Literatur

Die wiedergefundene Zeit

Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano erzählt immer dieselbe Geschichte – und bleibt dabei doch lebhaft und poetisch.

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Ich schreibe diese Zeilen in einem Hotelzimmer. Mein iPad liegt auf einer ledernen Schreibunterlage, dahinter steht ein umgedrehtes Glas auf einer Papierserviette, die Klimaanlage rauscht unregelmässig. Ich habe keine Bücher hier, nur einen Aluminiumkoffer voller Kleider.

Die längst vergriffene Suhrkamp-Ausgabe von Patrick Modianos Roman «Sonntage im August», die mir mein Freund Axel vor Jahren zum Geburtstag geschenkt hat – vielleicht war es der dreissigste –, diese geliebte Modiano-Ausgabe, auf deren Cover eine Frau durch eine abstrakt zersprungene rote Scheibe blickt, habe ich nicht zur Hand, ich kann nicht nachschlagen, nicht blättern, nicht zitieren. Ich kann es mir einbilden, aber ich glaube mich zu erinnern, dass es in diesem Roman einen Fotografen gibt, der davon besessen ist, leere und verfallene Schwimmbäder in der südfranzösischen Provinz zu fotografieren.

Erinnerung an den Zauber

Es ist schön und seltsam, dass Patrick Modiano den Literaturnobelpreis bekommt. Schön, weil diese Entscheidung der Akademie einen endlich einmal wieder daran erinnert, warum man überhaupt Bücher liest, was ihr Zauber, ihr Geheimnis ist – nämlich genau das, was sich nicht in eine Aussage übersetzen lässt, die so tut, als sei Literatur nur eine Möglichkeit, mit poetischen Mitteln Dinge zu sagen, die man auch prosaisch ausdrücken kann.

Seltsam ist die Entscheidung für Modiano deshalb, weil sein Werk, das aus zwanzig, dreissig meist schmalen Romanen besteht und fast jedes Jahr um einen neuen Titel wächst, durch den Nobelpreis etwas Monumentales bekommt, das gar nicht zu Modiano passt. Er ist kein Kaliber, keine Stimme, keine Institution – und wie die Wörter noch alle heissen, mit denen man grosse Schriftsteller würdigt.

Immer dieselbe Geschichte

Worüber schreibt Patrick Modiano? Wenn man versucht, die Frage zu beantworten, geht es einem wie dem Schwimmbadfotografen. Man kann die Storys wiedergeben, unglückliche Liebesgeschichten, verlorene Charaktere, Kriminalstoffe, Familienrecherchen. Man kann die Schauplätze und die Zeithorizonte beschreiben, oft spielen die Bücher an der Côte d’Azur, oft in Paris, manchmal in der Vorstadt, und immer wieder geht es um die Zeit der deutschen Besatzung in Frankreich.

Wenn man ehrlich ist, erzählt Modiano in seiner leichten, genauen, angenehm melodischen Art immer wieder dieselbe Geschichte. Aber die ist ebenso wenig sein Gegenstand, wie all die Provinzschwimmbäder das Thema des Fotografen sind. In beiden Fällen geht es um etwas Unsichtbares, das durch banale Beispiele zwar veranschaulicht, aber niemals erfasst werden kann: Zeit.

Das Rätsel, dass die Zeit selbst sich nicht zeigt, dass sie nirgends zu finden ist, hat Augustinus im berühmten 11. Buch seiner «Bekenntnisse» erforscht: Sie lässt sich nicht in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufteilen, da auch das Vergangene Gegenwart war und die Zukunft Gegenwart sein wird. Die Gegenwart aber ist das flüchtigste und ungreifbarste Element von allen. Sie ist das, was Modianos Figuren suchen und immer schon verloren haben, nicht erst dann, wenn sie an die Schauplätze ihres eigenen Lebens zurückkehren wie der Held von «Sonntage im August», von dem man nie erfährt, was genau er eigentlich in Nizza sucht.

Das Wichtigste zwischen Fragmenten

Es ist dieses Etwas, ein undefiniertes «quelque chose», von dem Modianos Bücher wirklich handeln – und die Königliche Schwedische Akademie hat nur zur Hälfte recht, wenn sie in ihrer Begründungsprosa feststellt, Modiano habe die «ungreifbarsten Schicksale evoziert». Er beschwört nicht die Schicksale herauf, sondern die Ungreifbarkeit selbst. Modiano ist ein Erinnerungskünstler, aber das heisst nicht, dass er mit seinen Büchern gegen das Vergessen anschreibt, wie ein häufig formulierter Auftrag der Literatur lautet. Im Gegenteil, das Vergessen ist die wichtigste, nie versiegende Quelle seiner Texte, nicht nur in der «Gasse der dunklen Läden», deren Hauptfigur ein an Amnesie leidender Detektiv ist.

Auch in seiner 2005 erschienenen Autobiografie «Ein Stammbaum» steht das Wichtigste zwischen den fragmenthaften Passagen. Doch woher kommt dieser Hang zum Ungesagten, der sich bei Modiano mit einer fast schon eingängigen Art des Sagens verbindet? Eine Kombination, die man in der Gegenwartsliteratur selten findet, zumindest ausserhalb von Frankreich.

Vielleicht ist Patrick Modianos Geburtsdatum schon die stärkste Erklärung: der 30. Juli 1945 in Boulogne-Billancourt, einem Pariser Vorort. Wer auf die Welt kommt, wenn alles vorbei ist, dem bleibt nur die lebenslange Suche nach einer verlorenen Zeit. Modianos Eltern, ein jüdisch-italienischer Kaufmann und eine flämische Schauspielerin, hatten sich in der Besatzungszeit kennen gelernt – eine Konstellation, auf die der Autor in immer neuen Formen zurückkommt.

Die eine grosse Botschaft

In der Erforschung der Biografien russischer Auswanderer wurde der Begriff der Postmemory geprägt, er bezieht sich auf die zweite Generation der Holocaust-Überlebenden und beschreibt das Phänomen, dass Menschen in den Erinnerungen ihrer Eltern leben, in fremden Erinnerungen also, die sie selbst gar nicht erlebt haben. Auch wenn es in der engsten Familiengeschichte von Patrick Modiano keine ganz grossen Katastrophen aufzuarbeiten gibt, passt das Konzept zu seinem Werk – weniger als psychologischer denn als poetologischer Befund.

Wie im fantastischen Roman «Hochzeitsreise», wo der Held einem wildfremden Ehepaar und dessen Vergangenheit hinterherlebt, so ist die Erinnerung bei Modiano nie etwas, das man besitzt. Jede Vergangenheit ist eine verlorene Gegenwart, und erforschen lassen sich nur die verschiedenen Aggregatzustände ihrer Flüchtigkeit.

Diese Aufgabe erledigen die Helden von Modiano, selbst meistens eher blasse, achselzuckende Typen, mit grosser Sorgfalt. Sie jagen etwas, das sich nicht jagen lässt, aber das kann sie nicht abschrecken. Patrick Modiano ist kein Melancholiker. Die Unwiederbringlichkeit des Gewesenen ist bei ihm nichts, worüber man kontemplativ brüten müsste wie Dürers Melancholie. Die Flüchtigkeit der Zeit, die Leere der Gegenwart fordert permanent zur Aktivität auf: Das ist die Botschaft von Patrick Modiano. Es gibt keine bessere.

Erstellt: 09.10.2014, 18:11 Uhr

Darauf wartete die Literaturwelt: Die Vergabe des Preises. (Video: Reuters )

Video

Der Sekretär der Schwedischen Akademie Peter Englund im Interview kurz nach der Preisvergabe.

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