Interview

«Die nordischen Autoren haben eine Grenze erreicht»

Sind Krimis banal? Autorin Christine Brand, Mitorganisatorin der ab heute stattfindenden Criminale, über ihr Metier – und wieso Schweizer Thriller im Ausland keinen Erfolg haben.

«Schweizer Krimis leben oft vom Lokalkolorit»: Autorin Christine Brand.

«Schweizer Krimis leben oft vom Lokalkolorit»: Autorin Christine Brand.

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Frau Brand, warum schreiben Sie Krimis?
Ich war lange Gerichtsberichterstatterin. Als solche hat mich die Frage, warum jemand etwas Böses tut, stets fasziniert. Mein erstes Buch schrieb ich dann über wahre Kriminalfälle. Doch als Journalistin muss man sich an Fakten halten, während ich als Autorin Menschen und Dialoge erfinden kann, was mir gefällt. Auch ein Roman würde mich reizen, aber ich muss zugeben, dass ein Krimi wohl einfacher zu schreiben ist. Es steht einem ein Grundgerüst zur Verfügung; die Geschichte sollte ja ein Verbrechen, ein Opfer und einen Ermittler beinhalten.

Gerade von Literaturfans hört man deshalb immer wieder, dass Krimis sie nicht interessierten. Stichwort Trivialliteratur.
Das ist ein Vorwurf, der sehr oft kommt. Er ist aber nicht richtig. Einen guten Krimi zu schreiben, ist anspruchsvoll. Ausserdem gibt es viele Beispiele von literarischen Krimis beziehungsweise Schriftstellern, die Literatur mit Krimielementen gekreuzt haben. Schiller, Dostojewski, Dürrenmatt und Glauser gehören dazu. Auch Linus Reichlins frühe Bücher laufen unter dem Label Krimi, obwohl sie literarische Eigenschaften aufweisen. Die Grenzen verwischen.

Ist der literarische Krimi der ideale Krimi für Sie?
Ja, allerdings nur, wenn auch die Spannung stimmt. Zum Beispiel gibt es von Juli Zeh einen Krimi namens «Schilf». Der ist wahnsinnig schön geschrieben – und hat vor allem einen super Plot. Einen guten Krimi darf man nicht mehr aus der Hand legen wollen.

Was macht einen guten Krimi weiter aus?
Nehmen Sie zum Beispiel die Bücher vom Schweizer Autor Alexander Heimann. Darin wird nicht bloss ein Kriminalfall aufgerollt, sondern ein Abbild der Gesellschaft beschrieben – wenn auch mit Betonung auf die Schattenseiten. Weiter zwingend sind ein überraschender Plot und ein unerwartetes Ende.

Das klassische Whodunnit einer Agatha Christie reicht heute allerdings nicht mehr. Alle erdenklichen Twists wurden auch schon mehrfach erprobt. Was müssen beziehungsweise können Krimis heute dramaturgisch leisten?
Natürlich ist viel geschrieben worden, dennoch gehen den Autoren die Ideen hoffentlich nicht aus. Vielleicht führen die neuen Medien und Technologien zudem zu neuen Erzählformen. Kürzlich habe ich einen Text gelesen, der zuerst als E-Book publiziert wurde, erst danach als Buch. Interessanterweise las sich die Geschichte ganz anders; sie war sehr unkonventionell konstruiert.

Was glauben Sie: Warum lesen die Leute Krimis?
Auf der psychologischen Ebene geht es wohl um eine Mischung aus Abscheu und Faszination für das Böse. Die Faszination, dass jemand es wagt, etwas so Böses zu tun, das man sich nie getrauen würde. Das Böse gab es schon immer und ist Teil der Menschheit. Liest man einen Krimi, tut es gut, wenn jemand anders Opfer eines Verbrechens wird – und nicht man selbst. Auch wenn es nur eine fiktive Person ist.

