«Donald Trump hat die Faschisten ermutigt»

Schriftsteller John Grisham ist der wohl bekannteste Bürger von Charlottesville. Er sagt, dass viele in den Südstaaten sich durch den sozialen Aufstieg der Schwarzen bedroht sähen.

Es sei höchste Zeit, mit der Verherrlichung des Bürgerkriegs aufzuhören, sagt John Grisham. Foto: Ryan Pfluger (Laif)

Es sei höchste Zeit, mit der Verherrlichung des Bürgerkriegs aufzuhören, sagt John Grisham. Foto: Ryan Pfluger (Laif)

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Was macht Charlottesville so attraktiv für Rassisten?
Charlottesville ist kein Anziehungspunkt für solche Leute. Es ist ein sehr angenehmer Ort, eine Universitätsstadt, die stolz ist auf ihre gesellschaftliche Vielfalt und ihre Toleranz. In den 24 Jahren, die ich jetzt hier lebe, habe ich nie auch nur den Namen eines Rassisten gehört, der hier in der Gegend wohnen würde. Diese Leute suchten sich Charlottesville als Kampfplatz aus und kamen in über­raschend grosser Zahl, um gegen die geplante Entfernung eines Bürgerkriegsdenkmals zu protestieren.

Heather Heyer, die gegen die angereisten Rechtsradikalen protestierte, wurde von einem von ihnen getötet. Zufall?
Ihre Ermordung folgte bestimmt keinem grossen Plan, obwohl wir noch längst nicht alle Hintergründe erfahren haben. Ihr mutmasslicher Mörder kannte sie gar nicht. Er fuhr mit dem Auto in die Menge, um dabei möglichst grosses ­Unheil anzurichten.

In Charlottesville wurden augenscheinlich Gesänge gegrölt wie «Jews will not replace us» – die Juden werden uns nicht verdrängen. Woher kommt dieser Antisemitismus?
Ich habe keine Ahnung, was diese Gesänge bedeuten, ich bin mir nicht einmal sicher, ob diese Leute es selber wissen; vermutlich gehen sie auf Nazipropaganda zurück. Antisemitismus gab es immer, das ist nichts Neues. Bei diesen Videos gewinnt man schnell den Eindruck, es gebe diese weissen Antisemiten in grosser Zahl, während es in Wirklichkeit gar nicht so viele sind.

David Shulkin, Minister für Belange der Veteranen im Kabinett Donald Trumps, bezeichnet sich als «amerikanischen Juden» und sagte, dass man nicht schweigen dürfe. Donald Trump schwieg nicht, zeigte aber auch kein Mitleid mit dem Opfer. Beginnt ein neuer Kulturkrieg?
Trump hat Rassisten, Neonazis, Faschisten, Arier und die ganzen anderen Hassgruppen dazu ermutigt, lauter zu werden und Unruhe zu stiften. Sie sind begeistert von dem, was sie in Charlottesville angerichtet haben. Sie sind überzeugt, dass sie im Weissen Haus einen Freund haben.

Weder in New Orleans noch in Baltimore gab es grosse Unruhen, als Konföderierten-Denkmäler entfernt wurden. Noch mal: Warum in Charlottesville?
In New Orleans und Memphis kam es auch zu Protesten, nur in Baltimore nicht, glaube ich. Es wird auch in Zukunft Proteste geben. In Virginia befand sich im Bürgerkrieg die Hauptstadt der Konföderierten, und auch die meisten Schlachten wurden in Virginia ausgetragen. Das ist der Grund, warum hier viele Denkmäler stehen, um deren Entfernung sich der Widerstand formiert.

«Ich war überzeugt, dass Fortschritt dadurch möglich ist, dass wir uns dem Rassismus stellen.»

Sie sind hundertprozentiger Südstaatler – in Arkansas geboren, in Mississippi aufgewachsen. Was ist los mit dem Süden?
Es bräuchte eine halbe Bibliothek, um den Süden zu erklären. Wegen der Sünde der Sklaverei hatte das Land grosses Leid und Unrecht zu ertragen. Es gibt einen Fortschritt, aber der kam nur ganz langsam. Noch vor sechzig Jahren wurden Lynchmorde verübt, und die Täter gingen dafür straffrei aus. Noch vor fünfzig Jahren durften nur wenige Schwarze wählen oder in Restaurants essen und in Hotels übernachten, die Weissen gehörten. Es war unvorstellbar, dass sie ein politisches Mandat erhalten würden.

Das ist Geschichte. Woher rühren heute die Spannungen?
Während sich die Lebensbedingungen für die Schwarzen verbessert haben, verübeln ihnen viele unzufriedene Weisse diesen Fortschritt. Die Menschen neigen dazu, jene abzulehnen und zu fürchten oder jenen zu misstrauen, die etwas von dem abhaben wollen, was sie besitzen. Es herrscht das Gefühl, dass nicht genug für alle da sein könnte, deshalb drängen viele diejenigen, denen es weniger gut geht, beiseite. In den Südstaaten gibt es Menschen, die sich durch die Verbesserung bedroht fühlen, die die Schwarzen in den letzten fünfzig Jahren für sich erreicht haben. Sie würden die Unterdrückung lieber fortsetzen.

Der alte Süden, der auf Sklaverei gegründet war, wird in Romanen und Filmen wie «Vom Winde verweht» verherrlicht. Doch dieser Süden hat den Bürgerkrieg verloren. Betrachten die Südstaatler die Bürgerrechtsbewegung der Sechziger auch als Niederlage?
Ich kann nur schwer erklären, wie es einem Teil der Weissen in den Südstaaten dabei geht. Aber ich glaube nicht, dass die Weissen in den Südstaaten den Erfolg der Bürgerrechtsbewegung als verlorene Schlacht betrachten.

