Ein Absolutist der Liebe

In seinem neuen Roman «Die einzige Geschichte» macht uns Julian Barnes unwillkürlich zu seinen Komplizen.

Der Tennisclub als Ort, wo man sich zeigt – und an dem soziale Sanktionen verhängt werden können: Szene beim Turnier von Wimbledon 1953. Foto: Getty Images

Der Tennisclub als Ort, wo man sich zeigt – und an dem soziale Sanktionen verhängt werden können: Szene beim Turnier von Wimbledon 1953. Foto: Getty Images

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«Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden?» Mit dieser Frage eröffnet Julian Barnes seinen neuen Roman. Oder vielmehr ist es sein Icherzähler, ein alter Mann, der auf ein Leben zurückblickt, in dem er sehr geliebt und sehr gelitten hat. Nicht, weil er sich das so ausgesucht hat. Aber hätte man ihm die Frage in seiner Jugend gestellt, er hätte sich zweifellos für das Leben mit der grossen Gefühlsamplitude entschieden. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Ein dramatisches, intensiv erlebtes und erlittenes Leben, keins der lauen Zufriedenheit. Jeder junge Mensch würde wohl so entscheiden. Nur: Die Entscheidung nimmt einem das Schicksal – oder der Zufall – ohnehin ab. Deshalb bleibt die Frage blosse Theorie. 

Als Leser wollen wir erst recht keine Lauheit, sondern Intensität, exzessive Ausschläge nach oben und unten auf der Gefühlsskala. Die kann Paul Roberts uns bieten. Ort: «The Village», eine Vorortsiedlung südlich von London mit Einfamilienhäusern, eingefasst von Liguster- und Kirschlorbeerhecken, mit dem Tennisclub als Zentrum des Soziallebens. Zeit: Sechzigerjahre.

Stolz auf den Skandal

Paul ist 19, verbringt einen langen, langweiligen Sommer nach dem ersten Universitätsjahr bei seinen Eltern im «Village». Im Tennisclub trifft er auf Susan Macleod. Sie ist anders als die üblichen Hugos und Carolines, die einer «Liguster- und Kirschlorbeerzukunft» entgegenleben. Susan ist witzig, ironisch, provozierend. Sie lacht über das Leben. Und sie ist 48, verheiratet, zwei Töchter, die älter sind als Paul. Ein Altersabstand wie beim französischen Präsidentenpaar. Im spiessigen Vorort-England der Vor-68er-Jahre unvorstellbar. 

Paul und Susan verlieben sich ineinander, werden ein Paar. Der Tennisclub schliesst sie aus, höchste Sanktionsstufe im «Village». Paul ist stolz auf den Skandal, er ist jung, ungestüm und davon überzeugt, die Liebe und damit den Sinn seines Lebens gefunden zu haben. Ein Absolutist der Liebe – gerade weil sie so besonders ist. Susan hat einen «Weglauffonds», der reicht eine Weile, zusammen ziehen sie nach London, Paul zieht sein Jurastudium durch, um beide bald ernähren zu können. 

Die Alkoholtragödie 

Dann entdeckt er, dass Susan trinkt. Erst heimlich, dann offen, immer mehr. Es folgt die übliche Tragödie des Alkoholismus. Versprechen, die gebrochen werden, Misstrauen, Lügen. Aber Paul erlebt diese Tragödie, wie die Liebe, die auch ihre Muster hat, zum ersten und einzigen Mal. Sie treibt ihn an den Rand der Verzweiflung, und sie treibt ihm die Liebe aus, ihren Platz nehmen Zorn und Mitleid ein. Sein Herz verödet, es kann sich neuen Lieben, anderen Frauen nicht mehr öffnen.

Den langen Rest seines Lebens begnügt sich Paul damit, seine Arbeit ordentlich zu tun. Er wird das, was sein jugendlicher Über- oder Hochmut stets verabscheut hat: ein «Muldenbewohner». Wie seine Eltern. Wie die Hugos und Carolines des «Vil­lage». Die Ausgangsfrage hat er damit doppelt beantwortet: erst der extreme Ausschlag der Gefühle, das lodernde Feuer, dann die Asche der Indifferenz. «Gleichmut und Ruhe waren hohe Werte für ihn.» 

