Du musst dein Leben ändern

Der neue Roman von Bernhard Schlink zeigt seine Qualitäten – aber auch seine Schwächen – in hellem Licht.

Deckt moralische Vergehen auf: Der Jurist und Autor Bernhard Schlink. Foto: Gaby Gerster (Laif)

Deckt moralische Vergehen auf: Der Jurist und Autor Bernhard Schlink. Foto: Gaby Gerster (Laif)

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Zwei Männer streiten um ein wertvolles Gemälde, eigentlich aber um eine ihnen noch wertvollere Frau. Eben diese zeigt das Bild, wie sie nackt, unbegreiflich und unwiderstehlich eine Treppe herabsteigt. Bernhard Schlink hat sich dazu von Gerhard Richters berühmten Gemälde «Ema. Akt auf einer Treppe» inspirieren lassen, einer Ikone der neueren Kunstgeschichte (und seinerseits eine Replik auf Marcel Duchamps kubistische «Nu descendant un escalier»).

Der Maler in diesem Roman heisst indes Schwind und ist auch sonst eine Figur aus eigenem Anspruch. Er hat Irene, die Frau des schwerreichen Unternehmers Gundlach, gemalt – und sie dann dem Auftraggeber ausgespannt. Der will sie zurück, mit allen Mitteln: Der Kampf um die Frau findet über das Bild statt, und auf dem Bild: Der Besitzer bemängelt stets neue kleine Beschädigungen, die der Maler ausbessern muss – wobei unklar bleibt, von wem sie stammen.

Juristisch-emotionaler Knoten

Ein Duell zweier Alpha-Männer. Es geht um Kunst, Liebe, Macht und Renommee. Und weil nichts Wichtiges in unserer Welt mehr ohne Juristen auskommt, wird ein junger Anwalt eingeschaltet – der Icherzähler. Neben Schwind und Gundlach ein ­Beta-Mann, unerfahren, linkisch, aber ehrgeizig und ehrsüchtig. Anfangs bewertet und berät er die Winkelzüge der Rivalen bloss, dann weitet sich das Duell zum Dreikampf: Er verliebt sich in Irene und macht sich zu ihrem Komplizen, als sie mit einem Trick das Bild an sich bringt und verschwindet. Und dabei auch ihn, den naiven «tapferen Ritter», hereinlegt. Dieser Teil ist der spannendste in Schlinks neuem Roman. Da hält der Autor den Leser fest: Unbedingt muss man wissen, wie der juristisch-emotional-erotische Knoten gelöst wird, und der junge Anwalt ist da eine gute Identifikationsfigur. Das ändert sich bald, nach einem weiten Zeitsprung.

Denn der erste Teil ist nur ein Rückblick. Zur Hauptsache spielt der Roman vierzig Jahre später, in einem einsamen Haus an der australischen Küste. (Schlink liebt solche geschlossenen Situationen, die an Agatha-Christie-Krimis erinnern; dort werden Morde aufgeklärt, bei Schlink moralische Vergehen.)

Der Icherzähler, inzwischen ein Spitzenjurist wie der Autor, ist zufällig in der Art Gallery von Sydney auf das Bild «Frau auf der Treppe» gestossen; er ­ermittelt Irenes Aufenthaltsort und fährt zu ihr. Sie lebt an einem schwer zugänglichen Ort, ohne gültige Papiere, und ­betreut drogensüchtige Streuner.

Kurz darauf treffen auch Schwind und Gundlach ein. Der Kampf ums Bild entbrennt erneut, auch der wichtigere, aber aussichtslose, gegen die damals erlittene Niederlage. Nur der Icherzähler ist an Irene interessiert, wie sie jetzt ist: gealtert und todkrank. So bleibt er, als die Duellanten wieder fort sind, bei ihr, pflegt sie, erzählt ihr eine fiktive Fort­setzungsgeschichte des Bilderraubs und holt auch realiter ein bisschen von dem nach, was er sich damals erträumte.

