«Die gekrümmte Bahn des Leidens»

Schmerz und Paranoia haben das Leben und Schreiben der Nobelpreisträgerin Nelly Sachs geprägt. Wer war die Dichterin, der zurzeit eine Ausstellung im Strauhof in Zürich gewidmet ist?

Grosse Lyrik und wahnhafte Vorstellungen: Nelly Sachs (1891–1970) erhielt vier Jahre vor ihrem Tod den Nobelpreis für Literatur.

Grosse Lyrik und wahnhafte Vorstellungen: Nelly Sachs (1891–1970) erhielt vier Jahre vor ihrem Tod den Nobelpreis für Literatur. Bild: Keystone

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«Aus meinen grossen Schmerzen / Mach ich die kleinen Lieder.» So schlicht formulierte Heinrich Heine im «Buch der Lieder» eine Poetologie des Schmerzes – eine Schreibweise also, die sich wesentlich aus der Erfahrung von Leid ergibt und aus den Trümmern des Schmerzes ihre schöpferische Kraft gewinnt – und dadurch den Schmerz auch zähmt. Weniger schlicht, geradezu gewaltig wurde dieses Schreiben aus dem Schmerz bei Heine da, wo es über das Persönliche hinausging und von einem kollektiven Schmerz ausging, konkret von dem grossen Schmerz der jüdischen Geschichte, einer Geschichte von immer neuer Vertreibung und Verfolgung, wie sie Heine in seinem Romanfragment «Der Rabbi von Bacherach» zu fassen versuchte: «Ich habe gewaltig beschworen den tausendjährigen Schmerz», so Heine.

Durchdringender noch als bei Heine lassen sich die Gedichte der Nelly Sachs, jene dunklen Lieder, gewoben aus der Sprache des Todes, als Erzeugnisse einer Poetologie des Schmerzes verstehen. In der Tat sind sie wesentlich entstanden aus der Erfahrung jenes grossen Leids, das der Holocaust für das Judentum bedeutete. Die Gedichte des Zyklus «In den Wohnungen des Todes», der 1943/44 im schwedischen Exil entstand und 1947 in einem vom Krieg zerstörten Deutschland erschien, gehören zu den eindrücklichsten dichterischen Verbalisierungen eines Schmerzes, der doch jede Möglichkeit dichterischer Versprachlichung übersteigen und, wie Adorno meinte, das schöne Gedicht überhaupt fragwürdig machen musste. Doch ihre förmlich durch die Vernichtung aufgebrochene Sprache wurde – gemeinsam mit der Lyrik des mit ihr befreundeten Paul Celan – zu den wortkräftigsten Widerständen gegen eben jenen Tod.

Behütete Kindheit

Dabei fing bei Nelly Sachs alles behütet an. Auch darin ist ihre Biografie symptomatisch für die deutsch-jüdische Geschichte der Moderne, die im 19. Jahrhundert mit der Zuversicht auf Emanzipation und Integration begann und im 20. Jahrhundert in der grössten Katastrophe der jüdischen Geschichte endete. Nelly Sachs wurde am 10. Dezember 1891 in die gutbürgerlichen Verhältnisse einer assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie hineingeboren. In der Bibliothek standen die Bücher der deutschen Romantiker wie deutsche Märchen, katholische Heiligenlegenden, christliche Mystiker, die für sie ebenso prägend waren wie Selma Lagerlöfs Roman «Gösta Berling», den sie zum 15. Geburtstag erhielt. Auffällig mochte nur sein, dass das Einzelkind träumerisch, sensibel, ja kränklich war und eine einseitige Beziehung zu den Eltern hatte: «traumgewohnt und abgewandt», so beschreibt sie sich selbst.

Das bestätigen ihre frühen Gedichte: Geschichts- und weltfremd waren sie. «Rehe» heisst eines ihrer ersten gedruckten Gedichte, das diese scheuen Tiere als Jagdopfer imaginiert: «hingepflügt, was nie ganz zum Tage geweckt». Schon hier zeigt sich jener Grundzug eines Schreibens aus einer Verletzung heraus. Es ist dies die eigentliche Konstante zwischen den frühen dichterischen Versuchen der jungen Berliner Bürgerstochter und der Lyrik der schwedischen Exilantin im Angesicht des Holocaust.

Zunächst aber war es eine unmögliche Liebe nach 1908, die nicht nur zu einem körperlich-psychischen Zusammenbruch führte, zu einer bedrohlichen Nahrungsverweigerung, sondern auch zum eigentlichen Auslöser für ihr Schreiben wurde. Aus der zerstörerischen Energie, die sie in diesem Konflikt zwischen Elternliebe und der Liebe zu einem Mann gegen sich selbst richtete, gewann sie die produktive Kraft zum Schreiben, das damit die Züge eines Martyriums annahm – und beibehielt. Sonette schrieb Nelly Sachs nach 1910, die den Geliebten als wandelbare Rätselgestalt aufscheinen liessen: als Ritter etwa, oder als verführerischen Zauberer Merlin. Gegenüber ihrem Förderer und Biografen Walter Berendsohn charakterisierte sie ihn als nicht jüdischen Mann aus guter Familie, der als Widerstandskämpfer gegen die Nazis vor ihren Augen getötet wurde.

