«Die strahlende Schönheit des Orts»

Comicreporter Emmanuel Lepage besuchte Tschernobyl – und schuf grossartige Kunst, die unter die Haut geht.

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«Tick, Tick ... Tick Tick ...» steht in der Sprechblase: Wie ein Totenglöckchen schlägt der Geigerzähler unbarmherzig seine Nachricht vom Tod. «22.59» zeigt er an, während die Künstler, mit Mund- und Schuhschutz ausgerüstet, schweigend vor dem Riesenrad stehen, das am 1. Mai 1986 samt dem ganzen Rummelplatz hätte eingeweiht werden sollen: als Zückerchen für die Elite und die weniger elitären «Helden der Arbeit» in Prypjat.

Ingenieure und Physiker, Arbeiter und Kindergärtnerinnen, kurz: eine ganze Menge ehrgeiziger junger Leute lebte seinerzeit in dem 1970 gegründeten Ort in der ukrainischen Ebene, vier Kilometer vom Kernkraftwerk Tschernobyl entfernt. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung betrug kaum dreissig Jahre, und die Durchschnittshoffnungen wuchsen in den Himmel: Prypjat stand für die sowjetische Erfolgsfantasie – bis zum 26. April 1986. Heute ist es eine Geisterstadt, die nur noch einen einzigen Erfolg kennt – den als Tourismusattraktion. Seit dem Sommer 2011 ist die ehemalige Sperrzone auch für Katastrophen-Traveller geöffnet.

Persönliche politische Kunst

Emmanuel Lepage allerdings, das unangefochtene Aquarell-Ass der Comic-Avantgarde, war schon früher dort. Im April 2008, 22 Jahre nach der Reaktorkatastrophe, lässt er sich für einen halben Monat am Unglücksort nieder, mit einer Sondergenehmigung, als Mitglied des Vereins Dessin’Acteurs. Diese Zeichner wollen Kunst für Aktionen machen; und in Wolodarka, einem 20 Kilometer von der verbotenen Zone entfernten Dorf, geht es darum, eine Künstlerresidenz zu führen und das Leben der Vergessenen im verstrahlten Gebiet festzuhalten. Eine Musikerin und ein Dichter waren bereits da und schufen das Drama «Mort de rien». Jetzt kommen die Zeichner. Doch dass Lepage 2012 tatsächlich ein grossartiges, grossformatiges, 170-seitiges Buch über die Begegnung mit Tschernobyl und seinen Menschen vorlegen kann – «Ein Frühling in Tschernobyl» –, glaubt er selbst bei seiner Abfahrt in die Ukraine am allerwenigsten.

Zwar hatte er sich bis da als geschmeidiger Gratwanderer zwischen Weltentdeckung und Welterfindung gezeigt. Der Comicreporter hat die neunte Kunst nicht bloss fest in der Realität verankert, sondern mit seiner innovativen, manchmal geradezu halluzinativen Comicästhetik neue Wirklichkeiten freigelegt, so etwa im ungeschönten, wunderschönen Logbuch «Reise zum Kerguelen-Archipel» (TA, 5. 8. 2012). Die neue grafische Chronik jedoch ist mehr als ein politisch grundiertes, ästhetisch avanciertes Reisefeuilleton: «Ein Frühling in Tschernobyl» erzählt auch vom Herbst des 1966 in der Bretagne geborenen Zeichners. Denn anders als beim Antarktisabenteuer beherrscht den Künstler mit den guten Absichten hier erst mal ein schlechtes Gefühl: Angst.

