«Die wollten im Rotary-Club gelobt werden»

Martin Suter verkauft nun Texte im Internet – obwohl der Ex-Werber ja längst genug Geld hat.

«Ich bin überhaupt nicht sparsam»: Martin Suter, 71. Foto: Luca Hunziker/13 Photo

«Ich bin überhaupt nicht sparsam»: Martin Suter, 71. Foto: Luca Hunziker/13 Photo

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Der Buchmarkt kämpft mit einbrechenden Verkäufen und Margen. Haben Sie deshalb ein Portal geschaffen, auf dem man für sechs Franken pro Monat oder sechzig pro Jahr bisher unpublizierte Kolumnen von Ihnen lesen kann?
Auch der Absatz meiner Bücher ist zurückgegangen, obwohl sie fast immer auf der Bestsellerliste sind. Aber aus Not habe ich meine Website nicht eröffnet. Das Portal martin-suter.com ist eher ein Experimentierfeld. Wenn ich reise oder im Tram sitze, sehe ich viele Leute, die zwar nach wie vor lesen, aber sie tun es auf ihrem Handy, Tablet oder Computer. Das brachte mich auf die Idee, auch mal etwas zu veröffentlichen, das man auf dem Bildschirm liest. Zusammen mit der Agentur Hinderling Volkart bauten wir dann die Seite. Aber bisher ist das alles nur ein Hobby.

Ein Hobby?
Ja, denn Gewinn mache ich damit nicht. Ich konnte auch nicht abschätzen, wie gross der Aufwand ist. Nicht nur das Design und die Programmierung, auch der Unterhalt einer solchen Website ist sehr aufwendig. Oder der Kundendienst, also wenn es Probleme mit der Seite gibt. Ich habe zwar jemanden, der mir hilft und den Aboservice macht, aber wenn es um den Inhalt geht, dann sprechen wir uns ab. Mir ist wichtig, dass die Tonalität stimmt, es soll immer ein wenig nach Martin Suter klingen.

Da haben Sie ja richtig was zu tun, wenn Sie sich auch noch um die Leserpost kümmern!
Ja, aber ich bin auch schnell. Und mindestens ein Jahr lang will ich mal ausprobieren, ob sich ein Publikum für eine solche Seite gewinnen lässt. Der Hobby-Aspekt besteht auch darin, dass es mir Spass macht, die Reihe der «Business Class»- und «Geri Weibel»-Kolumnen nach einer längeren Pause wieder aufzunehmen. Und Reihen mit neuen Figuren und Themen zu erfinden, denn auch das habe ich vor.

1979/80 war Suter auf Sri Lanka. In Briefen berichtete er von dieser Reise. Jetzt sind sie auf seiner Webseite. Für das Foto hier hat sich sein Guide Ranjit heimlich auf einen Schemel gestellt, er war ein Stück kleiner als Suter.

Einen Internet-Roman dürfen wir von Ihnen nicht erwarten?
Nein, ich habe ja einen tollen Verlag. Mich würde das nur reizen, wenn ich sicher wäre, dass sich die Einstellung dazu verändert hat. Bis jetzt habe ich den Eindruck, dass die meisten Leute der Meinung sind, was im Netz zu lesen ist, müsse gratis sein. Wenn man im Starbucks einen Caffè Latte bestellt, dann kostet der 6.90 Franken oder mehr. Ein Monat lang auf meiner Website schneuggen, lesen oder hören, wie ich die Texte vorlese, Videos schauen, mich mit Stephan Eicher im Konzert sehen, hingegen nur sechs, im Jahresabo sogar nur fünf Franken im Monat. Ich hoffe, dass genügend Leute verstehen, dass mein Portal nicht gratis sein kann. Ausser man macht Werbung, aber das will ich auf keinen Fall.

Werbung haben Sie lange gemacht.
Ja, als junger Mann habe ich viele Werbetexte geschrieben, weil Schreiben das Einzige war, was ich konnte und wollte. Es ist nicht so, dass man mit zwanzig einfach sagen kann, «ich bin jetzt Schriftsteller und lebe davon». Inzwischen bin ich in einem Alter, in dem ich mich nicht mehr geniere, eine Zeit lang Werbung gemacht zu haben. Im Gegenteil: Als ich mein Archiv durchsah und dabei auf die Kampagnen zum «Tag der Milch» oder zum Emmentaler Käse stiess, gefiel mir auch die literarische Qualität meiner Werbetexte.

Sie konnten als Werber frei und kreativ sein?
Das war damals eine andere Welt. Ich habe noch erlebt, wie die Unternehmer selbst über die Werbung für ihre Firmen entschieden. Die wollten im Rotary-Club gelobt werden, so in der Art: «He Fritz, deine Kampagne ist denn toll.» Später traten die Marketingspezialisten auf den Plan, die alles wissenschaftlich durchprüfen wollten. Damit ging die Freiheit verloren, die wir noch hatten. Es gibt aber auch von mir Werbetexte, die nie erschienen sind, weil die Kunden sie nicht wollten. Leider habe ich das meiste weggeworfen. Aber ein paar Sachen habe ich noch gefunden – und die veröffentliche ich nun.

Wenn Sie heute nochmals jung wären, wie würden Sie mit Ihrer Kreativität Geld verdienen?
Das weiss ich nicht. Vielleicht würde ich als Podcaster beginnen? Nur so viel ist mir klar: Influencer möchte ich eher nicht sein wollen. Ich bin zwar auf Instagram, aber veröffentliche dort nur kleine Textdialoge, also nichts, was für eine Fotoplattform typisch ist. Wahrscheinlich hätte ich dort viel mehr Follower, wenn ich jede Woche ein Foto von mir veröffentlichen würde. Oder von meinem Hund.

