Die entwurzelte Kultur der Berber

In Nordafrika wurde Pierre Bourdieu zum Soziologen. Die soeben erschienenen «Algerischen Skizzen» aus den 50er-Jahren zeichnen diesen Weg nach.

Fotografien als Gedächtnisstütze: Pierre Bourdieu hat in Algerien Tausende von Bildern gemacht.

Fotografien als Gedächtnisstütze: Pierre Bourdieu hat in Algerien Tausende von Bildern gemacht.

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Als Pierre Bourdieu in der Roten Fabrik Zürich auftrat, um über die Schattenseiten der Globalisierung zu sprechen, zog er das junge Publikum mit exakten, auf empirischen Umfragen basierenden Ausführungen in den Bann. Den Beschönigungen der neoliberalen Befürworter misstrauend, beeindruckte der kettenrauchende Mitbegründer von Attac mit seinem Engagement für Gleichheit und Gerechtigkeit. Das war im Mai 2000, zwei Jahre vor seinem überraschenden Tod am 23. Januar 2002. Morgen wäre Bourdieu 80 Jahre alt geworden.

Für Bourdieu waren die Sozialwissenschaften eine geistige Waffe gegen alle Formen von Unterdrückung und Herrschaft; auch die Soziologie hatte ihren Beitrag zur Demokratisierung der Gesellschaft zu leisten. Dass diese Haltung mit seiner Biografie zu tun hat, beschreibt Pierre Bourdieu in seinem Bändchen «Ein soziologischer Selbstversuch» (2002). Aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen in den Pyrenäen stammend, verschlug es den Studenten in das grossstädtische Paris, wo er es bis an die Spitze der intellektuellen Elite schaffte. Auch als Soziologieprofessor am renommierten Collège de France blieb er stets auf Distanz zur Macht.

Für Fortgeschrittene besser geeignet

Bis dahin war es ein weiter, arbeitsamer Weg, auf dem der Bauernbub mit seinem Akzent die feinen Unterschiede in der feinen Gesellschaft am eigenen Leib zu spüren bekam. Nicht in Paris, sondern in Afrika nahm seine wissenschaftliche Karriere ihren Anfang, wie das nun erschienene Buch «Algerische Skizzen» belegt. Es enthält sämtliche wissenschaftlichen Arbeiten Bourdieus zu Algerien, die sehr aufschlussreich sind, wenn man sein Hauptwerk kennt: Insofern eignet es sich für Fortgeschrittene besser als für Neueinsteiger.

1955 zum Militärdienst eingezogen, wurde Pierre Bourdieu nach einem Abstecher nach Versailles im Algerienkrieg eingesetzt, und zwar als Schreibkraft beim Bodenpersonal einer Luftwaffeneinheit im Chéliff-Tal, 150 Kilometer westlich von Algier. Aus dem Militärdienst entlassen, lehrte er ab 1957 an der Universität Algier und begann mit seinen Feldforschungen über die Veränderung der dortigen Lebensbedingungen.

Interviews mit Bauern

Ähnlich wie Claude Lévy-Strauss, der in Brasilien sein ethnologisches Initiationserlebnis hatte, fand auch Bourdieu in der Fremde – der Heimat von Camus und Derrida – zur Lebensaufgabe. «Ich begann mich als Soziologe und Ethnologe für Algerien aus dem Gefühl heraus zu interessieren, dass das, was ich in Algerien sah, überhaupt nicht zu dem passte, was man auf der anderen Seite des Mittelmeeres darüber erzählte. Selbst die grössten Befürworter der algerischen Unabhängigkeit, zu denen ich gehörte, schienen mir sehr schlecht informiert und nur eine vage Ahnung zu haben.»

Bourdieu fing an, regelmässig ausführliche Interviews mit Einheimischen, vor allem Bauern und Arbeitern, zu führen, um so den Einfluss der Kolonisation auf die traditionelle Kultur der Berber zu analysieren. Ihn interessierte die «Herrschaftsbeziehung, die den Kolonisierten das System des Kolonisatoren aufzwingt». Verschärft durch den Krieg, in dem sich Algerien mit Frankreich befand, traf er auf eine Gemeinschaft im Schockzustand (und in zunehmender Auflösung): «Die Säulen der traditionellen Ordnung sind durch die Kolonialsituation und den Krieg zermalmt und niedergerissen worden.»

Franzöische vs. Stammeskultur

Die französische Kultur, die sich spätestens seit der Aufklärung der Rationalität verschrieben hatte, kollidierte mit einer archaischen Stammeskultur, in der zentrale Begriffe und Ordnungssysteme der europäischen Moderne wenn nicht fehlen, so doch unbedeutend sind: Das fängt mit einem völlig anderen Zeitbegriff an und hört mit einem Alltag auf, der nicht unter dem Diktat der kapitalistischen Ökonomie steht. Im Nachhinein bereute Pierre Bourdieu, kein Tagebuch geführt zu haben. Als Ersatz und Gedächtnisstütze für seine späteren Notizen machte er mit einer Zeiss Ikoflex Tausende von Fotografien. Die wenigen erhaltenen Bilder zeugen von seinem untrüglichen Blick fürs Detail.

Das Erstaunen darüber, dass Pierre Bourdieu so nahe an die Menschen herankam, wird etwas verständlicher, wenn man bedenkt, dass er in der Fremde viele Phänomene aus seiner eigenen Heimat wiederentdeckte – besonders die zunehmende Entwurzelung der Bauern, die auch seinen Vater zu einem Postbeamten machte. «Den verstehenden Blick des Ethnologen, mit dem ich Algerien betrachtet habe, konnte ich auch auf mich selbst anwenden, auf die Menschen aus meiner Heimat, auf meine Eltern.» Zeitlebens fühlte sich Bourdieu als entwurzelter Intellektueller, der sein bäuerisches Erbe durch die Annäherung an fremde Bauern in gewisser Weise wiederbeleben konnte. Das aufwendige Kleinklein seiner ethnologischen Feldforschung, das eine hohe Arbeitsbelastung häufig bis in die frühen Morgenstunden mit sich brachte, war ein Unternehmen, «dessen Antriebe nicht nur wissenschaftlicher Art waren», wie Bourdieu in diesen Skizzen bekannte.

Die Struktur bestimmt

Die Analyse der strukturellen Ähnlichkeiten zwischen seiner Heimat, dem Béarn, und der Kabylei im nördlichen Algerien hat Bourdieus späteres Hauptwerk geprägt, vor allem den «Entwurf einer Theorie der Praxis». Er, für den die Grenzen zwischen Soziologie und Ethnologie fliessend waren, beschrieb den Einfluss der gesellschaftlichen Strukturen auf das Individuum: Rituale und Verwandtschaftsverhältnisse, soziales Kapital und familiäre Ehre – all dies prägt und formt die scheinbar so originär individuellen Äusserungen.

Bourdieu sah sich daher durchaus in der Tradition des französischen Strukturalismus: Die Strukturen einer Gesellschaft bestimmen das Verhalten stärker, als es sich der Einzelne einzugestehen vermag. Diesen Nachweis hat Bourdieu eindrücklich geliefert. Seine «algerischen Skizzen» markieren den Anfang dieses Erkenntnisweges.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.07.2010, 06:51 Uhr

Das Buch

Pierre Bourdieu: Algerische Skizzen. Herausgegeben und mit einer Einleitung von Tassadit Yacine. Aus dem Französischen von Andreas Pfeuffer, Achim Russer, Bernd Schwibs u. a. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2010. 523 S., ca. 47 Fr.

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