Die fünfte Gewalt ist erschüttert

Wenn sich Experten zu politischen Debatten äussern, hört ihnen niemand mehr richtig zu. Wie es so weit kommen konnte, erklärt der Schweizer Historiker Caspar Hirschi.

Barack Obama und Silvio Berlusconi 2009 beim Besuch der von einem Erdbeben schwer beschädigten italienischen Stadt L’Aquila. Foto: Corbis

Barack Obama und Silvio Berlusconi 2009 beim Besuch der von einem Erdbeben schwer beschädigten italienischen Stadt L’Aquila. Foto: Corbis

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Als der Eiserne Vorhang fiel und der Kampf der Blöcke ein Ende hatte, träumten einige von einer Welt, in der die Vernunft regiert, Dummheiten und Ideologien der Vergangenheit angehören. Es kam bekanntlich anders. Und obwohl heute Wissen so einfach verfügbar ist wie nie zuvor und immer mehr Menschen Möglichkeiten haben, ein Studium zu absolvieren, kommt es im Zeitalter der «alternativen Fakten» zu einer reflexhaften Ablehnung von wissenschaftlichen Sachverständigen, wenn sie sich in politische Diskussionen einbringen.

Wie konnte es so weit kommen? Wer ist schuld daran? Mal wieder das Internet, mit dem die Utopie einer Wissensdemokratie von der hysterisch-überhitzten Jekami-Kultur platt gewalzt wurde? Nein, sagt Historiker und HSG-Professor Caspar Hirschi: Der Vertrauensverlust gegenüber Experten mit Sachwissen sei ein «medial inszeniertes Degradierungsritual», denn wer öffentlich gebasht werde, müsse früher privilegiert gewesen sein.

Warnung vor der Reitdroge

Privilegiert waren die Wissenschaftler, wenn man Hirschis Darstellung folgt: Sie fokussiert auf berühmte Skandale vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart, weil sich an ihnen besonders gut Möglichkeiten und Grenzen der Expertenrolle zeigen lassen. Zwischen diesen dichten Detailstudien, von denen einige schon als Aufsätze erschienen sind und die in jeder Hinsicht erschöpfend wirken, weil scheinbar nichts zu unwichtig ist, wird Caspar Hirschi wiederholt erfreulich grundsätzlich: Für Politiker sei es schon immer reizvoll gewesen, sich bei heiklen Entscheidungen hinter beigezogenen Experten zu verstecken. Damit aber werde deren Rolle in der Öffentlichkeit so weit aufgeblasen, dass die Wissenschaftler den Ansprüchen nicht mehr gerecht werden können. Weder den eigenen noch denjenigen, die nun an sie gestellt werden. Die Folge davon sei das Expertenbashing, meint Hirschi.

Tatsächlich kann der Historiker als Beleg dafür ein drastisches Beispiel anführen: Nach dem Erdbeben im italienischen L’Aquila von 2009 wurden Seismologen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, weil sie nicht gewarnt hätten. Selber schuld, sagt Hirschi: In einem politischen System, das vom Klientelismus geprägt ist, hätten sich die Seismologen nie als Experten zur Verfügung stellen dürfen.

Wissenschaftliche Sachverständige erliegen immer wieder der Versuchung, das enge Korsett ihrer Rolle zu sprengen, wenn sie nicht nur beratend wirken, sondern ihren Ansichten bei der Politik oder mithilfe der Medien zum Durchbruch verhelfen wollen. Welche Folgen dies haben kann, wird in Hirschis Buch am Beispiel des englischen Pharmakologen David Nutt aufgezeigt, der 2009 bei der umfassenden Klassifikation von Drogen beteiligt war: Gegen den Widerstand des britischen Innen­ministeriums setzte sich Nutt dafür ein, Ecstasy herabzustufen. Gefährlicher sei die Droge «Equasy»: die Reitsucht zu Pferde, die jährlich mehr Tote fordere als die Partypille. Bemerkenswert ist dieser Fall nicht nur wegen der polemischen Schärfe, sondern auch, weil Nutt für seine Ansichten zu lobbyieren begann. Denn damit habe er sich in einen Technokraten verwandelt.

Schluss mit dem Konsens

Auch wenn man Hirschi nur mit Kraftaufwand folgen kann, ist klar, worum es ihm geht: Er will die Rolle des wissenschaftlichen Experten stärken, indem er auf Selbstbeschränkung und Unabhängigkeit gegenüber Politik und Medien pocht. Zugleich will er die Rolle des Wissenschaftlers als Kritiker reaktivieren.

Deshalb rollt Hirschi nochmals den Fall Calas auf, in dem es um den Tod eines Tuchhändlersohns 1761 geht. War es Mord oder Suizid? Resultat des religiösen Fanatismus? Entscheidend für Hirschis Argumentation ist das Engagement des Aufklärers Voltaire, der zur Affäre Calas nicht nur sein berühmtes Traktat über religiöse Toleranz schrieb, sondern über sein informelles Netzwerk und die Finanzierung von Anwälten eine Revision des Gerichtsfalls ermöglichte. Mit ihr gelangte die Ansicht eines Forensikers zum Durchbruch, dass Strangulierte nicht an Ersticken, sondern an einem Schlaganfall sterben – und eine Obduktion für die Beurteilung solcher Fälle zwingend sei. Einen «Triumph der Rollenteilung» nennt Caspar Hirschi das.

Gegenwärtig sieht der Historiker sowohl die Rolle des Experten wie auch die des Wissenschaftlers als Kritiker in Gefahr: Die Unimitarbeiter seien eingebunden in ein System gegenseitiger Abhängigkeiten – durch anonymes Begutachten von Publikationen und Anträgen, aber auch durch die Zitationsindexe, mit denen die Erwähnungen von Publikationen gezählt werden. Damit werde Wissenschaft zu einem «Akt der Affirmation»; auch von «vorauseilender Kompromissbereitschaft» ist die Rede.

Durchbrechen könne man die gegenseitige Lähmung nur, indem man die Gelder von den nationalen Förderinstanzen hin zu den selbst verwalteten Universitäten verschiebe, Experten mit ihrem Namen die Gutachten zeichnen – und der ergebnis­offene Streit der Argumente wieder zum Tragen komme. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.11.2018, 19:07 Uhr

Caspar Hirschi:

Skandalexperten, Expertenskandale

Zur Geschichte eines Gegen­wartsproblems. Matthes & Seitz, Berlin 2018, 400 S., ca. 35 Fr.

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