Die grosse Versöhnerin

Verena Kast ist eine der bekanntesten Psychologinnen und erfolgreiche Bestsellerautorin. Ihr neues Buch erscheint jetzt. Wer ist die Frau, die ewig gegen das Destruktive und für das Gute kämpft?

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Was sie in dieser Nacht geträumt hat, weiss Verena Kast nicht mehr. Sie sitzt im weichen Lehnstuhl und trinkt kalten Grüntee. Wir sind in ihrem Haus in St.?Gallen, im Untergeschoss, wo sie Menschen zur Psychotherapie empfängt. Auf dem Holztisch eine Box Kleenex, Edelsteine, Schreibstifte. Die Wände bestehen aus Büchern: Grass und Dürrenmatt, Lessing und C. G. Jung.

Bekennende Jungianierin

Verena Kast ist 67 und Jungianerin. Nicht weit vom heutigen Wohn- und Arbeitsort kam sie als viertes Kind eines Bauernpaares auf die Welt. Vor 40 Jahren eröffnete sie ihre psychotherapeutische Praxis, 1982 folgte mit «Trauern» der Durchbruch. Das Buch wurde mehrfach übersetzt und gilt als Klassiker. Sie lehrte an der Universität Zürich und bildet nach wie vor Psychoanalytiker am C.-G.-Jung-Institut aus. Draussen besingt ein Vogel den Sommer, und Verena Kast faltet die Hände. Den Blick hinaus gerichtet, ins Grün, ihren wilden Garten. Sie habe jedenfalls ein «gehobenes Lebensgefühl» empfunden am Morgen, versöhnliche Stimmung.

Versöhnung ist eines ihrer meistbenutzten Wörter. Es flitzt zum Beispiel über ihre Webseite in Form von folgendem Merkspruch: «Versöhnt sein – mit anderen und sich selbst – gibt ein Mehr an Lebensqualität.» Verena Kast ist überzeugt, dass es jedem Menschen guttäte, sich und die Welt wohlwollender zu betrachten. Sie sagt Sätze wie: «Es ist besser, einverstanden zu sein mit sich selbst, als im Zwist mit sich zu leben.» Und wehrt sich gleichzeitig dagegen, eine Schönfärberin zu sein. «Es ist gefährlich, wenn man in die Optimismus- und Harmoniefalle tritt und alle Schatten verdrängt.» Man müsse negative Gefühle ernst nehmen, «vorübergehend unversöhnlich» sein können. Doch letztlich sieht sie sich als Kämpferin gegen «die ungeheure Destruktivität», die unser Leben dominiere: «Schauen Sie all die Kriege und Konflikte. Und hören Sie sich um auf der Strasse: Die Leute klagen und machen sich das Leben madig.»

Erinnerungen als Ressource

Mit ihrem neuen Buch, das ab heute in den Buchhandlungen steht, will sie andere Wege aufzeigen. Es heisst «Was wirklich zählt, ist das gelebte Leben» und ist ein Plädoyer, sich mit Erinnerungen auseinanderzusetzen. Diese stärkten unser Selbstvertrauen und seien eine Hilfe, das weitere Leben anzugehen. Und da ist sie wieder, die Versöhnung: «Der freundliche Blick aufs Leben lässt unser Leben freundlicher erscheinen, und der freundlichere Blick auf die Mitmenschen erlaubt es, mehr das auch Gute im Menschen zu sehen. Es lebt sich besser und versöhnter damit.» Gerade «Erinnerungen an schwierige Zeiten bilden wirkungsvolle Ressourcen», heisst es an anderer Stelle. Das Ressourcenorientierte, auf die Stärken des Menschen Fokussierte von C. G. Jung ist es denn auch, das sie bis heute fasziniert.

Das Buch streift praktisch alle Sujets, die Verena Kast in den vergangenen 30 Jahren aufgenommen hat: Verarbeitung von Trauer, Bedeutung von Träumen und Märchen, Umgang mit Freuden, Möglichkeiten des Loslassens. Es ist ein Kondensat light ihres Schaffens, ein Einstieg für jene, die noch nicht zur Fangemeinde gehören.

