Kritik

Ein Gentleman in der Klemme

Mit «Allmen und die Libellen» eröffnet Martin Suter eine Krimiserie um den Dandy-Detektiv Johann Friedrich von Allmen. Ein Held mit Stil und Schulden.

Er tanzt auf vielen Hochzeiten: Nun ist Martin Suter auch noch unter die Krimiautoren gegangen.

Er tanzt auf vielen Hochzeiten: Nun ist Martin Suter auch noch unter die Krimiautoren gegangen. Bild: Keystone

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Martin Suter ist derzeit gut im Geschäft: Eine Romanverfilmung jagt die nächste, am Schauspielhaus läuft sein gefeiertes «Geri»-Musical, und jetzt kommt auch noch sein erster Serienkrimi. Suter hat ja allerlei Genres in seinem literarischen Rotationsverdampfer ausprobiert: Hochstaplerromane, Psychothriller, Literaturbetriebssatiren; «Der Koch» zuletzt war so etwas wie ein Molekularkochbuch mit Migrationshintergrund.

Ein Detektivroman gehörte bisher noch nicht dazu, passt aber ins Konzept. Johann Friedrich von Allmen ist kein gewöhnlicher Detektiv, aber ein echter Suter-Held. Ähnlich wie der letzte Weynfeldt (und die englischen Gentleman-Detektive von Lord Peter Wimsey bis Inspektor Lynley) ist er ein fein- und kunstsinniger, weltläufiger Romantiker, der acht Sprachen spricht, Butler, Bibliothek und Bechstein-Flügel sein Eigen nennt und nonchalant auf grossem Fusse lebt: morgens eine Schale Kaffee im Viennois, nachmittags Siesta, abends Goldenbar. Für die kostbaren «Hotelmomente» bucht er gern eine Luxussuite; ein stilvoller Oldtimer mit Chauffeur und die «Reisepantoffeln» stehen immer bereit.

«Offene Posten» statt Schulden

Allmen hat eigentlich nur ein kleines Problem: Er ist bis über beide Ohren verschuldet. Vornehmer ausgedrückt: Er hat «offene Posten, Ausstände, Saldi, Pendenzen.» Die ererbte Villa und seine Kunstsammlung hat er längst verscherbelt; inzwischen lebt er im Gewächshaus im Park, und sein Diener Carlos, ein schlitzohriger guatemaltekischer Schuhputzer, arbeitet um Gotteslohn.

Immerhin hat Allmen aber Balzacs «Kunst, seine Schulden zu zahlen und seine Gläubiger zu befriedigen, ohne auch nur einen Sou selbst aus der Tasche zu nehmen» zur Perfektion ausgebildet. (Balzac ist neben Somerset Maugham und Simenon einer der Lieblingsautoren des Dauerlesers.) Barmänner, Hoteliers und Frauen lassen sich von seinem Charme und seinen tadellosen Manieren nur zu gern blenden. Dörig definitiv nicht: Allmens hartnäckigster Gläubiger fordert 12 '55 Franken, jetzt und hier, und das beunruhigt den Schuldenkünstler dann doch.

Taugt er zum Serienhelden?

Wie er sich aus der Klemme befreit, soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: Eine nicht unwesentliche Rolle spielen die «Libellen», fünf sündhaft teure Jugendstil-Schalen. Im wirklichen Leben, so erfahren wir aus einer Nachbemerkung Suters, sind die Gallé-Schalen seit einem Einbruch im waadtländischen Château Gingins vor sechs Jahren verschwunden. Im Roman tauchen sie mal bei Allmens altem Schulfreund Terry, mal bei einem todkranken Millionär (genauer: im Schlafzimmer von dessen liebestoller Tochter Jojo) auf.

Eine Libelle trägt Allmen dann selber zu einem diskreten Antiquitätenhändler, der aber bald erschossen aufgefunden wird; den ehrlichen Finder rettet nur seine Hosenträgerschnalle vor einem ähnlichen Schicksal. Wer im Glashaus des Detektivs wohnt, sollte besser nicht mit Steinen auf Versicherungsbetrüger werfen. Allmen tut es, nicht zu seinem Schaden.

Kein klassischer Krimi

«Allmen und die Libellen» ist kein Krimi im klassischen Sinne, eher eine hübsche kleine (kaum zweihundert sehr grosszügig gedruckte Seiten) Gaunerkomödie. Mit spürbarem Behagen beschreibt Suter, wie der notorisch klamme Dandy und sein treues Faktotum am Rande der Legalität Gerechtigkeit schaffen. Auf so vulgäre Dinge wie Psychologie, Motivation oder Lokalkolorit legt er weniger Wert: Der Mann von Welt lebt im luftleeren Raum der Reichen quasi auf Pump.

Man liest das Buch trotzdem gern: Suter schreibt so lässig und ironisch elegant, wie Allmen lebt. Ob sein Schuldenkünstler wie geplant zum Serienhelden taugt, steht freilich auf einem anderen Blatt. Für seine neue Visitenkarte lässt sich Allmen schon mal wohlklingende Berufsbezeichnungen wie Rewarder und International Inquiries einfallen. Aber mit kleinen Erpressungen und dreister Hochstapelei kann sich ein «Belohnungsjäger» kaum dauerhaft auf dem umkämpften Krimimarkt behaupten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.12.2010, 20:21 Uhr

Das Buch

Martin Suter: Allmen und die Libellen. Roman. Diogenes, Zürich 2011. 197 Seiten, ca. 34 Fr.

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