Die parfümierten Traditionalisten

Der deutsche Theologe David Berger beschreibt die lateinische Messe als homosexuelle Subkultur. Sein Buch, «Der heilige Schein», trifft den Nerv der Kleriker-Kirche und des Ratzinger-Pontifikats.

Reine Männerwelt: Die von Marcel Lefebvre gegründete Piusbruderschaft zelebriert in ihrer Walliser Hochburg Ecône die Priesterweihe.

Reine Männerwelt: Die von Marcel Lefebvre gegründete Piusbruderschaft zelebriert in ihrer Walliser Hochburg Ecône die Priesterweihe. Bild: Keystone

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Die konservative Wende unter Papst Benedikt XVI. zeigt sich besonders deutlich in der Rückkehr zur alten Liturgie und in einer verschärften Homophobie. Was das eine mit anderem zu tun hat, erklärt der deutsche Theologe David Berger in seinem Buch: «Der heilige Schein» dürfte die Kirchenoberen mehr beunruhigen, als sie je zugeben werden.

Bis vor kurzem war David Berger der junge Vorzeige-Theologe im Traditionalisten-Milieu: Herausgeber und Chefredakteur von «Theologisches», der wichtigsten konservativen theologischen Zeitschrift Deutschlands, Professor an der Päpstlichen Akademie des Heiligen Thomas von Aquin, Lektor der Glaubenskongregation und Mitglied des Ritterordens Jasna Gora. Der Theologe mit Jahrgang 1968 hatte Zugang zu den ultrakonservativen Netzwerken der Piusbrüder, der Legionäre Christi oder des Opus Dei. Seine Blitzkarriere in der römischen Männerkirche verdankt er seiner Intelligenz. Und seiner sportlichen Jugendlichkeit.

Über Küsse zärtlich verbunden

Als seine Homosexualität und sein Leben an der Seite eines Partners öffentlich wurden, endete die Karriere abrupt. Mit dem Rücktritt von der Zeitschrift im April kam er einem Rauswurf zuvor. Sein Outing in der «Frankfurter Rundschau» unter dem Titel «Ich darf nicht länger schweigen» führte zum Ausschluss aus der päpstlichen Thomas-Akademie und sorgte für internationales Aufsehen.

Angefangen hatte alles mit der Faszination für die alte Messe, eine Einstiegsdroge für so viele schwule Männer, die von der religiösen Märchenwelt magisch angezogen sind. Heute erkennt Berger die lateinische Liturgie, die das Heilige in einer Überbetonung des Ästhetischen darstellt, ganz wesentlich als «Produkt homosexueller Sublimierung». Frauen stören nicht

Kein weibliches Wesen trübt das Bild dieser reinen Männerwelt. Die traditionsorientierten Kleriker sind über Hand- und Fussküsse oder rituelle Fusswaschungen zärtlich miteinander verbunden. Hier können sie ihre Leidenschaft für Brokat, Brüsseler Spitzen, Quasten und Schleppen ausleben. Berger zufolge liegt der gewerbsmässige Handel mit kirchlichen Gewändern fest in homosexueller Hand. Vom «vornehm parfümierten Traditionalismus» des Schriftstellers Martin Mosebach hat er gelernt, dass es in der alten Messe um pure Ästhetik geht, um ein l’art pour l’art, wie sie die homoerotisch empfindende Literaten Gustave Flaubert, Charles Baudelaire, Oscar Wilde oder Stefan George kultivierten. Diese ist im Aussermoralischen, im nutzlos Schönen angesiedelt wie die homoerotische Liebe selber, deren Folgenlosigkeit in Form der Kinderlosigkeit die Kirche allerdings verdammt.

Homosexuellen Priestern, die ihre Sexualität nicht ausleben können, «gelingt über die Ästhetik der traditionellen Männerliturgie eine Sublimierung ihrer erotischen Gefühle»: Verbotene Triebwünsche werden in kultisch anerkannte Verhaltensweisen umgelenkt. So erklärt Berger auch die militante Homophobie der Ästheten im traditionalistischen Lager.

