Die chinesische Lektion

Wie fühlt es sich an, ins Chinesische übersetzt zu werden? Der Schweizer Autor Daniel Goetsch ist mit seinem letzten Roman nach Shanghai gereist. Bericht einer gehörigen Verstörung.

Europa habe seine besten Tage hinter sich: An der Weltausstellung in Shanghai, Mai 2010.

Europa habe seine besten Tage hinter sich: An der Weltausstellung in Shanghai, Mai 2010. Bild: Keystone

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Eine Woche organisierter Kulturaustausch. Ein Schweizer Schriftsteller bei den Chinesen. Begegnungen mit Studierenden in Shanghai, Ningbo und Hangzhou. Stumm fragende Blicke, mehrdeutiges Schweigen. Stundenlang im Auto unterwegs. Ein Reigen von Strassenbildern, geprägt von Wohnblöcken, heruntergekommenen Häuserzeilen, schachtartigen Innenhöfen, Krämerläden, Garküchen, neonerleuchteten Schriftzeichen und den altbekannten Marken Prada, Gucci, Bulgari. Endlose Taxifahrten. Unbegreifliche Umwege. Tastende Gespräche über üppig gedeckte Tische hinweg. Immer wieder Missverständnisse, gefolgt von Stirnrunzeln, gelegentlich befreiendem Gelächter.

Die Schlussveranstaltung dann am letzten Tag findet im Minsheng Art Museum statt, in einer ehemaligen Textilfabrik, die von hoch aufgeschossenen Neubauten eingekesselt ist. Hier gleicht Shanghai jener boomenden Glitzermetropole, wie sie in den Köpfen vieler Europäer herumspukt. Gläserne Bürotürme, protzige Kaufhaustempel, auf deren Fassaden gigantische Plasmabildschirme prangen, wo unentwegt Werbefilme vorüberrauschen. Im Museum wird einheimische Videokunst aus den Neunzigern gezeigt, die genauso schwer zu entschlüsseln ist wie in Zürich oder Berlin. Unter anderem ist jene berühmte Nachrichtensprecherin zu sehen, die im Juni 1989 über die Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz berichtete. Sie liest hier aus einem Lexikon die verschiedenen Bedeutungen von Wasser vor, wie mir ein Eingeweihter erklärt.

Eine Stadt als ihr Gegenteil

Bei meinem letzten Aufenthalt vor sechzehn Jahren atmete Shanghai noch den Mief des real existierenden Sozialismus, die Strassenzüge wirkten eintönig und verstaubt, die Fassaden gräulich matt, öffentliche Verkehrsmittel fehlten, und es ging das Gerücht, dass die Parteiführung den Shanghaiern gegenüber Misstrauen hege und daher kein Geld in den Moloch am Huangpu investiere. Heute erscheint die Stadt als schrilles Gegenteil von damals. Das neue Geschäftsviertel Pudong übertrifft mit seiner emporstrebenden Architektur und dem eiskalten Glanz jedes westliche Vorbild. Die U-Bahn ist nach einer Logik konzipiert, die selbst für einen ortsunkundigen Analphabeten nachvollziehbar ist; Pfeilchen am Boden geben an, wohin man sich bei der Einfahrt der Bahn stellen soll.

Nicht verändert haben sich die russgeschwängerte Luft, die Menschenströme in den Strassen, die gusseisernen Gitter entlang der Trottoirs, die den Strom lenken. Ebenso die Stimmung im Lu-Xun-Park, einer grünen Oase, wo ältere Leute in Gruppen zu Schlagermusik tanzen, gemeinsam Tai-Chi-Figuren üben, rückwärts gehen, Drachen steigen lassen oder mit traditionellen Instrumenten wie Erhu und Linggu musizieren. Unverändert auch der Bund, der berühmte Boulevard mit den klassizistischen Prunkbauten aus der Kolonialzeit, der den Huangpu säumt. Und sogar der grossformatige Leitspruch «Diene dem Volk», der in fast jeder Hotellobby zwischen Marmorsäulen thront, erinnert mich an meinen letzten Aufenthalt. Dieses Diktum Maos bleibt unhintergehbar und wird gewiss jeden Machtwechsel überdauern. So hohl dieser Spruch für europäische Ohren klingen mag, er bestimmt nach wie vor, woran die politische Führung gemessen werden darf. Eine andere Frage ist, wer denn zur Messung befugt wäre.

Noch immer bestehen von oben gesetzte Tabus. So darf der Machtanspruch der Parteiführung nicht eine Silbe lang infrage gestellt werden. Und das, was 1989 auf dem Tiananmen-Platz geschehen ist, wird hier konsequent als Zwischenfall bezeichnet, während ausserhalb der Volksrepublik von einem Massaker die Rede ist. Ansonsten finden sich kaum Übereinstimmungen zwischen damals und heute. Es ist, als wäre die Stadt neu erfunden worden. Oder genauer gesagt: Die quirlige, zugleich mondäne Kultur, die noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts Shanghai geprägt hatte und dann durch den Maoismus ausgemerzt worden war, wurde im Laufe der Neunzigerjahre unter Anleitung der Partei nach und nach wiederbelebt. Überhaupt fällt es jedem Europäer schmerzhaft auf: Hier wird geplant und gelenkt, hier wird noch Politik gemacht, während zu Hause die Politik ohnmächtig der sogenannten Dynamik der Finanzmärkte hinterhertaumelt. Dass in stürmischen Zeiten nur eine Politik der starken Hand taugt, kann allerdings auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein, wie die europäische Geschichte beweist. Und gerade diese Geschichte lässt mich hier nicht los.