Von Liebe und Opfertod

Das Martyrium gehört auch zum Tenor der ersten Buchpublikation der 30-Jährigen: «Legenden und Erzählungen». Märchen und Legendenfiguren, wie sie die Romantik imaginierte, sind hier zu finden, Mönche, Künstler, Zauberer. Psychische Projektionen könnte man darin erkennen – und damit wieder das Grundmuster der entsagenden, unmöglichen, den Opfertod eingehenden Liebe jenseits von Sexualität – einer reinen Liebe, die sich im Tod erfüllt. Ins literarische Leben des avantgardistischen Berlins der 1920er-Jahre hatte sie sich damit nicht gerade eingeschrieben. Stattdessen widmete sie sich beinahe «nonnenhaft» ihrer privaten Welt der Gedichte und der Sorge für ihre Eltern beziehungsweise, nach dem Tod des Vaters 1930, für ihre Mutter, mit der sie geradezu symbiotisch verbunden war. Nur wenige wurden auf sie aufmerksam.

Bis 1940 lebte Nelly Sachs unter den zunehmend bedrohlichen Bedingungen NS-Deutschlands in Berlin. Sie gehörte dabei zu der grossen Zahl jener deutschen Juden, die lange keine ernsthafte Gefahr sehen wollten, fühlten sie sich doch ganz als Deutsche und war ihnen ihr Judentum doch denkbar weit entfernt. Unversehens aber fand sich auch Nelly Sachs auf ihr Judentum zurückgeworfen. Dazu gehörte, dass gemäss der NS-Politik der Ghettoisierung ihre Gedichte nach 1933 nur noch in jüdischen Zeitschriften erscheinen konnten, und für kulturelle Aktivitäten von Juden wurden sogenannte Kulturbünde eingerichtet. Hier, wo Nelly Sachs unter anderem Gertrud Kolmar und Jacob Picard kennen lernte, wurden ihre Gedichte in diesen Jahren gelesen. Symptomatisch ist auch, dass sie sich in dieser Zeit jüdischen Themen zuwandte und eine religiöse Sprache suchte. Sie las die Bibelübersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig und schrieb etwa den Zyklus «Melodien der Bibel».

Grosse Lyrik in Stockholm

Während immer mehr Juden emigrierten, blieben Nelly Sachs und ihre Mutter auch nach den Pogromen von 1938 in Berlin und lebten ein «Leben unter Bedrohung», so der Titel eines Prosagedichts, in dem sie im vollen Bewusstsein der Gefahr schreibt: «Höchster Wunsch auf Erden: Sterben ohne gemordet zu werden.» Solcher Todeswunsch verstärkte sich, nachdem sie von der Ermordung ihres «Geliebten» erfahren hatte. Den Überlebenswillen behielt sie dennoch – «für meine geliebte Mutter». So bemühte sie sich um Emigration, als die Tore zur Ausreise schon weitgehend verschlossen waren, also die letzten jüdischen Einrichtungen, Zeitschriften und Verlage aufgelöst, Juden zu Zwangsarbeit aufgeboten und in Lager deportiert wurden. Nur noch Beziehungen konnten sie retten: Sie wandte sich an die von ihr bewunderte Selma Lagerlöf um ein Empfehlungsschreiben für die Einreise nach Schweden. Die Einreiseerlaubnis kam Mitte Mai 1940, als sie eben den Meldebefehl in ein Arbeitslager erhalten hatte. Mit der Einreiseerlaubnis in der einen und dem Befehl in der anderen Hand ging sie zur Gestapo, wo ihr ein menschlicher Beamter riet, den Befehl zu zerreissen und sofort auszureisen. So flogen Nelly Sachs und ihre Mutter mit einer der letzten Maschinen am 16. Mai 1940 nach Stockholm und entkamen so um ein Haar dem Tod in den Gaskammern.

Hier, weit entfernt von der deutsch-jüdischen Bürgerexistenz in Berlin, fand Nelly Sachs zu ihrer grossen Lyrik. Dabei lebte sie unter einfachsten Bedingungen mit ihrer zunehmend pflegebedürftigen Mutter, unterstützt von der jüdischen Gemeinde Stockholms, lernte Schwedisch und arbeitete als Übersetzerin von Lyrik. In diesen Umständen gelangte sie zu einer gesteigerten Poetologie des Schmerzes, genauer: zu einer grundlegenden Umformung ihrer bisherigen Sprache. Das Nichts der Vernichtung ist förmlich versprachlicht, die Wunde das poetologische Modell: «meine Metaphern sind meine Wunden».

