Ein Leben wird literarisch

Der jüdische Sänger Joseph Schmidt starb 1942 in einem Arbeitslager bei Hinwil. Lukas Hartmann hat ihn nun zur Romanfigur gemacht.

Bild: PD

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Er war aussergewöhnlich, der Sänger Joseph Schmidt, seinem Namen zum Trotz. Seine Körpergrösse von nur 1.54 Metern verhinderte zwar eine Bühnenkarriere; aber seine lyrische Tenorstimme machte ihn zum grössten Rundfunkstar seiner Zeit. Und sein Film «Ein Lied geht um die Welt» wurde 1933 so populär, dass Joseph Goebbels ihn zum Ehrenarier ernennen wollte.

Was danach kam - die Flucht vor den Nazis, die den Sänger dann plötzlich doch nur noch als Juden sahen, der frühe Tod in einem Lager - erlitten zwar auch Millionen andere. Aber das Lager befand sich in der Schweiz, bei Hinwil; und der Tod hätte wohl verhindert werden können, wenn die Ärzte Schmidts Klagen über Herzschmerzen ernst genommen hätten. Vom Star zum Opfer einer gezielten Gleichgültigkeit: Ein Romanautor hätte diese Biografie nicht eindrücklicher erfinden können.

Nun ist Joseph Schmidt tatsächlich zur Romanfigur geworden. Der Berner Autor Lukas Hartmann, der schon öfters historische Figuren zu literarischen gemacht hat, erzählt unter dem schlichten Titel «Der Sänger» die letzten Wochen von Schmidts Leben: Wie er bei Genf illegal über die Schweizer Grenze gelangt. Wie er in einer ärmlichen Pension an der Zürcher Löwenstrasse absteigt. Wie er ins Arbeitslager Girenbad bei Hinwil geschickt wird, wegen einer Halsentzündung ins Zürcher Kantonsspital kommt, trotz Schmerzen in der Brust wieder ins Lager zurück muss. Wie er in elendem Zustand die Erlaubnis bekommt, sich im Restaurant Waldegg aufzuwärmen. Wie er dort ein letztes Mal singt und dann stirbt, mit erst 38 Jahren.

Hartmann musste da nichts erfinden: Das alles und viel mehr ist genau so dokumentiert, und man konnte es auch bereits lesen - in der grossartigen Schmidt-Biografie, die der Tenor Alfred A. Fassbind 1992 herausgebracht und 2013 erweitert hat. Hartmann nennt dieses Buch denn auch als wichtigste Grundlage für seinen Roman.

In zwei Richtungen geht er allerdings über die Quellen hinaus. So beschreibt er nicht nur, was Joseph Schmidt erlebt; sondern auch was er fühlt, denkt, träumt, fürchtet. Einerseits lässt sich so seine Vorgeschichte einbauen; Hartmanns lässt den Sänger an seine Kindheit in der Bukowina zurückdenken, an seine Mutter, an vergangene Beziehungen, an den Sohn, der ihm immer fremd geblieben ist.

Vor allem aber will er einem so den Menschen Joseph Schmidt nahe bringen. Hartmann glorifiziert ihn nicht, er schreibt ihm eine gewisse Selbstbezogenheit zu, eine Schüchternheit, die auch mal ins Weinerliche kippen kann. Sein Schmidt mag edle Stoffe, hat sich ein «beflissenes Nicken» angewöhnt und schämt sich, wenn er zu schwach ist, um den Koffer selbst zu tragen. Der Roman führt auch Dialoge aus, von denen man nur weiss, dass sie stattgefunden haben: mit Schmidts Fluchtgefährtin Selma Wolkenheim; mit den beiden Opernhaus-Sängern, die ihn im Spital besuchten; oder mit dem Schriftsteller Manès Sperber, der ebenfalls im Lager Girenbad war.

Hartmann tut damit genau das, was ein Romanautor beim Nachempfinden einer realen Biografie immer tut, und er geht dabei durchaus behutsam vor. Aber dennoch berühren einen manche Passagen unangenehm. Man weiss so viel über Joseph Schmidt, über die Kälte und den Schmutz in Girenbad, über die schnöde Behandlung im Spital, über sein Ende: Da würde man ihm als Leserin gern einen letzten Rest Distanz, ein bisschen Privatsphäre in Gedanken und Gefühlen gönnen. Auch, weil die literarische Füllung der Lücken oft nicht über Plattitüden hinausgeht: «Für ihn war es ein Trost, die Wärme eines Frauenkörpers durch die Kleiderschichten zu ahnen, wie von ferne den schwer beschreibbaren Duft einzuatmen, der zu Selma gehörte,» heisst es etwa einmal. Dann wirklich lieber nur die Fakten.

Ergiebiger ist die zweite Erweiterung: Hartmann schaltet zwischendrin kursiv gedruckte Kapitel ein, in denen er die Perspektive wechselt. Da lernt man zwei junge Frauen kennen, die ihrem Idol Essen ins Lager bringen und gerne ein Autogramm hätten. Oder einen «hochrangigen Mitarbeiter der Eidgenössischen Fremdenpolizei«, der sich nur ans Recht halten will, für einen Prominenten erst recht keine Ausnahme machen kann und die «verstörenden Gewissensfragen» lieber anderen überlassen würde.

Über diese Figuren stellt Hartmann Fragen an die Geschichte, an die Schweiz von damals, und damit auch an seine Leser. Er beantwortet sie nicht. Und das ist genau richtig so.

Lukas Hartmann: «Der Sänger». Roman. Diogenes, Zürich 2019, 288 S., ca. 30 Fr. Bold normal

Erstellt: 25.05.2019, 10:38 Uhr

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