Debatte

Die «formale Perfektion» des Massenmordes

Der französische Autor Richard Millet rechtfertigt in einem Essay Anders Breiviks Massenmord. Jetzt wird in Frankreich über die Grenzen zwischen Meinungsfreiheit und intellektueller Provokation debattiert.

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Es war zwar nur eine Frage der Zeit, bis jemand die ultimative Provokation wagt. Vergangene Woche war es nun so weit. Richard Millet ist ein in Frankreich hoch angesehener Schriftsteller, Mitglied im Lektoratskomitee des grossen französischen Verlags Gallimard und Essay-Preisträger der Académie française. Er gehört zu den wichtigsten Stimmen seiner Generation. Ausgerechnet dieser Millet hat nun vergangene Woche einen Essay publiziert, in dem er die «formale Perfektion» des Massenmörders Andres Breivik bewundert und seine Tat als Ausdruck gerechtfertigter Wut darstellt.

Europa im Bürgerkrieg

Erschienen ist das rund 18 Seiten umfassende Textlein am 24. August unter dem Titel «Éloge littéraire d’Anders Breivik» – just am Tag, da Breivik verurteilt wurde. Und das ist nur die erste einer ganzen Reihe von Geschmacklosigkeiten, die Millet dann zum Besten gibt. Er heisse Breiviks Taten nicht gut, schickt der Intellektuelle zwar voraus, beschreibt dann aber, warum er sie trotzdem bewundert. Breivik sei nämlich keineswegs verrückt, sondern repräsentiere all jene Bürger, welche aussereuropäische Einwanderung nicht mehr goutieren wollten. Leider unterschätze man diese Wut, gerade auch in Norwegen, einem Land, in dem der nationale und kulturelle Identitätsverlust weit fortgeschritten sei. Und so habe Norwegen «ohne Zweifel» bekommen, was es verdiene – und was ganz Europa erwarte, wenn dem Multikulturalismus nicht Einhalt geboten werde. In Europa, so Millet, sei ein Bürgerkrieg im Gange.

Die französische Presse und die literarische Gemeinde reagierten entsetzt auf Millets Essay. Die Argumente sind zwar sattsam bekannt und werden immer wieder in Kreisen der extremen Rechten geäussert: Zum Beispiel, dass die Sozialdemokraten, der Marxismus und die Ignoranz der europäischen Eliten letztlich für das Massaker verantwortlich seien, weil sie das Problem herbeigeführt hätten und jetzt nicht einmal anerkennen wollten. Aber dass ein angesehener Literat dieselben hanebüchenen Argumente heranzieht, um die Rolle des intellektuellen Brandstifters zu bekleiden, lässt viele ratlos zurück.

Die Rechte distanzierte sich

Erstaunlich an Millets Essay ist nicht die Provokation – aus der sicheren Distanz ihres geistigen Horts ritzt die Intelligenzia gern einmal die Grenzen des guten Geschmacks, um besonders verwegenes Denken zu demonstrieren. So sorgte etwa der Künstler Karlheinz Stockhausen nach den Anschlägen vom 11. September mit der Bemerkung für Empörung, er interpretiere das Ganze als künstlerischen Akt. Auch hierzulande gefallen sich gewisse Journalisten in der Rolle des Agent Provocateurs, indem sie notorisch die Gegenposition zum Common Sense einnehmen. Bei Millet liegt der Fall hingegen etwas anders.

Bislang hat es keine ernst zu nehmende Partei gewagt, Breiviks Taten als etwas anderes als puren Wahnsinn zu klassifizieren. Gerade auch die Rechte hatte es tunlichst vermieden, mit Breivik in Zusammenhang gebracht zu werden – obschon er ja auch deren Argumente bemühte. Darauf wies etwa Rechtsextremismus-Experte Jean-Yves Camus gegenüber «Le Monde» hin. Marine Le Pen vom Front National etwa distanzierte sich dezidiert gegen den Vorwurf, ihre Partei gehöre zu den geistigen Wegbereitern für Taten wie jene von Breivik.

Eine interessante Position

Derweil sieht sich Millets Verlag unter Rechtfertigungsdruck. Gegenüber «Le Monde» erklärte Verleger Pierre-Guillaume Roux, Millets Pamphlet reihe sich in eine Tradition von Pamphleten ein, die Grenzen überschritten, um eine Debatte zu ermöglichen. Millet sei ein grosser Schriftsteller und er werfe grosse und wichtige Fragen auf. Die literarische Welt sah das etwas anders und reagierte eher ratlos auf Millets Essay. Autor Tahar Ben Jelloun nannte den Text gegenüber France Info eine lächerliche, nutzlose und widerwärtige Provokation und forderte Verleger Gallimard auf, sich von Millet zu distanzieren. Schriftstellerin Annie Ernaux bezeichnete den Text als einen «gefährlichen politischen Akt» und forderte den Verlag auf, Stellung zu beziehen. Andere Literaten wie Jean-Marie Laclavetine verurteilten Millets Pamphlet zwar aufs Schärfste, warnten aber gleichzeitig auch vor Zensur und Gedankenpolizei.

Millet hingegen scheint Aufmerksamkeit im Gegenteil zu geniessen. «Ich bin einer der am meisten gehassten Autoren Frankreichs», sagte er France Info. «Das ist eine interessante Position, die mich zu einer herausragenden Figur macht.»

Erstellt: 30.08.2012, 11:49 Uhr

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