Dieser Shit klingt gar nicht crazy

Immer mehr Popmusiker schreiben Bücher.

Mit Romanen die Fangemeinde vervielfachen und zugleich eine zweite Karriere als Schriftsteller starten: Sven Regener von der Band Element of Crime ist das gelungen. (Ein Konzert im Jahr 2011). Foto: Lisi Niesner / Reuters

Mit Romanen die Fangemeinde vervielfachen und zugleich eine zweite Karriere als Schriftsteller starten: Sven Regener von der Band Element of Crime ist das gelungen. (Ein Konzert im Jahr 2011). Foto: Lisi Niesner / Reuters

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Wolfgang Niedecken von Bap, Dieter Dehm, Schorsch Kamerun: Jeder altgediente Songwriter oder Gruft­rocker, der nach höheren Weihen strebt, gibt heute als Berufsbezeichnung «Autor, Musiker, Sänger» an. Und auch die Popmusiker jenseits des Mainstreams, die melancholisch verwuschelten Diskursrocker und halb vergessenen Indie-Ikonen wechseln, wie ein Blick in die Verlagsprogramme zeigt, immer öfter ins schreibende Fach.

Bei Rowohlt ist gerade «Otis», das Romandebüt des Blumfeld-Sängers Jochen Distelmeyer, erschienen. Andreas Dorau, der Veteran der Neuen Deutschen Welle, erzählt demnächst in «Ärger mit der Unsterblichkeit» Geschichten aus seinem Leben; sein Ghostwriter ist übrigens Element-of-Crime-Sänger Sven Regener, der mit seiner Herr-Lehmann-Trilogie die Lawine der Musiker-Romane lostrat. Annika Line Trost vom Berliner ­Elektropunk-Duo Cobra Killer schreibt über das Erwachsenwerden, Frausein und ihre Körbchengrösse (75 F), bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen die Memoiren der Sonic-Youth-Sängerin Kim Gordon («Girl in a Band»). Nach dem Türsteher Sven Marquardt («Die Nacht ist Leben») feiert jetzt auch DJ Westbam («Die Macht der Nacht») die glorreiche Berliner Clubkultur der Neunziger. Und dann gibt es noch die Autoren, die sich wehmütig an erste Liebe und frühen Ruhm in Schülerbands erinnern: So verarbeitet Marc Degens in seinem Coming-of-Age-Roman «Fuckin Sushis» seine Lehrjahre bei den Blutjungen Dilettanten; Alexander Osang erzählt in «Comeback» von Aufstieg und Fall der ostdeutschen Rockband Die Steine, Joseph O’Connors in seiner «Wilden Ballade vom lauten Leben» vom unwiderstehlichen Sound von The Ships.

Die Branche geht am Stock

Die Popliteratur ist tot, aber Popmusik und Literatur rücken offenbar immer enger zusammen. Die Gründe liegen auf der Hand. Die Musikbranche geht am Stock; mit CDs und Downloads lässt sich kaum noch Geld verdienen, und da muss man sich schon nach neuen Abspielplattformen und Zweitverwertungsoptionen umschauen. Das neue Live-Album des Multitalents und Bachmann-Preisträgers Peter Licht heisst wie sein zeitgleich veröffentlichtes Buch «Lob der Realität».

Allerdings lassen sich Romane nicht singen und tanzen: Was als Song cool und hip klingt, ist als Buch noch lange kein Hit. Markus Berges, der Kopf von Ekki an the Toasters und Erdmöbel, fiel mit seinem Prosadebüt «Ein langer Brief an September Novak» bei Publikum und Kritik durch. Frank Spilkers «Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen» rockte als Liedzeile, aber nicht als Roman, und auch «Otis» ist eine Enttäuschung.

Distelmeyer, der mit Blumfeld-Songs wie «Wohin mit meinem Hass» das Lebensgefühl seiner Generation so grandios beschwören konnte, kann mit seiner braven, uninspirierten Odyssee durch die Berliner Kunst- und Politszene selten an seine gefeierten Alben anknüpfen. «Egal, was ich schreibe, ich schreibe es als Sänger», beteuert er in einem Interview; aber als Buch tönt, um es im Distelmeyer-Sound auszurücken, «der Shit gar nicht mehr crazy».

Ein guter Song ist poetisch verdichtetes Lebensgefühl, zeitgemässe Lyrik im Dreiminutenformat; nicht umsonst wird Bob Dylan immer wieder für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Aber ein Song ist eben auch schnell geschrieben und noch schneller kon­sumiert, und er wird erst durch die Performance auf der Bühne lebendig. Das nährt – vor allem bei nicht als Rampensäuen oder Superstars bekannten Musikern (Herbert Grönemeyer oder Helene Fischer müssen keine Romane mehr schreiben) – den Ehrgeiz, etwas zu schaffen, das beständiger, wirkungsmächtiger und kulturell anschlussfähiger als ein von «Spex» gehypter Geniestreich ist: Literatur.

«Eine ganz andere Sause»

Singen, so formulierte es Sven Regener einmal, verhält sich zu Schreiben wie Kegeln zu Golfspielen, es ist eine «ganz andere Sause». Ein Roman geht über die lange Distanz und erfordert vom Autor andere Qualitäten als von Komponisten und Interpreten, zum Beispiel Geduld, epischen Atem, handwerkliche Sorgfalt, womöglich sogar eine tragende Idee.

Nicht jeder gute Singer/Songwriter ist deshalb schon ein Meister der Prosa, auch wenn man mit Glück und Geschick Synergieeffekte erzielen kann. Sven Regener hat gezeigt, wie man mit Romanen seine Fangemeinde vervielfachen und zugleich eine zweite Karriere als Schriftsteller starten kann. Theoretisch beschlagene Sänger wie Peter Licht oder Jochen Distelmeyer reflektieren in ihren Songs ihr Geschäft, sie stehen im Rampenlicht und bewahren sich dennoch Distanz zu ihrem Publikum, und das kann auch beim Schreiben und Lesen, wo die Hierarchie von oben und unten weitgehend aufgehoben ist, hilfreich sein. Wer als Schriftsteller Erfolg haben will, muss heute wie ein Popstar auftreten, aber nicht jeder geniale Diskursrocker ist schon ein Autor. Beim Romanschreiben geht es eben nicht nur um verrückte Bärte, hippe Frisuren und unvergessliche Songzeilen, sondern auch um Inhalte, Texte und schlüssige Erzählweisen.

Erstellt: 10.02.2015, 18:24 Uhr

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