Die Bildsprache der Kabbala

Für diese dichterische «Durchschmerzung» des Leidens, so Sachs an Paul Celan, fand sie auch eine Sprache mitten aus dem Judentum heraus: die Bildersprache von Kabbala und Chassidismus. Dafür las sie die von Martin Buber nacherzählten chassidischen Geschichten sowie das «Buch Sohar», das «Buch des Glanzes», dessen Anfangskapitel in Gershom Scholems Übersetzung 1935 unter dem Titel «Geheimnisse der Schöpfung» erschienen war. Schon «In den Wohnungen des Todes» zitierte sie den «Sohar», und in «Und niemand weiss weiter» (1957) findet sich ein eigener «Sohar»-Zyklus. Aber auch in den Dramen sind die Spuren von Kabbala und Chassidismus mit Händen zu greifen. Was aber suchte, was fand sie in der Kabbala? Es war das unbildliche Heranreichen an den «Nullpunkt unserer Existenz» – oder, schlichter formuliert, in Bezug auf die von ihr geschätzte und mit ihr seelenverwandte Philosophin Simone Weil, die 1943 an selbst auferlegtem Hunger starb: «Sie gebraucht das gleiche Wort wie der‹Sohar›: Nichts. Das Nichts lieben. Kein tröstendes vermenschlichtes Abbild machen.» Die Katastrophe der Vernichtung wird damit im Licht eines mystischen Nihilismus lesbar, der die jüdische Leidensgeschichte an die abgründige Tiefe des Seins zurückbindet.

Mit immer neuer Schaffenskraft und vorerst mit unsicherem Erfolg schrieb Nelly Sachs in den folgenden 20 Jahren immer neue lyrische und dramatische Entwürfe aus der Katastrophe des Holocaust heraus: Tragödien des Leidens, aber auch des Überlebens, der Schuld des Überlebens, an der Paul Celan 1970 zerbrach. Erst in den späten 1950er-Jahren wurden Schriftsteller in der BRD wie Peter Hamm, Alfred Andersch und Hans Magnus Enzensberger auf sie aufmerksam. Enzensberger – damals Lektor bei Suhrkamp – realisierte ab 1961 Ausgaben der Gedichte und Dramen, die ihre Bedeutung festigten.

Psychotischer Schub

Der einsetzende Erfolg, insbesondere ihre Reise nach Deutschland 1960 zur Entgegennahme des Droste-Preises in Meersburg und ihre Treffen mit Celan in Zürich sowie Andersch im Tessin überforderten sie allerdings. Nach ihrer Rückkehr nach Stockholm erlitt sie einen heftigen psychotischen Schub und verbrachte die Jahre bis 1963 wiederholt in Nervenkliniken, geplagt von der wahnhaften Vorstellung von «Verfolgern», die sie auch als «Nazi Spiritist Liga» bezeichnete und die in ihrem Haus ein Kommunikationszentrum hätten: «Meine Wohnung war das Telegraph-Zentrum mit Morsezeichen und allen Finessen. Ich habe versprochen, darüber zu schweigen, und werde es auch tun. Aber diese Wohnung ist mir ein solcher Schrecken geworden, dass ich darin nicht mehr verbleiben kann.» Auch diesem neuen Leiden der Krankheit, die anfangs mit Elektroschocks behandelt wurde, hielt Nelly Sachs das Schreiben entgegen. In ihrem autobiografischen Lebensgedicht «Die Suchende» (1966) verbalisierte sie diese veränderte Poetologie des Schmerzes aus dem Wahn: «Wo sie steht / ist das Ende der Welt / aber Träume und Visionen / Wahnsinn und die Schrift der Blitze / diese Flüchtlinge von anderswo her / warten bis Sterben ist geboren / dann reden sie.»

Preise und Ehrungen zuhauf

In ihren letzten Lebensjahren stand dieses schöpferische Ankämpfen gegen die «Verfolgung» neben immer grösseren Ehrungen: Dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1965 folgte 1966 der Nobelpreis für Literatur. So wichtig und richtig diese Ehrungen waren, so stellte sich dennoch die Frage, ob die Dichtern damit angemessen verstanden wurde. Nicht unproblematisch war etwa, wenn damit eine Art symbolische Wiedergutmachung beabsichtigt war, wie Nelly Sachs in der Folge überhaupt zu einer Art Nachkriegs-Ikone deutsch- bzw. christlich-jüdischer Verständigung gemacht wurde. Der Schmerz, aus dem heraus sie schrieb, musste solchen harmonisierenden Verstehensversuchen gegenüber jedenfalls stets inkommensurabel bleiben. Ihre Gedichte beschreiben nicht die gerade Bahn der Versöhnung, sondern – wie sie 1961 im Zyklus «Noch feiert Tod das Leben» formulierte – «die gekrümmte Bahn des Leidens», «springend aus seiner Berufung: Wunde zu sein» und magisch gezogen von «der Fallsucht dieser Ungeduld ans Ende zu kommen». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.01.2011, 20:22 Uhr

* Andreas Kilcher

Andreas Kilcher ist Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft an der ETH Zürich. Dieser Text ist die gekürzte Fassung des Einführungsvortrags zur Ausstellung «Nelly Sachs. Flucht und Verwandlung», die bis 27. Februar im Strauhof Zürich zu sehen ist.

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