E-Books werden den Buchhandel erschüttern

Der Kindle und seine Verwandten sind nicht der Untergang des Buches. Aber vielleicht des Buchhandels, so wie wir ihn kennen.

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Der Fernseher hat das Radio nicht ersetzt und auch nicht das Kino, das Auto nicht das Fahrrad. Der neuen, überlegenen Technologie fehlt fast immer etwas, was den «Oldies» eigen war. So ist es auch mit dem Kindle und anderen E-Books, die in den USA und bald auch bei uns zum Sturm auf das klassische Buch ansetzen. Den Vorzügen der neuen Geräte – sie haben Speicherplatz für Hunderte von Büchern – stehen (noch?) unleugbar Nachteile gegenüber: kleine Bildfläche, häufiges Umblättern, beim Kindle dazu noch die Abhängigkeit von einem Unternehmen mit monopolistischem Anspruch. Man kann eben nicht alles lesen, sondern nur das, was Amazon anbietet, so viel das auch sein wird.

Dazu kommt, für einen rechten Bücherfreund, die «Aura», also die Freude am Buch als Objekt, das man auf- und zuschlagen, über dessen Rücken man versonnen streichen kann; in dem man vor- und zurückblättern kann; das einen vom Nachttisch anlächelt; das einen an die Freundin erinnert, die es einem einst schenkte; das mit den Anstreichungen und Eselsohren aus der Studentenzeit im Bücherschrank vor sich hin altert, bis es einmal wieder hervorgeholt und neu gelesen wird: Solche Bücher sind auch konservierte Lebenszeit.

Lesestoff zum halben Preis

Aber gegen diese Lektüren treten die E-Books ja gar nicht an, und wer sich künftig eins zulegt, erweist sich damit noch nicht als Banause. Hier ist ausschliesslich der praktische Wert gefragt, die enorme Speicherkapazität im handlichen Format. Wer mit Geschriebenem in grossen Mengen arbeiten muss, wer dies auch mobil tun will, der wird sich mit Freude des Kindle bedienen. Gegenüber PC und Laptop hat er den Vorzug der klar besseren Lesbarkeit, und kleiner ist er auch.

Es ist zudem sehr gut vorstellbar, dass auch die Konsumenten von Gebrauchs- oder – hässlicher gesagt – Trivialliteratur, ein nicht seltener Leser- und Käufertypus, auf das neue Gerät umsteigen werden. Einmal rund 420 Franken ausgeben, dann Lesestoff en masse für die Hälfte des Ladenpreises zur Verfügung haben (so die augenblicklich geltenden Konditionen), das Urlaubsgepäck deutlich leichter: Das klingt verführerisch. Und hier fangen die Probleme an – für die Verlage und Buchhandlungen.

Ein grosser Teil der Leistungen, die sie bereitstellen, ist nämlich beim E-Book nicht mehr nötig. Kein Drucken, kein Binden, kein Ausliefern mehr: Die physische Dimension des Handelns mit Büchern verschwindet hier völlig. Diese Leistungen müssen dann auch nicht mehr bezahlt werden, das heisst, Verlagen und Buchhandlungen entgeht ein gewichtiger Teil ihrer Einnahmen. Wenn sich das E-Book durchsetze, schätzte Hanser-Chef Michael Krüger in der FAZ, würden die Verlage auf die Hälfte ihrer Grösse schrumpfen.

Kein Laden mehr nötig

Den Buchhandlungen, die jetzt schon durch Konzentrationsprozesse gebeutelt werden, droht Ähnliches. Das Geschäft mit den elektronischen Büchern wird völlig an ihnen vorbeigehen. Wo die Daten direkt vom Anbieter zum Endverbraucher fliessen, ob durchs «Whispernet» wie bei Amazon-Kindle oder durchs Internet, braucht es keinen Laden mehr.

Auch wenn es die Leser im emphatischen Sinne unberührt lässt, jene also, die in einem Stück Literatur mehr sehen als einen Datensatz (und die beileibe nicht die Mehrheit der Kundschaft ausmachen): Das E-Book wird die Buchhandelslandschaft erschüttern wie ein Erdbeben. Verlage werden sich verkleinern oder untergehen (viele beides), Buchhandlungen werden sterben, andere sich neu orientieren, ihre Stärke in Nischen suchen, in einem speziellen Angebot, in der Beratung. Oder sie chartern Busse und fahren aufs Land, zu den Lesern, die nicht umsteigen wollen.

Im Unterschied zur Freigabe der Buchpreise, die eine Entscheidung von Menschen war, sind das E-Book und sein neuer Vertriebsweg Konsequenzen der technischen Entwicklung. Die aber lässt sich nicht aufhalten. Und so werden wir, die Prognose ist nicht allzu gewagt, in zehn Jahren fast alle mit Kindles oder Ähnlichem herumlaufen. Und zum gebundenen Buch greifen, wenn wir «richtig» lesen wollen.

Das E-Book wird den Buchhandel erschüttern wie ein Erdbeben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.10.2008, 10:41 Uhr

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