Ein Nebeneffekt der Bürgerrechtsbewegung bestand darin, dass die Demokraten, also Ihre Partei, im Süden an Einfluss eingebüsst haben. Ist die liberale Sache im Süden verloren?
So stellt sich die Lage jedenfalls dar. Die Südstaaten sind alle rot, gehören also den Republikanern. Daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern.

Vor fast dreissig Jahren haben Sie in Ihrem ersten Roman «Die Jury» über den Rassismus in Amerika geschrieben. Sind die Vorfälle vor drei Jahren in Ferguson, vor zwei in Charleston und jetzt in Charlottesville der Beleg, dass der Rassismus noch sehr lebendig ist?
Ja, der Rassismus ist ausserordentlich lebendig, und das sagt ein Weisser. Wenn Sie einen Schwarzen fragen, wird er Ihnen das mit noch mehr Nachdruck bestätigen. Ich war all die Jahre davon überzeugt, dass Fortschritt dadurch möglich ist, dass wir uns dem Rassismus stellen und ihn bekämpfen. Die Wahl Barack Obamas zum Präsidenten bedeutete einen Meilenstein für dieses Land, und wenn er sich 2020 zur Wahl stellen würde, würde er sofort wiedergewählt. Das war ein gewaltiger Schritt nach vorn und gab uns ein besonders gutes Gefühl. Jetzt haben wir Trump, der auf eine lange rassistische, fanatische Biografie zurückblickt.

Das Oberste Gericht, aber auch Senat und Repräsentantenhaus arbeiten auf eine Rücknahme der «affirmative action» hin, jener Massnahmen, mit denen einst die Benachteiligung Schwarzer zum Beispiel beim Zugang zu den Bildungseinrichtungen ausgeglichen werden sollte. Bewegen sich die Vereinigten Staaten rückwärts?
Das ist eine schwierige Frage. Soweit ich weiss, hat sich kein schwarzer Politiker vorstellen können, dass er einen schwarzen Präsidenten erleben würde. Sehen Sie sich doch unsere Kultur an: Ganz gleich, was Sie nehmen – Musik, Film, Mode, Literatur, Kunst, Sport, Religion –, alles wird stark von Schwarzen beeinflusst, die vom weissen Publikum bewundert, respektiert und sogar verehrt werden. Jede zehnte in Amerika geschlossene Ehe ist eine Mischehe, und entsprechend steigt die Zahl gemischtrassiger Kinder mit jedem Jahr. Zwischen Schwarz und Weiss herrscht keineswegs grundsätzliches Misstrauen oder böser Wille. Es gibt grosses Verständnis füreinander.

Für Donald Trump ist der Südstaaten-General Robert E. Lee glorreicher Teil der amerikanischen Geschichte, entsprechend wenig hält er von der Entfernung der Denkmäler. Wie gross ist der Verlust für die Südstaaten, wenn die Konföderierten-Generäle aus dem öffentlichen Raum verschwinden?
Wir im Süden wurden von Kindheit an einer Gehirnwäsche unterzogen mit der ruhmreichen und erfundenen Geschichte des alten Südens und des verlorenen Krieges, der ihn am Leben erhalten wollte. In Wahrheit wurde der Bürgerkrieg wie die meisten Kriege von reichen Grundbesitzern vom Zaun gebrochen, die ihr Eigentum und ihre Sklaven verteidigen wollten, und wie immer waren es die Armen, die tatsächlich in den Krieg ziehen mussten. Wie die meisten Kriege war der Bürgerkrieg eine schlechte Idee und von vornherein verloren. Es ist höchste Zeit, dass wir aufhören, einen törichten Krieg zu verherrlichen, der vor 150 Jahren zu Ende ging. Die Mehrheit hat längst genug davon.

Für Trump läuft die gegenwärtige Etappe des Kulturkampfs auf die rhetorische Frage hinaus: Wo soll das noch hinführen? Sollen etwa auch die Denkmäler für George Washington und Thomas Jefferson entfernt werden? Jefferson hat in der Unabhängigkeitserklärung 1776 formuliert: «Für uns gilt als selbstverständlich, dass alle Menschen gleich sind.» Gleichzeitig war er ein grosser Sklavenhalter. Wo also wird das enden?
Wenn ich eine Vermutung anstellen darf: In den nächsten Jahren werden sämtliche Monumente, die an die Konföderierten erinnern, aus den Parks verschwinden und ins Museum wandern. Die Statuen auf den Schlachtfeldern werden bleiben. Und alle Versuche, die Präsidenten zu stürzen – Washington und Jefferson, James Madison, James Monroe und Andrew Jackson –, werden scheitern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2017, 18:32 Uhr

John Grisham

Autor und Demokrat

Der amerikanische Schriftsteller John Grisham (62) ist von Beruf Anwalt und hat sich in seinen Büchern oft mit Rechts- fragen beschäftigt. Seine Romane, angefangen mit dem Justizthriller «Die Jury» (1989), basierend auf einer wahren Geschichte, sind in 42 Sprachen erschienen. Seither hat er jedes Jahr mindestens einen weiteren Krimi geliefert. Die Werke kommen auf eine weltweite Gesamtauflage von über 275 Millionen Exemplaren. Grisham sass von 1984 bis 1990 für die Demokraten im Abgeordnetenhaus des Bundesstaates Mississippi. Er ist ein Gegner der Todesstrafe und hat sich für die Gefangenen in Guantánamo eingesetzt. Soeben ist sein Roman «Das Original» im Heyne-Verlag erschienen. (TA)

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