Die Ichperspektive hat inzwischen im Roman der personalen Platz gemacht, die Distanz zum Erlebten wird auch erzähltechnisch nachvollzogen. Den ganzen Roman hindurch hat uns Julian Barnes beides spüren lassen, den Überschwang der Jugend – Hass auf die Erwachsenenwelt ist ein starkes Motiv für den, der bald vorzeitig erwachsen werden muss – und die Resignation des Alters. Immer wieder schiebt er Reflexionen allgemeiner Art in die Erzählstrecke ein, spricht das Lesepublikum direkt an – schon mit dem ersten Satz in Frageform –, bezieht es in seine Überlegungen ein. Sogar in die Erzählung selbst. 

Muldenbewohner wollen wir nicht sein, das nicht. Lieber gross lieben und gross leiden.

Julian Barnes ist natürlich ein Könner, in Gertraude Krueger hat er erneut eine kongeniale Übersetzerin an seiner Seite. «Die einzige Geschichte» ist sein dreizehnter Roman, viele frühere gehören zum unvergänglichen Schatz der Gegenwartsliteratur, «Das Ende einer Geschichte» gewann den Booker-Preis, und der in diesem Jahr voraussichtlich zweimal vergebene Nobelpreis träfe mit ihm auch keinen Falschen. Julian Barnes ist aber auch Engländer, und daher stellt er seine Meisterschaft nicht aus. Er praktiziert literarisches Understatement. 

Dass er einen komplexen Erzähler erschafft, gehört dabei noch zu den leichteren Übungen; komplexe Erzähler erfassen die Komplexität des Lebens eben am besten, und dass Paul Glück und Katastrophe der Liebe zugleich erlebt und gleichmütig betrachtet, gibt dem Erleben eine dritte Dimension, die flachen Autoren gar nicht zugänglich ist.

Die Leserschaft arbeitet mit

Eine Vorstufe ihrer Liebe identifiziert Paul als «Komplizenschaft»: Er und Susan gegen die spiessige Umwelt, eine Komplizenschaft, «durch die ich ein bisschen mehr ich selbst wurde und sie ein bisschen mehr sie selbst». Zu den subtilen Kunstmitteln von Julian Barnes gehört nun, wie er seine Leser zu Komplizen macht, wie er einen Raum der Lektüre schafft, indem sie an der Bedeutung des gelesenen gewissermassen mitarbeiten. Dazu gehört ein Netz von Motiven, die anfangs angeschlagen werden und später wiederkehren, oft in verändertem Modus – wie wenn in der Musik ein Thema erst in Dur, später in Moll erscheint. 

Da ist die Szene, wo Susan in einem geblümten Kleid auf ein ebenfalls geblümtes Sofa sinkt und in gespielter Panik sagt: «Schau, ich verschwinde.» Später wird sie wirklich verschwinden, nämlich als die Person, die sie war und geliebt wurde. Dass Susan, noch in der Kennenlernphase, Alkohol verabscheut – «weil er die Menschen verändert» – liest man, wenn man in der Geschichte fortschreitet, als Menetekel, denn genau das wird ihr widerfahren.

Flapsige Sportlersprüche vom Tennisplatz verwandeln sich, wenn Susan sie später zitiert, zu Intimitätsmarkern. Umgekehrt stellt sich heraus, dass Sätze, die Paul als Teile ihrer Privatsprache als Liebende kostbar waren – «wo hast du nur mein Leben lang gesteckt» –, schon zum Eheleben der Macleods gehörten. 

Mehrdeutiges Leben 

Diese Bezüge laden Ereignisse, Motive, Sätze oder Wörter mit mehrfacher Bedeutung auf. Barnes macht das nicht aufdringlich, sondern wie mit einem Augenzwinkern zu seinen Lesern, im Vertrauen, dass die schon begreifen werden, worauf es ihm ankommt. Auf die Mehrdeutigkeit, die in einem Lebenslauf steckt und die Literatur nicht durch platte Aussagen spiegeln kann, auch nicht durch blosse Wiedergabe von Geschehnissen. Sondern durch ein kunstvolles Geflecht aus Ereignis und Reflexion, Handlung und Stil, Rhythmus und Bildern. Und durch einen weisen Erzähler, dessen Lebenslösung, Ruhe und Gelassenheit, uns der Autor vorführt – mit der Lizenz, sie unsererseits zu verweigern. Denn Muldenbewohner wollen wir nicht sein, das nicht. Dann doch lieber gross lieben und gross leiden.

Julian Barnes: Die einzige Geschichte. Roman. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019. 304 S., ca. 32 Fr.

Erstellt: 14.02.2019, 18:34 Uhr

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