Irene rollt mit Scharfsinn und Hartnäckigkeit seine Biografie auf. Schnell ­bröckelt die Schauseite. Mehr und mehr ist uns der Icherzähler schon auf die Nerven gegangen in seiner Selbstgerechtigkeit, nun zieht ihm Irene die Erkenntnis aus der Nase, dass er ein enges Leben geführt hat, einzig darum besorgt, dass im Verhältnis zu seinen Mitmenschen «die Bilanzen stimmten», ohne Augen für die Bedürfnisse seiner Nächsten: Seine Frau wurde an seiner Seite zur ­Alkoholikerin, ohne dass er es merkte; seine Kinder hat er, der besseren Berufschancen wegen, weggeschickt nach England.

Ein analytisches Drama, wenn man will, oder eine literarische Blitztherapie: Denn diese Lebensschuld, dieses Lebensversagen geht ihm in Gesprächen mit der moribunden Irene in kürzester Zeit auf. Die Erkenntnis löst sich in einem Tränenstrom, und er fasst den Entschluss, sein Leben zu ändern.

Man kann nicht drumherum reden: Diese Katharsis ist eine gewisse Zumutung für des Lesers Verstand und Erfahrungswissen. Ebenso unbefriedigt bleibt er gegenüber der Therapeutin. Das liegt nicht nur daran, dass er Irene von Anfang an durch die Brille des sprachlich-psychologisch beschränkten Erzählers wahrnimmt, der seiner Faszination nur unvollkommen Ausdruck verleihen kann: «Sie sass in meinem Kopf – mit übereinandergeschlagenen Beinen, engen Jeans und engem Top, hellem Blick und dunklem Lachen, gelassen, herausfordernd, verwirrend.» Es liegt an der Konstruktion der Figur selbst.

Verstrickt in Politverbrechen

Irene ist nicht nur unscharf wie ihr gemaltes Ebenbild, sondern – als wäre auch ein Kubist am Werk – zusammen­gesetzt aus disparaten Teilen. Zwischen der jungen schönen Gefährtin wechselnder grosser Männer und der Herbergsmutter gefährdeter Jugendlicher liegt nämlich noch eine terroristische Phase und eine klandestine Existenz in der DDR. Die Verstrickung in historische Verbrechen, ob Nationalsozialismus oder RAF, gehört zur Grundausstattung des schlinkschen Erzähluniversums, doch hier wirkt sie künstlich und überflüssig.

Zum Glück kommen die starken Qualitäten des Autors in seinem neuen Roman zum Tragen: Wieder wird die Vergangenheit der Hauptfiguren einer Art Läuterungsfeuer unterworfen. Wieder prallen moralische Positionen in sentenzenartiger Rede und Gegenrede aufeinander: Schlink, ein prosaischer Schiller unserer Zeit. Wieder gelingt es ihm, komplexe Verhältnisse so lange sprachlich zu verdichten, bis sie die feste Form einer Formel angenommen haben.

«Bei allem, was vor mir lag, war ich ersetzbar. Nicht ersetzbar war ich nur bei dem, was hinter mir lag», sagt der Icherzähler an einer Stelle. Gemeint ist: Er könnte auch weiterhin Unternehmen fusionieren helfen. Wichtiger ist ihm aber jetzt, aufzuklären, warum ihn Irene damals versetzt hat. Dass die Vorwurfshaltung, mit der er die Aufklärung betreibt, kippt und auf ihn zurückschlägt: Das ist der erzählerische Clou des ­Autors. Leider hat er uns – das ist das Manko der Icherzählung – zu lang in das enge Korsett seines Helden eingesperrt, als dass wir ihm den Ausbruch, das neue Leben glauben mögen.

Bernhard Schlink: Die Frau auf der Treppe. Roman. Diogenes, Zürich 2014. 244 S., ca. 30 Fr. Am 20. September liest Bernhard Schlink im Schauspielhaus aus seinem Roman.

Erstellt: 27.08.2014, 08:27 Uhr

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