Drei Akkorde, Anarchie und Allah

Junge US-Muslime suchen nach liberaleren Formen, ihre Religion zu leben, ohne sie zu verraten. Ein amerikanischer Autor fand den Schlüssel dazu: Mit Punk à la Islam.

Zwischen Tradition und Rebellion: Muslimpunks aus dem Film «Taqwacore».

Zwischen Tradition und Rebellion: Muslimpunks aus dem Film «Taqwacore».

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Im Westen gab es in Sachen Popkultur schon lange nichts Neues mehr. Und wer provozieren will, sieht sich oft einer kapitalistischen Mainstream-Mentalität gegenüber, die jeden Widerspruch gnadenlos einverleibt. Dennoch gibt es nach wie vor Nischen, muss nur kreativ genug sein, sie zu finden, und mutig genug, sie zu füllen.

Eine davon beschrieb jüngst der Journalist Daniel Baz in seinem Exkurs über den amerikanischen Autor und Performancekünstler Michael Muhammad, Erfinder des islamischen Punk erfunden hat. 1977 geboren, konvertierte Knight mit 15 zum Islam, inspiriert von Malcolm X und Public Enemy. Mit 17 reiste er nach Pakistan, um den Islam zu studieren, überlegte sich, in Tschetschenien gegen die Russen zu kämpfen, kehrte dann aber zurück nach Amerika und schrieb ein Buch.

Haschpfeifen und Koran

Im Jahr 2004 veröffentlichte er den Roman «The Taqwacores», der im Frühjahr auch auf Deutsch erschien. Der Titel setzt sich zusammen aus «Taqwa», dem arabischen Wort für Frömmigkeit, und «Core», was zusammengenommen hardcoregottesfürchtig bedeutet. In seinem Roman beschreibt Knight das bunte Treiben einer muslimischen Punk-WG zwischen Haschpfeifen, Koranlesen und Riot Girls in der Burka. Eigentlich wollte er sich mit dem Roman vom Islam verabschieden, aber das Buch zeitigte eine andere Wirkung.

Knight hatte einen Nerv getroffen. «The Taqwacores» wird heute als das Equivalent zu J. D. Salingers «Der Fänger im Roggen» für junge Muslime beschrieben. Denn er fasst genau das Spannungsfeld, in dem junge Muslime in den USA sich heute befinden: Einerseits fühlen sie sich dem Glauben ihrer Familie mit seinen strengen Einschränkungen verpflichtet, andererseits suchen sie nach Wegen, eine liberalere Form zu leben, ohne die Grundwerte zu verraten. Im Buch heisst es: «Die wichtigste Gemeinsamkeit besteht darin, dass der Islam, so wie der Punk, an sich ein Banner ist, ein offenes Symbol, das keine Dinge repräsentiert, sondern Ideen.» Punks wie Taqwacores verweigern sich vermeintlicher Anpassung an Normen der Gesellschaft oder des Islam. Im Jahr 2012 wurde das Buch verfilmt.

«I am the antichrist»

Nirgends zeigt sich diese Ambivalenz deutlicher als in den Reaktionen der Musikszene auf Knights Roman. Unter dem Banner von Islam und Punk formte sich eine reale Musikszene: Drei Akkorde, Anarchie und Allah – kann das funktionieren? Es kann, wie junge Muslime zeigen, die ihren eigenen Zugang zu Musik und Religion suchen. Es entstanden Bands wie The Kominas aus Boston oder Vote Hizbollah; ihre Songs heissen «Sharia Law in the USA» oder «Muhammad Was a Punkrocker». Im Jahr 2007 drehte Regisseur Omar Majeed einen Film über die kleine Islam-Punkszene. Darin sind junge Männer mit Bärten, Piercings und Tattoos in arabischer Schrift zu sehen, die zu den Riffs von The Kominas grölen: «I am an Islamist! I am the antichrist!» Dazu wird reichlich gekifft, aber wenig gesoffen. The Kominas spielten letztes Jahr für die arabische Revolution mit einer brachialen Version von «Walk Like an Egyptian» auf.

Laut einer jüngeren Studie äussert eine Mehrzahl der jüngeren US-Muslime den Wunsch, liberalere Formen des Islam zu leben, die in besserem Einklang mit westlichen Werten stehen. Was wie ein Widerspruch in sich tönt, muss laut Knight keiner sein. «Ich wollte eine Fantasiewelt schaffen, in welcher der Islam keine absolute Definition hat und jeder die Macht hat, ihn für sich selbst zu erfinden», so beschrieb Knight seine Schöpfung, die sich als ziemlich realitätswirksam zeigte. Oder wie es eine der Figuren im Film zum Buch beschreibt: «Ich bin Muslimin und 100 Prozent Amerikanerin. Ich kann also meinen Glauben und mein Land kritisieren. Punk? Rebellion? Das ist total amerikanisch.» (mcb)

Erstellt: 30.11.2012, 13:00 Uhr

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