ausgebildet und versorgt, denn die sogenannten munera, die Schaukämpfe im Kolosseum, waren der Römer liebstes Spektakel – und sie wollten hochwertige Kämpfe sehen. Das Publikum «besass durchaus eine gewisse Expertise», betont Mann, zumal nicht wenige der Zuschauer in die gewaltige römische Militärmaschinerie involviert waren.

Der Nachschub an Gladiatoren wurde durch Ausbildungskasernen mit exzellenter Infrastruktur, die ludi, sichergestellt. Auf die gute Ernährung und die exzellente medizinische Versorgung der Kasernen war es primär zurückzuführen, dass sich viele Römer freiwillig zu den Gladiatorenkämpfen meldeten.

Wer sich in der Folge in der Arena bewährte, konnte in den Status eines antiken Rockstars aufsteigen. Wandinschriften bezeugten die enorme Anziehungskraft, die die Kämpfer insbesondere auf Frauen ausübten; Gladiatoren werden hier etwa als «Seufzer der Mädchen» bezeichnet, und von einem populären retiarius hiess es Mann zufolge, «er fange mit seinem Netz nicht nur seine Gegner, sondern auch ‹die Mädchen in der Nacht›.» Berühmte Streiter wurden sogar literarisch gewürdigt, so besang etwa Martial den «Stargladiator Hermes» (Mann) für seine klinische Akkuratesse – «er siege, ohne zu töten».

Das Christentum erstarkte, das Geld ging aus

Im Verlauf des 3. Jahrhunderts nach Christus wurden immer seltener Gladiatorenkämpfe ausgetragen. Der Forschung zufolge hatte dies hauptsächlich zwei Gründe. So breitete sich das Christentum, dessen Vordenker das Schlachten scharf kritisierten, während dieser Zeit in der römischen Elite aus. Konstantin (312 bis 337) förderte die Religion als erster Kaiser mit Überzeugung. Der zweite, letztlich wohl entscheidende Grund: Den Römern ging schlicht das Geld aus für die teuren Schaukämpfe, der Abwehrkrieg gegen die bedrohlich näher rückenden Germanen band je länger je mehr Ressourcen. Es sollte nichts helfen – 410 plünderten die Westgoten Rom. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.03.2013, 10:56 Uhr

Christian Mann, «Die Gladiatoren», C. H. Beck, 126 Seiten, ISBN 978-3-406-64608-9, CHF 14.90.

Die Gladiatoren

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