Ein Autor im Abseits

Von der Kritik geschmäht, von den Lesern verlassen: Seit seinem Einsatz für Serbien vereinsamt der Schriftsteller Peter Handke immer mehr. Doch das scheint ihm egal zu sein, wie sein neustes Büchlein zeigt.

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Das neuste Werk von Peter Handke ist dünn, dürr der erste Satz: «Es ist hier eine Geschichte zu erzählen.» Im nicht weniger schlichten Titel des 37 Seiten umfassenden Büchleins steht auch über wen: «Die Geschichte des Dragoljub Milanovi?».

Milanovi? war während des Kosovokriegs Direktor des serbischen Radio und Fernsehens RTS in Belgrad. Als die Nato in der Nacht des 23. April 1999 einen Angriff auf das Gebäude des Senders flog, kamen 16 Mitarbeiter ums Leben und mehrere wurden schwer verletzt. Der Direktor überlebte, weil er an diesem Abend früher nach Hause ging.

Der Holzstoss als Ansprechpartner

Milanovi? sitzt heute im Gefängnis, weil ihn 2002 ein Gericht wegen «Verstosses gegen die öffentliche Sicherheit» zu zehn Jahren Freiheitsentzug verurteilte. Begründung: Er sei über die bevorstehenden Luftangriffe informiert gewesen und hätte deshalb gemäss den von der Regierung erlassenen Sicherheitsregeln die Beschäftigten nach Hause schicken müssen.

Im Herbst letzten Jahres initiierte der für seine Serbentreue bekannte österreichische Literat Peter Handke eine internationale Kampagne zur Befreiung Milanovi?s. Und nun – gut ein Jahr später – reicht der Schriftsteller dieses Büchlein nach.

Weil er ein gebranntes Kind ist – 1996 musste er nach der Veröffentlichung des Reiseberichts «Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien» massive Kritik einstecken –, geht Handke offenbar davon aus, dass auch sein neustes proserbisches Buch auf wenig Gegenliebe stösst.

Und so führt der Erzähler die Geschichte über Dragoljub Milanovi? mit folgenden Worten ein: «Mir scheint, es gebe keinen Adressaten für diese Geschichte, jedenfalls nicht in der Mehrzahl, und nicht einmal in der Einzahl.» Und so sinnierte er darüber nach, dass er sie notfalls einem Holzstoss, einem leeren Schneckenhaus oder gar sich selber erzählen könne – Letzteres geschähe «übrigens nicht zum ersten Mal».

«Höre, verstaubtes Stofftier»

Bei diesen Worten hört man den beleidigten Peter Handke, der sich endgültig von der Öffentlichkeit verabschiedet hat. Vorbei sind die Zeiten der «Selbstbezichtigung» und der «Publikumsbeschimpfung», vergessen der «Ritt über den Bodensee» und «Die Angst des Tormanns beim Elfmeter». Handke steht verletzt im Abseits.

Der Erzähler in «Die Geschichte des Dragoljub Milanovi?» endet resigniert: «Eine Geschichte demnach, erzählt allein den toten Fischen in der toten Donau, den leeren Maiskolben auf den leeren Feldern der Vojvodina, einem vertrockneten Blumenstrauss in einer verrosteten Konservendose auf dem Friedhof von, sagen wir, Porodin, und zuletzt dem Schädel, oder was von dem übrig ist, im Grab von Ivo Andri?.» Andri? ist der 1975 verstorbene jugoslawische Literaturnobelpreis-Träger.

Dass sich lebende Serben diese Geschichte erzählen lassen wollen, ist alles andere als gewiss, denn Peter Handke spricht mit seinen jüngsten Büchern einem veralteten Gross-Serbien der Milosevi?-Ära das Wort.

Und so wendet sich der Erzähler Dingen zu, die sich nicht wehren können: «So höre, Schuhband, zerschlissenes. Hör zu, krumme Nähnadel. Höre, verstaubtes Stofftier. Höre, mein abgewetzter Fussabstreifer. Höre zu, Spiegelbild.» Und vielleicht hört ja doch noch irgendwer mit.

Erstellt: 19.08.2011, 12:13 Uhr

Peter Handke: «Die Geschichte des Dragoljub Milanovi?», Jung-und-Jung-Verlag, ISBN: 978-3-902497-93-2.

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