Zeichnen als Versuch, «unter die Haut zu schauen»

19 war Lepage, als der GAU passierte und alle die Risiken, die von der radioaktiven Wolke ausging, vorderhand verwedelten. Und dunkel getönte Bildsequenzen rufen die Berichterstattung in Erinnerung. Da wandern die gesichtslosen Gasmaskengestalten der «Liquidatoren» – von denen später viele an Krebs starben – und die Silhouetten der missgestalteten Kinder, die nach dem Unfall geboren wurden, durch die Buchseiten, als wär es nur ein böser Traum gewesen. War es nicht. Und als Lepage mit 41 beschliesst, bei der Tschernobyl-Tour mitzutun, packt ihn das Grauen dort, wo es ihm am meisten wehtut: an der Hand. Am Comicfestival in Angoulême im Januar 2008 verkrampft sie sich – und danach bedeutet Zeichnen Leiden; monatelang. Es ist, als ob die Hand die Ängste seiner Frau und seiner zwei Kinder, die Warnungen seiner Freunde und sein eigenes Unbehagen in Schmerz übersetzt. Doch Lepage fährt trotzdem.

Das erste Bild, das dann, fast aus Versehen, aus seiner Hand fliesst – ungelenk wie ein Kind, das laufen lernt –, entsteht in Wolodarka, beim Willkommensfest: Ein ausgemergeltes Gesicht schaut uns an, das Gesicht eines siechen Liquidators. Das Porträt verletzt ihn, Lepage entschuldigt sich – und formuliert sein Credo: «Zeichnen ist der Versuch, das sichtbar zu machen, was man nicht sieht. Unter die Haut zu schauen.»

Die irreale Realität

Unter der Haut der ganzen Gegend aber sind die Strahlen. Die Hoffnungslosigkeit, der allgegenwärtige Alkoholismus. Obendrauf: verlassene, geplünderte Häuser, verstrahlte Hubschrauber, die auf dem Friedhof namens Tschernobyl vor sich hinrosten – und kranke, perspektivlose Menschen. Aber eben auch: blühende, wuchernde Natur, stramme Wildschweine, fröhliche Kinder. Lepage knallt uns die Daten und Fakten entgegen, soweit man sie 2011 ausgewertet hatte. Er malt die düstere Fratze seiner Angst. Und bricht dann das Wissen mit dem Jubel der Farben. «Trugbildhaft» nennt ihn der Künstler, und er spricht, in die Knie gezwungen, bitterböse von der «strahlenden Schönheit des Ortes». Wie er diese Schönheit fasst – gross in Schwarzweiss die Steppe hintuscht, gegenüber ein Monet-artig gestaltetes, grünes Teichidyll, gefolgt von einem fast fotografischen Schattenriss –, das ist einmalig. Oder anders gesagt: total abgefahren. Die Wirklichkeit verflüchtigt sich unter seinem Pinsel wie eine Fata Morgana. Der Comicreporter wird zum abstrakten Expressionisten.

«Ich kam nach Tschernobyl, um in die Realität einzutauchen, und all das soll nicht existieren?», fragt der Künstler angesichts der Symphonie aus Blau und Orange, angesichts der glücklichen Kühe und Klapperstörche, der lächelnden Schulkinder mit den gelb explodierenden Blumen im Arm. «Kann die Realität nicht die Realität sein?» Selbst wenn radioaktive Röntgenstrahlen die Menschen im Negativ aufs Bild bannen, führen die schwarzweissen Momentaufnahmen Lepage ins Land seiner verlorenen Kindheit. Hatte er in der «Reise zum Kerguelen-Archipel» die Schönheit der Natur noch ausgestellt wie ein staunenswertes, fernes Kunstwerk, ist sie im tschernobylschen Frühling (s)ein persönlichstes philosophisches, psychologisches und moralisches Problem. Emmanuel Lepages Comicreportage ist damit endgültig beim gezeichneten Künstlerroman angekommen – und bei grosser Kunst. Und für einmal geht drum auch das viel zitierte Rilke-Wort als Motto in Ordnung: «Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.01.2014, 12:22 Uhr

Emmanuel Lepage: Ein Frühling in Tschernobyl. Splitter, Bielefeld 2013. 170 S., ca. 41 Fr.

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