Eine Wahrheit in Jeans

Unmittelbar vor der Veranstaltung im Foyer des Museums spricht mich ein Mann in Jeans und Sweatshirt an. Er entpuppt sich als Professor für Politische Philosophie. Es freut ihn, dass ich in meinem eben ins Chinesische übersetzten Roman den Staatstheoretiker und Nazikarrieristen Carl Schmitt erwähnt habe. Damit würde ich genau den Punkt treffen, findet mein Gegenüber und klopft sich eine Zigarette zurecht. Damit beginne doch die Infragestellung des Demokratieverständnisses, wie es in Europa seit Jahrzehnten unangefochten zelebriert werde. Na ja, erwidere ich, Carl Schmitt sei noch immer ein Kind der Weimarer Zeit. Aber es ist kein Geheimnis: Europa steckt in der Krise. Das System müsste angezweifelt werden. Neue Denkansätze, kühne Entwürfe seien gefragt. Was falle den aufgeklärten, wohlstandsverwöhnten Europäern dazu ein, fragt mein Gegenüber und begutachtet die glühende Spitze seiner Zigarette. Giorgio Agamben? Slavoj Zizek? Die Hipster der Philosophie, sie rufen bloss ein müdes chinesisches Lächeln hervor.

Die Schlussveranstaltung, an der zwei Schweizer und drei Chinesen teilnehmen, offenbart vor allem, wie wenig von Europa zu erwarten ist. Europa hat offenbar nichts mehr zu bieten. Als hier im Zuge der Kulturrevolution missliebige Bücher verbrannt wurden, verschlangen gebildetere Chinesen heimlich die Klassiker der europäischen Literatur. Die Werke von Balzac, Tolstoi, Kafka oder Thomas Mann verkörperten eine Gegenwelt, sprachen vom Menschen an sich, von der Condition humaine, beschworen einen Geist, dem der ideologische Säuberungswahn nichts anhaben konnte. Später mochten die technologischen Errungenschaften, die Wirtschaftskraft und der Wohlstand Europas beeindrucken, solange dies uneinholbar schien; heute jedoch blickt das Reich der Mitte, immerhin die erfolgreichste Einparteienherrschaft der Welt, auf ein in sich verheddertes, taumelndes Konstrukt namens Europa. Dieser Blick ist zum einen von Nostalgie getrübt, wie wenn ein prächtiges Museum vor der Schliessung stünde, zum anderen voller Angst, den potentesten Absatzmarkt zu verlieren.

Nach der Veranstaltung, die gut besucht und unter anderem von Nestlé gesponsert war, verlassen wir das schicke Glitzerviertel, um uns in einem Distrikt aus der Kolonialzeit wiederzufinden, den man bis heute «Französische Konzession» nennt. Hier stehen noch die alten Häuser in ihrer europäischen Putzigkeit. Auf den Trottoirs unter Platanen ziehen lauter englisch sprechende Langnasen von einer Bar zur anderen. Ein ungewöhnlicher Anblick. Während meiner Stadterkundung habe ich selten Europäer gekreuzt. Wenn ich in der U-Bahn jemanden mit langer und spitzer Nase, unglattem Haar und tief in den Höhlen liegenden Augen erspähte, war es doch nur mein Spiegelbild auf der Fensterscheibe. Wir lassen den Abend im Innenhof eines italienischen Restaurants ausklingen, bei Montepulciano, Antipasti misto und dem üblichen Kulturaustauschgeplauder. Wir könnten uns in dem Moment in jeder beliebigen Stadt zwischen Athen und Oslo befinden.

Einmal noch fühle ich mich überrumpelt, als meine chinesische Gesprächspartnerin erklärt, die Angst vor China sei lachhaft und entspringe einer genuin westlichen Projektion. In Wahrheit würden wir uns bloss vor dem eigenen missionarischen Drang fürchten, der offenbar tief in der abendländischen Kultur verwurzelt sei. Aber das sei gar kein Problem. Wir, die Europäer, hätten ja den Gipfelpunkt hinter uns. «You have already reached the peak.» Der Satz wird ohne jede Schadenfreude geäussert, allenfalls klingt darin ein wenig Mitleid an. Oswald Spengler fällt mir ein, der Philosoph mit der verschwurbelten Theorie vom Untergang des Abendlands. Das ist wohl das Erschütterndste an dieser Woche in Shanghai: die Wiederbegegnung mit jenem Europa, zu dem ich selbstverständlich gehöre, aber von dem ich nicht weiss, wohin es fallen wird.

(Der Bund)

Erstellt: 20.03.2012, 08:30 Uhr

Infobox

Der Autor aus der Schweiz, geboren 1968, lebt in Berlin. 2009 erschien sein Roman «Herz aus Sand» (Bilger-Verlag), der nun von Chen Wei ins Chinesische übersetzt wurde. Pro Helvetia und das Literarische Colloquium Berlin unterstützten die Übersetzung und die Lesereise im Rahmen der Schweizer Reihe, in der auch aktuelle Titel von Lukas Bärfuss, Rolf Lappert oder Peter Stamm auf Chinesisch erschienen sind. (klb)

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