«Die können nicht einmal Zug fahren»

Kultautor Wolf Haas aus Österreich las in Zürich aus seinem neuen Buch. Es wurde launig – sehr launig.

Füllt Lesesäle wie AC/DC die Stadien: Wolf Haas, hier am Wiener Literaturfestival O-Töne. (28. August 2014)

Füllt Lesesäle wie AC/DC die Stadien: Wolf Haas, hier am Wiener Literaturfestival O-Töne. (28. August 2014) Bild: Keystone

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Ist das jetzt Literatur oder Kabarett? Das war bei dem zweistündigen Auftritt des Krimiautors Wolf Haas im beinahe ausverkauften Kaufleuten nicht immer so klar. Klar war nur, dass selten an einer Lesung so viel gelacht wurde.

Der Schriftsteller, der am Schluss einer langen Lesereise seinen jüngsten Roman «Brennerova» vorstellte, trug seine Texte effektvoll vor und transportierte sie so gleichsam auf eine höhere Ebene: Druck- und schwungvoll las Haas mit melodiösem österreichischem Akzent. Die Zuhörer waren begeistert von der Performance des Kultautors, der nicht nur hierzulande die Lesesäle füllt wie AC/DC die Stadien (vor zwei Monaten las Haas schon einmal vor vollen Rängen im Zürcher Kaufleuten).

Erhabensein über den grossen Bruder

Von der ersten Minute an hat Wolf Haas das Publikum auf seiner Seite. Er erzählt von der heimlichen Schadenfreude des Kleinstaatlers, wenn er bemerkt, dass die Deutschen etwas nicht im Griff haben. Wenn etwa die Deutsche Bahn kurz nach München die Fahrt schon unterbrechen muss wegen einer vereisten Weiche – und das bei bloss fünf Zentimeter Schnee! Deshalb verspätete sich der Zug nach Zürich um mehrere Stunden. So wurde der Soundcheck vor Publikum bereits zu einem Highlight des Abends. «Nicht mal Zug fahren können die, geschweige denn Ski», sagt der gross gewachsene, schlaksige Mann, der in einem Bergdorf aufgewachsen ist und heute in Wien lebt.

Der Wirkung seiner Worte bewusst, schaut Wolf Hass in die applaudierende Menge benachbarter Kleinstaatler, die nur zu gut verstehen können, dass man die wenigen Momente des Triumphes und Erhabenseins über den grossen Bruder geniessen, ja feiern muss (gerade im Winter sind diese häufiger).

Die Brutalität als lustiges Ereignis

Das Vorlesen, das die Qualitäten des Romans erst zur ganzen Entfaltung bringt, ist für Wolf Haas eine eigene Kunstform, eine Art literarisches Kabarett, wie es die Österreicher lieben und mit Ironie und Selbstironie zelebrieren. In der Beschreibung von Realität lauert ein doppelter Boden, und wenn es ans Eingemachte geht, dann wendet sich der Ernst dem Unernst zu. Das macht Spass, auch wenn es in die Tiefen der Wiener Unterwelt geht, wo der neue Roman «Brennerova» angesiedelt ist.

Selbst vor dem Abhacken der Hände sind dort die Mitbürger, die in Ungnade gefallen sind, nicht sicher («Hände gut, alles gut» überschrieb die NZZ ihre Rezension). Nach einem folgenschweren Abstecher nach Moskau zwecks Brautschau, die im Internet vorbereitet wurde, macht sich der Protagonist, der pensionierte Privatdetektiv Simon Brenner, auf die Suche nach der schönen Russin Serafima, deren Spuren sich in den Tätowierungssalons der österreichischen Metropole verlieren. Bei Wolf Haas wird auch die Brutalität zu einem lustigen Ereignis, das in ein fast mildes, jedenfalls nicht nachtschwarzes Licht getaucht ist.

«Ich bin nun erschöpft und habe mir 2015 frei genommen», sagt Wolf Haas, nachdem er die frisch erstandenen Bücher der zahlreichen Käufer höflich und routiniert signiert hat. Wer möchte es ihm nicht gönnen! Wer in nur vier Monaten, wie sein Hamburger Verlag gestern mitteilte, nicht weniger als 100'000 Exemplare verkauft hat und dauernd auf Achse war, hat eine Auszeit verdient. Ob es danach einen neuen Brenner gibt, wollte der Autor nicht mal seinen treusten Zürcher Fans verraten. Wiederkommen will er aber auf jeden Fall, denn eine Lesung in der Schweiz ist für ihn fast ein Heimspiel.

Erstellt: 30.12.2014, 14:40 Uhr

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