Ein Buch ist wie eine Muschelschale

Interessante Vergleiche, lobende Worte, aber auch verständnislose Reaktionen: Das tat sich am ersten Tag der Leipziger Buchmesse.

Gemault wurde auch hier und da: Die Leipziger Buchmesse.

Gemault wurde auch hier und da: Die Leipziger Buchmesse. Bild: Keystone

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Der Bürgermeister, der Vorsteher des Börsenvereins, der sächsische Ministerpräsident: Sie alle stolperten über den Namen des Preisträgers für Europäische Verständigung, dem traditionell der Festakt zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse im Gewandhaus gewidmet ist. Mircea Cartarescu – so schwer ist das doch nicht, wo die stolpernden Redner zugleich das Werk des Rumänen in höchsten Tönen loben, es also gelesen zu haben vorgeben.

Uwe Tellkamp versprach sich natürlich nicht. Der Laudator ist mit dem Preisträger befreundet, mehr noch: Es sind verwandte Temperamente, kongeniale Seelen. Tellkamp, der die «Orbitor»-Trilogie Cartarescus als Weltliteratur pries und sie neben Kafka, Borges und García Márquez stellte, erzählte tags darauf im Café Europa, einem der zahlreichen Lesungs- und Debattenorte auf dem Messegelände, dass er schon immer meinte, aus dem «rumänischen Albtraum» müsse jemand kommen, «der das sprachlich bewältigt». In Cartarescu hat er diesen Jemand gefunden. Der wiederum verglich Tellkamps «Turm» mit dem «Zauberberg». Nennst du mich Schiller, nenn ich dich Goethe – selten wird dem frechen Spruch durch ernsthafte, ganz unironische wechselseitige Begeisterung so überzeugend der Boden entzogen.

Der Autor als Jockey

Anders als der auch im Auftritt gern pathetische Tellkamp trat Cartarescu ansonsten als staunender Jüngling im lockigen Haar auf, der es immer noch nicht fassen kann, dass seine Bücher Lob und Leser finden und es bis ins Leipziger Gewandhaus geschafft haben, umrahmt vom dortigen Spitzenorchester, mit Wagner, Berlioz und Beethoven.

Das Schicksal habe Derartiges für ihn nicht vorgesehen, sagte er, dessen Eltern arme Bauern waren, aus denen arme Fabrikarbeiter wurden. Bis in seine Gymnasialzeit habe er keine Bücher gekannt. Seine eigenen haben ihn aus Elend und Bedrückung hinauskatapultiert, weshalb er ihnen zu tiefem Dank verpflichtet sei. Wenn das so klingt, als seien diese Bücher etwas von ihm Verschiedenes, dann ist das auch so gemeint, wie er mit einem schönen Bild ausführte: Das Schreiben ist das Pferd, der Autor der Jockey, der dieses so wenig wie möglich berührt; «am besten ist es, wenn er über dem Pferd schwebt».

Wie der Vertreter einer fremden Spezies

Schreiben ist Glück, das fertige Buch nur noch die leere Muschelschale, von dem Weichtier, das in ihr gelebt hat, verlassen. Klar, dass die versammelte Buchbranche, mit Zuwachsraten oder Verlusten, Marketingkampagnen und Jurykritik, mit dem Freihandelsabkommen und der Verteidigung der Buchpreisbindung in Deutschland beschäftigt, diesen Vertreter eines emphatischen Literaturverständnisses, der es auch noch selbst verkörpert, anschaut wie einen Exoten, den Vertreter einer fremden Spezies, die man eigentlich für ausgestorben hielt.

«Schmäht nicht den Literaturbetrieb!», meinte am Messedonnerstag der Kritiker Hubert Winkels, Sprecher der Jury des Preises der Leipziger Buchmesse. Das Gerede und Gestreite über Bücher, das Preisgemaule, ja der ganze Messetrubel sei selbst als Teil der Literatur zu betrachten, insofern er sie verlängere oder sogar neue hervorbringe.

Unverständnis für den Übersetzerpreis

Gemault wurde durchaus hier und da über die Preisentscheidungen. Am wenigsten über die Belletristik; dass mit Jan Wagner erstmals ein Lyriker die begehrte Auszeichnung erhielt, war originell und angesichts der eher schwachen Konkurrenz auch nachvollziehbar. Eher zu beanstanden war, dass im Sachbuch der Kafka-Biograf Rainer Stach übergangen wurde (bei allerdings stärkerer Konkurrenz). Philipp Ther, auf den die Wahl fiel, erwarb sich Sympathiepunkte mit der Ankündigung, ein Teil des Preisgeldes werde an ukrainische Kollegen gehen.

Viel Unverständnis schliesslich für den Übersetzerpreis, wo die enorme sprachschöpferische Leistung von Moshe Kahn (Stefano d’Arrigos mehr als tausendseitiges Epos «Horcynus Orca») nicht gewürdigt wurde. Der Preis in dieser Kategorie ging an Mirjam Pressler für ihre Übertragung von Amos Oz’ neuem Roman «Judas». Der weltberühmte Autor war anwesend, vermutlich vorinformiert, sprang aus der ersten Reihe auf die Bühne und hielt seiner Verdeutscherin gleich eine Kurzlaudatio: Sie sei wie eine Pianistin, die ein Geigenkonzert aufführe.

Das Fachpublikum reagierte zum Teil prosaischer: Eine politische Entscheidung sei das, dem Messeschwerpunkt geschuldet. Der gilt diesmal Israel und den seit 50 Jahren bestehenden diplomatischen Beziehungen zu Deutschland. Israels Autoren halten deshalb auch das Schauspielhaus «besetzt» – wo im vergangenen Jahr die Schweizer Triumphe gefeiert haben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.03.2015, 14:54 Uhr

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