Der Schlüssel zum Ratzinger-Pontifika

Das Versprechen im Klappentext des Buches, den Schlüssel zu den Skandalen der römischen Kirche zu liefern, ist fast schon ein Understatement. Es liefert den Schlüssel zum Ratzinger-Pontifikat insgesamt. Unter Benedikt, der die alte lateinische Messe wieder zugelassen hat, «weht ein neuer Haute-Couture-Wind». Mit der pontifikalen Freude an kostbaren Gewändern aus Moiréseide, Damast und Hermelin restauriert der Papst die von den Pius-Brüdern immer schon kultivierte Ästhetik. Und holt im Schlepptau des schönen Scheins deren rechtes Gedankengut in die Kirche zurück, namentlich deren Antisemitismus. Stichworte: wiederbelebte Fürbitte zur Bekehrung der Juden oder Rehabilitation des Holocaust-Leugners Richard Williamson.

Bezeichnend auch, dass Benedikt kurz nach Amtsantritt 2005 den Homosexuellen den Zugang zum Priestertum versperrte. Die Verschärfung der Homophobie ist für Berger Ausdruck subtiler Verdrängungs- und Projektionsstrategien: Die militantesten Schwulenfeinde sind oft selber homosexuell und bekämpfen den eigenen Schatten in den anderen. So stecke hinter einer besonders papsttreuen Theologie oft ein schlechtes Gewissen: Schwule Priester, denen der Verzicht auf Sexualität nicht völlig gelinge, kompensierten ihre «Untaten» als Kämpfer für die Achse des Guten mit erzkatholischen Positionen.

Erpressung ganz subtil

Der Theologe illustriert das überzeugend am Beispiel des St. Pöltener Sexskandals. Eines der Bilder, die 2004 um die Welt gingen, zeigt den Subregens im dortigen Priesterseminar, wie er einem anderen Priester einen Zungenkuss gibt. Das Seminar wurde geschlossen, die fehlbaren Geistlichen mit Berufsverbot belegt. Doch der Subregens, ein guter Freund und Doktorand des Kirchenrechtlers und Ratzinger-Privatsekretärs Georg Gänswein, wies die Vorwürfe als Komplott liberaler Kirchenfürsten zurück. Nachdem er zum überzeugten Anhänger der traditionalistischen Liturgie mutiert war, liess die Kirche das Berufsverbot heimlich fallen und ihn wieder in der Seelsorge arbeiten. Anderes Beispiel: Als Chefredakteur der katholischen Zeitung «L’Avvenire» war Dino Boffo ein strammer Verfechter der päpstlichen Sexualmoral. Bis er von der Zeitung «Il giornale» als homosexuell geoutet wurde und demissionierte.

Doch das diskrete Wissen über (homo-) sexuelle Verfehlungen ihres Personals kommt der Kirche oft zupass. Sie nutzt es laut Berger gerne als Instrument der subtilen Erpressung und Machtausübung, um Übeltäter gefügig zu machen: «Je verwerflicher die Verfehlung, um so grösser ist die Gehorsamsleistung, die man von der Untergebenen erwarten kann, bis hin zur Selbstaufgabe.»

Bei Berger selber war die Verfehlung gering. Die traditionalistische Website Kreuz.net, die ihre Leidenschaft für die alte Messe und den Hass auf Homosexuelle ungefiltert verkündet, fand in Bergers Facebook-Profil eine Verlinkung mit den Gay Games in Köln und versuchte seine Homosexualität gegen ihn auszuspielen. Womit das Traditionalisten-Milieu nicht gerechnet hatte: David Berger outete sich selber und leuchtete hinter die fromme Fassade der Kirche. Mit dem Kult des heiligen Scheins bemäntle sie den grossen Anteil schwuler Kleriker ebenso wie die vielen Missbrauchsfälle. So ist Berger zufolge die lateinische Liturgie Symptom für das Auseinanderklaffen von Sein und Schein, mithin für die Scheinheiligkeit der römischen Kirche.

Erstellt: 06.12.2010, 20:20 Uhr

Das Buch

David Berger: Der heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche. Ullstein-Verlag, Berlin 2010. 300 S., ca. 30 Fr.

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