Drecksarbeit im Dienste Ihrer Majestät

John le Carrés neuer, jetzt auf Deutsch erschienener Roman «Empfindliche Wahrheit» nahm den Fall Edward Snowden vorweg. Die Spionagestory ist perfekt recherchiert – und lausig übersetzt.

«Diese dreiste, brutale, gottverdammte Gleichgültigkeit»: John le Carrés harsche Worte für die Politik. Bild: Keystone

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Es wurden dem grossen John le Carré ja fast prophetische Fähigkeiten nachgesagt, als sein neuer Roman Ende April auf Englisch erschien (und sofort auf Platz 1 der Bestsellerlisten schoss, wie im Klappentext der deutschen Ausgabe stolz vermerkt ist). Just sechs Wochen später nämlich wurde das, worum es in seinem neuen Roman geht, weltweit zum Thema: Da machte ein junger Mann öffentlich, was seine Regierung im Kampf gegen den Terror treibt – und wie dieses Treiben längst ausser Kontrolle geraten ist.

Auch in «Empfindliche Wahrheit» geht es um einen Whistleblower. Da macht sich einer daran, eine gescheiterte Geheimdienstoperation des britischen Aussenministeriums aus dem Jahr 2008 aufzudecken. Damals wollte ein übereifriger Minister einen hochrangigen Terroristen auf Gibraltar festnehmen, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, mithilfe amerikanischer Söldner; und alles total geheim, denn sollte was schiefgehen – was es dann auch tat –, müsste niemand Verantwortung übernehmen, weil ja eben die Operation niemals stattgefunden hat.

Der Preis der Aufrichtigkeit

Toby Bell, aufstrebender Jungdiplomat im Dienste Ihrer Majestät, bekommt davon Wind und beginnt, Nachforschungen anzustellen, erkennt, dass alle, die mit der Operation Wildlife zu tun gehabt hatten, wegbefördert oder gekauft worden sind. Alle, bis auf den Soldaten Jeb, der nach dem Vorfall nicht mehr derselbe ist, weil ihn das schlechte Gewissen plagt – und der für seine Aufrichtigkeit einen hohen Preis bezahlt.

Tony Bell hilft ihm dabei. Zusammen mit einem Diplomaten a. D., der damals bei Wildlife als Anstandsdame fungierte, um bei den britischen Soldaten der Sondereinheit den Eindruck zu vermitteln, die Sache sei von oben abgesegnet und nicht etwa ein illegaler Alleingang eines narzisstischen Politikers. Der Diplomat erfährt erst durch Jeb vom katastrophalen Ausgang der Aktion (womit er sich mit einem Mal seine Berufung in einen sonnig-friedlichen Karibikstaat erklären kann). Er will, reichlich naiv, den offiziellen Weg gehen und legt dem Aussenministerium einen Bericht vor, der natürlich auf taube Ohren stösst.

Ob es schliesslich klappt, die Welt über den vertuschten Skandal zu informieren, darüber auch, dass sich Regierungen privater Firmen bedienen und diese fürs Übernehmen der Drecksarbeit fürstlich bezahlen, bleibt offen: Just als Bell sozusagen den Snowden macht, als er in einem Internetcafé die brisanten Informationen über den Ausgang von Wildlife an die «New York Times», den «Guardian», «Private Eye» und zahlreiche Fernsehstationen abgeschickt hat, fahren draussen Polizeiautos mit Sirenen vor. Und das Buch ist zu Ende.

Es geht, wie oft bei le Carré, nicht nur um eine perfekt recherchierte Spionage- und Hinterzimmerwelt, deren Schilderung allein schon Spannung erzeugt. Es geht auch um Moral in einer Welt, in der jene das Sagen haben, die ohne Rücksicht auf Verlust ihr Ding durchziehen. Le Carré wird mitunter ziemlich deutlich, wenn er über Politiker und deren Machenschaften schreibt: «Wogegen die Götter und alle vernunftbegabten Menschen zu kämpfen hatten, war nicht Dummheit, o nein. Es war diese dreiste, brutale, gottverdammte Gleichgültigkeit gegenüber allen Interessen ausser den eigenen.»

Ärgerliche Übersetzung

Dass sich das Lesevergnügen dennoch nicht recht einstellen will, liegt zum Teil an den etwas holzschnittartigen Figuren, vor allem aber an der Übersetzung – sie ist ein einziges Ärgernis. Es wimmelt von sperrigen, gestelzten oder übersaloppen Ausdrücken, da wird «auseinanderklamüsert», jemand hat «an einer Sache zu knapsen», ein anderer versucht «jemanden zu kiebitzen», Menschen schauen «bänglich» und wenn einer Walisisch spricht, dann ist die Rede von «walisischem Zungenschlag».

Die Wortwahl wirkt oft nicht sehr geglückt; ungebräuchliche und hässliche Begriffe wie «antiklimaktisch» tauchen penetrant häufig auf. Und wenn der Diplomat a. D. dauernd «Heiliges Kanonenrohr!» oder «Ach du grüne Neune!» ruft, sorgt das nicht dafür, dass man ihn als unbedarft wahrnimmt – das merkt man auch so –, sondern für Ärger, dass einem das derart plump aufs Auge gedrückt wird. Die Geschichte, die le Carré erzählt, ist viel subtiler.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.12.2013, 08:26 Uhr

John le Carré: Empfindliche Wahrheit. Roman. Aus dem Englischen von Sabine Roth. Ullstein, Berlin 2013. 391 S., ca. 40 Fr.

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