Sie schauen sich diese Plattformen sehr genau an?
Ja, lange habe ich das nicht gemacht, hatte auch die Nase gerümpft, als mich mein Verlag mal aufgefordert hatte, ein Facebook-Profil zu eröffnen. Darum liess der Diogenes-Verlag zunächst mein Twitter-Profil sperren: Sie konnten es sich einfach nicht vorstellen, dass ich daran Spass haben könnte.

Diese Porzellanfigur inspirierte Suters «Allmen und die Erotik». Was sich unter dem Korbdeckel verbirgt, gibt es exklusiv auf www.martin-suter.com. Foto: Hampel Fine Art Auctions

Was reizt Sie an Twitter?
Die Beschränkung auf 280 Zeichen. Ich habe mir das zu einer Art Sport gemacht und mir die Regel auferlegt, dass sich alles reimen muss. Andere fanden das auch lustig und fingen an, zurückzudichten. Inzwischen sind wir eine kleine Gruppe. Wir haben da eine Art Pingpong: Es gibt Matches mit fünf Ballwechseln, also zehn Gedichten à vier oder acht Zeilen. Das macht – zumindest mir – grossen Spass. Die besten oder lustigsten Tweet-Gedichte kann man täglich auf meiner Website lesen. Animiert und gratis.

Einer Ihrer Sparringspartner ist ein gewisser Felix Tandem.
Das ist ein mir unbekannter Mann, der sich hinter einem Pseudonym versteckt. Ich weiss nur von ihm, dass er ein sehr guter Dichter ist. Einmal wollte ich ihn kennen lernen, aber er will sein Inkognito nicht aufgeben. Das respektiere ich. Aber wir kommunizieren miteinander. Wir müssen uns ja über die Regeln einig sein, oder wer den nächsten Aufschlag fürs nächste Tweet-Gedicht macht.

Sie sind auch als Romanautor sehr produktiv, wer treibt Sie dazu an, so viel zu schreiben?
Das bin ich selbst. Mein Verlag macht mir keinen Druck, aber wenn ich ankündige, ich werde zu einem bestimmten Zeitpunkt mein nächstes Romanmanuskript abschliessen, dann gibt es selbstverständlich Produktionsfristen. In diesem Jahr habe ich die mit dem neuen Allmen-Krimi etwas ausgereizt, da musste der Verlag grosszügig mit mir sein. Es kamen halt andere Sachen dazwischen, nicht zuletzt die Website, die mehr Arbeit gibt, als ich dachte, aber der Termin wird eingehalten: Im Oktober erscheint «Allmen und der Koi».

Geld müssten Sie mit Schreiben nicht mehr verdienen.
Ganz falsch ist das nicht. Aber ich mache auch den Fehler, dass ich stark damit beschäftigt bin, die Volkswirtschaft anzukurbeln. Also ich bin überhaupt nicht sparsam. Das macht mein Leben dann doch nicht völlig sorgenfrei. Ich gehe gerne in gute Restaurants, wir wohnen schön, und wenn ich unterwegs bin, logiere ich in guten Hotels.

Wenn meine Bücher nicht gekauft worden wären, hätte ich das Schreiben von Romanen wieder aufgeben müssen.Martin Suter

Aber Sie haben kein Rennpferd?
Nein, das dann doch nicht. Verschwendung würde ich es nicht nennen. Aber eine Liebe zum Luxus gibt es schon. Die hat auch dazu geführt, dass ich nicht so früh wie andere Autor geworden bin, obwohl ich die Konsequenz von Kollegen bewundert hatte, die von sehr wenig Geld lebten, um Schriftsteller sein zu können. Ich dachte zwar immer, es würde mir gelingen, eine Werbekampagne für jemanden zu machen, die so gut bezahlt ist, dass ich wieder drei Monate an einem Roman schreiben kann. Aber de facto gelang mir das nie, da ich immer viel ausgab, wenn ich viel verdiente.

Sie brauchten den Erfolg als Autor, um sich auf die Literatur konzentrieren zu können?
Genau, wenn meine Bücher nicht gekauft worden wären, hätte ich das Schreiben von Romanen wieder aufgeben müssen. Wenn nicht genügend Leute verstehen, dass meine Website nicht gratis sein kann, würde ich auch damit wieder aufhören.

Wie viele Abonnenten haben Sie?
Das ist ein Geschäftsgeheimnis. Aber wir sind ungefähr im Plan und dem, was Fachleute mir prognostiziert haben. Wobei ich deren Einschätzung immer etwas pessimistisch fand, als ich damit begann. Diesen Sonntag werde ich auf meiner Seite etwas veröffentlichen, was es in meinen Büchern nicht gibt – und nicht ganz jugendfrei ist: eine Porzellanfigur, die meinen Roman «Allmen und die Erotik» inspiriert hat.

Das ist die Figur dieser jungen Wäscherin, die wir hier zeigen.
Ja, es gibt die Möglichkeit, sie vom Korb zu heben und von unten anzuschauen. Was man dann sieht, dokumentiert ein Foto. Aber das gibt es nur mit Abonnement meiner Website. Für fünf oder sechs Franken.

Das neue Portal von Martin Suter: www.martin-suter.com

Erstellt: 15.06.2019, 17:08 Uhr

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