Abgesehen von der Katharsis ist ein Krimi auch oft bloss Zeitvertreib. «Airport Literature» nennt man sie im Englischen ja auch.
Natürlich, ich zum Beispiel lese Krimis zur Entspannung oder Ablenkung. Und als Autorin ist es das grösste Kompliment, wenn jemand sagt, er habe mein Buch nicht mehr aus der Hand legen können. Das bedeutet mir mehr als die Aussage «Sie schreiben so schön, ich habe jede Seite zweimal gelesen».

Welche Krimiautoren lesen Sie besonders gerne?
Tess Gerritsen, obwohl ihre Bücher ziemlich gruslig sind, aber gleichzeitig unglaublich spannend. Auch Keigo Higashino kann ich empfehlen, vor allem «Verdächtige Geliebte». Die Geschichte hat einen tollen Aufbau und ist extrem überraschend: Der Leser kennt die Täterin von Beginn weg. Allerdings weiss man nicht, wie sie die Tat beging, die Polizei wurde mit einem perfekten Alibi ausgetrickst.

Wie viele Krimis lesen Sie eigentlich?
Einen Krimi pro Monat. Aber auch sehr gerne andere Literatur. Am liebsten Haruki Murakami und T. C. Boyle.

Die arbeiten auch oft mit Krimielementen.
Wie gesagt, die Grenzen zwischen Krimi und anspruchsvoller Literatur sind fliessend.

Ist Brutalität heute ein Muss, um im Krimi-Metier erfolgreich zu sein? Oder ist das nur bei den Skandinaviern so?
Zu viel Brutalität goutieren viele Leser nicht. Ich glaube, die nordischen Autoren haben eine Grenze erreicht, die man nicht überschreiten sollte. In den Schweizer Krimis sind grausige, detailverliebte Beschreibungen von Morden sowieso selten.

Gibt es andere typische Merkmale von Schweizer Krimis?
Schweizer Krimis leben oft vom Lokalkolorit, sind an einem realen Schauplatz angesiedelt. Sei es im Emmental, im Jura oder in Zürich.

Vielleicht haben die einheimischen Krimiautoren deswegen keinen Erfolg im Ausland.
Das kann sein. Es liegt aber sicher auch an der Sprache. Wir sprechen nun mal nicht Hochsprache, das drückt auch in der geschriebenen Sprache durch. Ausserdem lohnen sich Übersetzungen in den seltensten Fällen.

Verdient man als Schweizer Krimiautor überhaupt etwas?
(lacht) Das ist schwierig. In meinem Fall ist das Schreiben eher ein Hobby, das einen finanziellen Zustupf bringt. Es gibt nur sehr wenige Autoren in der Schweiz, die vom Schreiben leben können.

Schreiben Sie als Frau andere Krimis als männliche Kollegen?
Das glaube ich nicht. Weibliche Krimis sind auch nicht weniger brutal, wie das Beispiel Tess Gerritsen zeigt. Kürzlich las ich in einer Rezension meines neusten Krimis, dass wir in einer «neuen Zeit» angelangt seien: Meine Ermittlerin, die Kommissarin, die Gerichtsmedizinerin – allesamt seien Frauen. Was soll ich sagen? Ich habe das beim Schreiben nicht einmal gemerkt.

Zum Thema heute im «Tages-Anzeiger»: Martin Ebels Polemik «Die Leiche ist Pflicht». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.04.2013, 12:39 Uhr

Zur Person

Christine Brand, geboren und aufgewachsen im Emmental, ist Krimiautorin und Mitorganisatorin der Criminale 2013. Brand arbeitet weiter als Redaktorin bei der «NZZ am Sonntag». Zuvor war sie Reporterin beim Schweizer Fernsehen und Journalistin bei der Berner Zeitung «Der Bund», wo sie unter anderem Gerichtsreportagen verfasste. Christine Brand, die bis dato drei Krimis verfasst hat, lebt in Zürich.

Christine Brand: Kalte Seelen. Landverlag, 2013. ISBN: 978-3-905980-14-1.

Criminale

Zwischen dem 17. und 21. April 2013 findet die Criminale, das grösste Krimifestival Europas, zum ersten Mal in der Schweiz statt. Programm siehe Interaktivbox.

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