Rezension

Die martialischen Weisheiten des Terminators

Arnold Schwarzenegger, die steirische Eiche, hat seine Autobiografie geschrieben. In «Total Recall» erzählt er die unglaublich wahre Geschichte seines Lebens.

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Im Grunde war das hyborische Zeitalter, das im Film «Conan der Barbar» (1982) die Welt verdunkelte, über das Grunzen und Kopfabschlagen als Kommunikationsformen noch nicht recht hinaus. Aber es gab doch jene Szenen, in denen dem Sklaven Conan, also Arnold Schwarzenegger an der Grenze zwischen Bodybuilding und Schauspielerei, eine verfeinerte Erziehung zuteilwurde. Unter anderem lernte er die Dichtkunst von Khitai und die Philosophie von Sung, welche beide auf je einem A4-Pergament Platz fanden, wenn die Erinnerung nicht täuscht. Der philosophische Kernsatz beantwortete die Frage, was das Schönste in einem Männerleben sei. Er lautete: «Zu kämpfen mit dem Feind, ihn zu verfolgen und zu vernichten und sich zu erfreuen am Geschrei der Weiber.»

Die Historiker schreiben ihn Dschingis Khan zu, genau genommen, aber auf Conan, diesen geistigen Vorahmer des Khan, passte er natürlich wie angegossen, und Schwarzenegger, der vollendete Conan-Darsteller, sprach ihn sehr schön und kampfeswillig und nennt es nun in seiner Autobiografie, «Total Recall», seine Lieblingsstelle im ganzen Film. Das hat seine Logik bei einem Mann, der sich immer bemüht hat, seinem Leben die Dynamik eines Mongolensturms zu geben.

Arnolds zehn Regeln

Vieles im Buch des 65-Jährigen läuft auf solche martialisch zugeschliffenen Weisheiten hinaus, und am Ende konzentriert sich alles Erlebte in zehn Regeln («Arnolds Regeln»), von denen man sagen darf, sie hätten die Subtilität eines Breitschwerts («Wenn jemand Nein sagt, versteh das als Ja», unter anderem). Sie sind das endgültige Muskelspiel des Erfolgreichen. Der Rezept gewordene Stolz eines Polizistensohnes vom Thalersee bei Graz, der bei den Kennedys einheiraten durfte, weil er sichs verdient hat («Folge nie der Menge, geh dorthin, wo Platz ist»). Die reine Unschuld einer Moralität steckt darin, die sich ganz aus dem Selbstinteresse nährt («Bleib hungrig»).

Und dahinter wieder ein fast zwanghafter Hang zur Idylle in einer Karriere- und Lebensordnung, wo kein Platz ist für das Geständnis, die Schläge des Vaters Schwarzenegger seinerzeit in Thal hätten den Knaben Arnold geschmerzt, sondern nur für die Behauptung, sie hätten ihm gutgetan («Schieb die Schuld nie auf deine Eltern»). Und da folgt dann ein recht grauslicher pädagogischer Gedankengang über den Nutzen eines Traumas; er selbst habe seine vier Kinder aber nie geschlagen, betont er, sondern ihnen höchstens die Glühbirnen aus den Lampen gedreht, wenn sie nachlässig waren beim Lichterlöschen.

Auch als Ehebrecher ein Grosser

In «Total Recall», dessen Erinnerungsleistung durchaus selektiv ist, äussert sich der simple Optimismus eines sich ständig neu erfüllenden amerikanischen Traums. Es ist das eigentümliche Buch eines Mannes mit einem Elefantengedächtnis für die Details des Erreichten und mit einer Art vergesslicher Flüchtigkeit, sobald es um die Niederlagen geht. Das führt, literarisch betrachtet, in die eintönige Ödnis einer Erfolgsbuchhaltung: eine Wüste aus Einzelheiten, in der dieser Mann abrechnet auf Dollar und Cent und nicht ruht und rastet, bis alle menschliche Differenziertheit in der moralischen Eindeutigkeit mündet. Eindeutig sogar dort, wo «Total Recall» die Reue- und Bussschrift des kürzlich ertappten Ehebrechers ist, denn wir sind allzumal Sünder, und weil an grossen Männern scheints alles gross ist, will Arnold Schwarzenegger auch da ein besonders Grosser sein.

Aber er ist kein Simpel. Einfach hat man es mit ihm nicht, das haben, wie man jetzt eben lesen kann, einige erfahren, die es sich mit ihm zu einfach machen wollten. Sie zerschellten alle an seiner sehr bewussten Darstellung des Einfachen und an einer beim Stemmen von Gewichten erworbenen Unermüdlichkeit, auf die er geradezu unmässig stolz ist. Vielleicht haben sie auch die Komplexität des Charakters unterschätzt, diese bewundernswerte und ein wenig skurrile Mischung aus steirischem Eichbaum, fröhlichem Rüpel, Kiffer und Zigarrenraucher und weltläufigem Vorwärtsstreber, der sie dann ehrgeizig und mit einem Talent zur Freundlichkeit alle überholte und fertigmachte, als Skulpteur seiner selbst, im Fitness-, Immobilien- oder Filmgeschäft.

Inspirationsquelle Bodybuilding

Nur in der Politik, die er sich auch zutraute, wo es jedoch komplexer zuging, als er sein wollte, nämlich als Gouverneur von Kalifornien (2003–2010), geriet er gewissermassen in Widerspruch mit sich. Seine Verkaufsrhetorik mit ihren kämpferischen Lieblingssubstantiven «Vision», «Ziel», «Disziplin» und «Sieg» beschrieb seine Wirklichkeit nicht mehr ganz. Schwarzenegger scheint es in seinem Buch zu ahnen, will es aber nicht recht zugeben. Denn wenn ihm eine gewisse Gefühlseinfalt doch nie auszutreiben war, dann die, dass er eine Vision immer mit der Akquisition von Muskelmasse verwechselt, buchstäblich oder sinnbildlich («... und eines Tages wachte ich auf, und die Vision stand mir glasklar vor Augen: ‹Ich will einen Jumbojet haben!›»).

Man lernt bei ihm, nebenbei, viel über die Anatomie und die Muskulatur im Besonderen. Das Physische bleibt seine Berufung, und noch heute inspiriert ihn das Bodybuilding auf geradezu poetische Weise zum Lob schwellender Männerschönheit. Eins der seriösesten Geständnisse seines Buchs ist, dass seine Waden einmal zu dünn waren. Die zweiköpfigen Wadenmuskeln hatten nicht die perfekte Form umgedrehter Herzen, wie die ästhetischen Standards es wollen. Aber er hatte die Vision davon und definierte die Ziele, und schliesslich hatte er die schönsten umgedrehten Herzen, die man sich vorstellen kann. Und auch so beschwor, bannte und vertrieb Arnold Schwarzenegger den Geist eines Vaters, der früher immer zu ihm gesagt hatte, er solle etwas Nützliches tun, zum Beispiel Holz hacken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.11.2012, 09:10 Uhr

Schwarzenegger, Arnold / Petre, Peter, «Total Recall», Hoffmann und Campe, 671 Seiten, ISBN 978-3-455-50278-7, CHF 43.90. (Bild: PD)

Total Recall

«Conan der Barbar», Trailer

«Der Terminator», Trailer

«Total Recall», Trailer

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