Ein Plädoyer für die Empathie

Die US-Philosophin Martha Nussbaum erklärt, was in unseren Demokratien nicht mehr funktioniert. Es fehlt an Liebe zu den Nächsten.

Die Frage nach der Möglichkeit einer gerechten Gesellschaft steht im Zentrum ihrer Bücher: Die Philosophin Martha Nussbaum. Foto: PD

Die Frage nach der Möglichkeit einer gerechten Gesellschaft steht im Zentrum ihrer Bücher: Die Philosophin Martha Nussbaum. Foto: PD

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Soll der Bau von Minaretten verboten werden? Sollen muslimische Mädchen beim Basketball ihr Kopftuch tragen dürfen? Die Schweizer Debatten über diese Fragen haben im Ausland grosses Echo ausgelöst. Verständlich: Denn sie sind verknüpft mit dem Problem, wie eine Gesellschaft sich verändern muss, wenn sie nicht nur effizient und reich, sondern auch gerecht sein soll. Und in der heutigen von Migrationen in biblischem Ausmass und harten Kulturkonflikten geplagten Zeit kann kein Land es sich erlauben, dieses Problem zu ignorieren.

Die Frage nach der Möglichkeit einer gerechten Gesellschaft steht im Zentrum zweier nun auf Deutsch erschienener Bücher der in Chicago lehrenden Martha Nussbaum. Die Philosophin, die sich im akademischen Milieu einen Namen mit Studien über die antike griechische Ethik gemacht hat, ist in den letzten Jahren immer häufiger als öffentliche Intellektuelle hervorgetreten: mit «Not for Profit» etwa, einem Buch, in dem sie die zunehmende Marginalisierung der humanistischen Fächer an den Universitäten mit starken Argumenten und ebensolcher Leidenschaft angeprangert hat.

Auch in den neuen Büchern vertritt sie einen Standpunkt, den man als «humanistisch» bezeichnen könnte. Das schmalere der beiden, «Die neue religiöse Intoleranz», handelt von religiösem Pluralismus: Wie lässt sich ein friedliches Zusammenleben verschiedener Religionen innerhalb einer Gesellschaft erreichen? Das grösste Hindernis für die Lösung von religiösen Konflikten sieht Martha Nussbaum im Menschen selbst: Eine von Ignoranz ausgelöste Angst und mangelndes Mitgefühl sind verantwortlich dafür, dass wir dem Fremden fast automatisch wie einem Feind begegnen.

Die Diagnose trifft zweifellos einen wichtigen Punkt. So fragt man sich etwa, wie viele von denen, die den Koran verurteilen, sich die Mühe gemacht haben, ihn gründlich zu studieren. Doch ist es wirklich immer Angst, die unsere Ablehnung fremder Bräuche motiviert? Ein Burkaverbot etwa liesse sich mit dem Argument verteidigen, dass Mitglieder einer Gesellschaft imstande sein müssen, ungestört miteinander zu kommunizieren. Nussbaum, die gegen ein solches Verbot ist, versucht dies zu entkräften, indem sie das Tragen einer Burka mit dem Tragen grosser Sonnenbrillen oder eines dicken Schals vergleicht. Aber gefährdet das die Erkennbarkeit einer Person tatsächlich im selben Mass?

Oder schärfer formuliert: Könnte es sich Nussbaum vorstellen, eine auf einen Dialog ausgerichtete Philosophievorlesung vor einer Klasse Burka-tragender Studentinnen zu halten? Und wie müsste man bei einer schriftlichen Prüfung vorgehen? Nicht, dass diese Fragen einfach zu beantworten wären; dass aber in einigen Fällen ein Verbot in Betracht zu ziehen sein könnte, ist nicht abwegig; und nicht immer hätte ein solches Verbot mit Angst oder Ignoranz zu tun.

Das Problem eines friedlichen Zusammenlebens wird im umfangreicheren Band «Politische Emotionen» vertieft. Hier geht es Martha Nussbaum nicht nur um religiöse Diskriminierung, sondern um soziale Koexistenz im Allgemeinen. Neben der Angst treten nun zwei weitere Gefühle als Unruhestifter in unseren demokratischen Gesellschaften auf, der Neid und die Scham. Nussbaums Diskussion dieser Gefühle ist wissenschaftlich gut informiert, und sie schafft es, ein systemisches Problem der von kapitalistischen Denkmustern geprägten Gesellschaften zum Vorschein zu bringen.

Optimistisches Wunschdenken

Man nehme etwa den Neid: Eine auf Konkurrenz basierende Gesellschaft wird ihn bei der Masse der Verlierer zwangsläufig generieren. Doch Neid ist nicht nur ein unangenehmes Gefühl: Es ist eine spezifische Form von Hass gegenüber all jenen, die erfolgreicher sind. Zu viel Hass ist aber kaum mit jenem Mitgefühl zu vereinbaren, das eine demokratische Gesellschaft voraussetzt.

Eine ähnlich Demokratie-störende Dynamik manifestiert sich im Fall der Scham. Hauptauslöser dieses Gefühls ist eine wahrgenommene Diskrepanz zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir sein sollten. In einer Gesellschaft, die uns aus ökonomischen Gründen ständig Modelle menschlicher Vollkommenheit aufzwingt – man muss jung, aktiv, sportlich, erfolgreich sein –, wird sich jeder irgendwann schämen müssen. Aus Scham wird aber bald Frustration, die sich wiederum in Aggressivität verwandeln wird.

Auch in diesen Fällen stellt sich allerdings die Frage, ob Nussbaums Analyse nicht zu kurz greift. Denn die Beispiele deuten darauf hin, dass materielle sozio-ökonomische Verhältnisse unser Gefühlsleben massgeblich prägen. Man müsste also auf dieser Ebene ansetzen, wenn man die Gesellschaft verbessern wollte. Aber wie soll eine solche Transformation konkret durchgeführt werden?

Statt diese Frage zu beantworten, begnügt sich Nussbaum mit altbekannten Hinweisen: Eine gute Demokratie soll darauf bedacht sein, Bürger mit einer ausgeprägten Fähigkeit zur Empathie zu erziehen; gleichzeitig sollen Schulprogramme geschaffen werden, die weniger auf Wettbewerb denn auf Kooperation setzen. Und in gutbürgerlicher Manier betont sie die wichtige Rolle der Familie, der guten Lektüren und guten Beispiele.

All dies ist weder falsch noch irrelevant. Es gibt jedoch vieles in diesen beiden Büchern, das nach optimistischem Wunschdenken, manchmal auch nach Sonntagsschule klingt. Was wir brauchen, schreibt Nussbaum einmal, seien «revolutionäre Veränderungen in den Herzen der Menschen». Das unangenehme Gefühl, der Berg aus Argumenten und Gelehrtheit habe ein Mäuschen geboren, wird man angesichts dieser und vieler vergleichbarer Stellen nicht los. Oder ist der, der so urteilt, selbst nur ein unverbesserlicher Zyniker?

Die Autorin hält am 15., 16. und 17. Dezember die prestigeträchtigen Einstein-Lectures an der Universität Bern. www.einsteinlectures.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.12.2014, 18:44 Uhr

Martha Nussbaum: Die neue religiöse Intoleranz: Ein Ausweg aus der Politik der Angst.
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2014.
220 S., ca. 53 Fr.

Martha Nussbaum: Politische Emotionen: Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist.
Suhrkamp, Berlin 2014.
623 S., ca. 60 Fr.

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