Und die ist gross. Denn ihre Themen sind Dauerbrenner. Es geht um Eifersucht, Hoffnung und Verlust. Die Bände verkaufen sich ausgezeichnet – weit über die Schweiz hinaus. «Sie ist eine sehr renommierte und in Deutschland äusserst beliebte Autorin», sagt Ursula Nuber, stellvertretende Chefredaktorin von «Psychologie heute». «Denn Verena Kast kann psychologische Zusammenhänge einem breiten Publikum auf seriöse Weise vermitteln.» Tatsächlich besetzt sie die Nische zwischen wissenschaftlicher Psychologie und menschennahen Alltagsfragen. Ihre Bücher sind populär – und lösen in Fachkreisen Kritik aus. Zwar äussern sich Psychologen aus freudianischen wie auch jungianischen Zirkeln ausnahmslos respektvoll über sie. Doch wird mehrfach – und auf ausdrückliche Bitte, nicht namentlich zitiert zu werden – moniert, sie betreibe keine «harte Wissenschaft» und habe ein gar breites Themenrepertoire.

Entspanntes Lächeln. Als «harte Wissenschafterin» habe sie sich nie gesehen, meint die Betroffene. Den Vorwurf der «Vielschreiberin» hört sie dagegen nicht gern. Sie sei eine Schafferin und schreibe relativ rasch. Etwa zwei Bücher pro Jahr. Unbedingt abheben möchte sie sich von der Ratgeberliteratur: «Ich erteile keinen Rat. Meine Bücher sollen tiefenpsychologische Einsichten und Anstösse zur Selbstheilung geben.»

Dabei geht Verena Kast pragmatisch vor; sie beschreibt psychologische Sachverhalte anhand von Fallgeschichten oder eigenem Erlebten. Ihre Werke haben etwas Tröstliches, Positives. Und so wirkt sie als Person. Sie kann zuhören. Provokationen weicht sie nicht aus.

Die stillen, kleinen Freuden

Auffallend ist ihr Mut zum Einfachen. Im aktuellen Buch, in dem es, in ihren Worten ausgedrückt, «um eine Kurztherapieform für ältere Menschen geht, die noch ein bestimmtes Problem lösen möchten», schreibt sie, die stillen, kleinen Freuden machten die Lebensqualität aus. An anderer Stelle fordert sie auf, sich an gute Freundschaften zu erinnern und an Krisen, die – aus Distanz betrachtet – gut gemeistert wurden. Das kommt zuweilen trivial, ja: oberflächlich daher. Verena Kast: «Man könnte immer noch fundierter sein, aber für mich reicht es.»

Ihre eigenen Bücher hat Verena Kast versteckt in ihrem Büro, im oberen Stockwerk ihres Hauses. Laptop, Bücher, Notizen, Dossiers – auf dem Tisch, am Boden, im Regal. Sie arbeitet heute noch, da sie offiziell pensioniert ist, täglich: als Vorsitzende der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie, als wissenschaftliche Leiterin der Lindauer Psychotherapiewochen (wo sich jährlich 3500 Psychologen, Ärzte und Psychiater treffen), als Therapeutin und Autorin. Nun, da ihr neustes Buch auf den Markt kommt, ist das folgende bereits in der Pipeline. Eine Workaholicerin? Kopfschütteln. «Im Pausemachen bin ich auch ganz gut!» Dann schwimmt und spaziert sie, liest Philosophen – derzeit Arthur Schopenhauer – oder verbringt Zeit mit ihren Kindern und Grosskindern. Es sind nicht ihre leiblichen: Nachdem ihr Lebensgefährte schon früh verstorben war, starb vier Jahre später auch ihre beste Freundin. Verena Kast nahm deren beiden Kinder als Alleinerziehende an und bezeichnet sie heute als ihre eigenen.

Vor der Haustüre stehen zwei Paar Gartenschuhe; Verena Kast sagt, sie lebe «teilweise zu zweit» hier. Mehr erzählt sie nicht. Hier und nicht weiter. Neben der Haustüre blickt ein Dackel aus Ton treu und ewig zu Boden. Ein Igel steht bereit, um den Dreck von Schuhen abzubürsten. Verena Kast bestaunt ihre japanischen Pflanzen. Manchmal redet sie ihnen gut zu. Dann geht sie zurück in ihr Haus.

Erstellt: 14.07.2010, 23:20 Uhr

Buch

Was wirklich zählt, ist das gelebte Leben. Die Kraft des Lebensrückblicks. Kreuz Verlag. 180 S., ca. 33 Fr.

«Man könnte immer noch fundierter sein, aber für mich reicht es.» Psychologin Verena Kast in ihrem Garten. (Sophie Stieger)

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