Ein Reigen grandioser Bilder, der unvollendet bleiben muss

Der türkische Schriftsteller Sabahattin Ali erzählt von Korruption und Dekadenz am Vorabend des Ersten Weltkriegs.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Jahre 1903 ermittelt der Landrat Salâhattin Bey in einem Doppelmordfall in der türkischen Provinz Aydın. Ohne Ergebnis. Doch der Ritt in das Dorf Kuyucak beschert ihm etwas, was er von seiner unglücklichen Ehe mit der zänkischen Sahinde längst nicht mehr erhoffen durfte: einen Sohn.

Der Landrat hatte ihn neben den Leichen der Eltern entdeckt. «Ich kann die Armen doch nicht alleine lassen!», sagt der Junge, so als sei er der Herr im Haus und seine Eltern Schutzbefohlene, deren Ermordung nur ihre Unmündigkeit bekräftigt hätte. Und dann erzählt Yusuf, wie ihm einer der Mörder den Daumen abgeschnitten habe, als er versuchte, seine Mutter zu verteidigen: «Das hat sehr, sehr wehgetan, doch jetzt ist es nicht mehr so schlimm . . . »

Da weiss der Landrat, dass er einen aussergewöhnlichen Menschen vor sich hat, einen Kämpfer, der sich auch von Niederlagen nicht beirren lässt. Yusuf kann dies bald unter Beweis stellen, denn das Städtchen Endremit, seine neue Heimat, entpuppt sich als Hort von Korruption und sittlicher Dekadenz. Der Autor Sabahattin Ali (1907–1948) arbeitet hier mit scharfen Kontrasten und reibt einem manches mit penetranter Hartnäckigkeit unter die Nase. So erscheint die anrüchige Entourage des ­Fabrikantenclans Hilmi – «Päderasten» und «debile Lebemänner» – doch ein wenig überzeichnet.

Die weitere Handlung mutet manchmal operettenhaft an: Im Haus des Landrats wird Yusuf für dessen vernachlässigtes Töchterlein Muazzez zum grossen Bruder – bewundert, inbrünstig geliebt und auch ein wenig gefürchtet. Als die heranwachsende Muazzez die Begierden des Fabrikantensohns Sakir Hilmi weckt, beginnt ein Intrigenspiel. Mutter Sahinde tritt als willige Kupplerin auf. Die Ermordung von Yusufs naivem Freund Ali durch Sakir wird von korrupten Beamten vertuscht, während der herzkranke Landrat ausserstande ist, seine Liebsten, die längst ein Liebespaar sind, zu beschützen.

Während alles auf einen für beide Seiten fatalen Showdown hinausläuft, hält Sabahattin Ali eine der stärksten Gestalten des als Beginn einer Trilogie ge­planten Romans im Hintergrund: Es ist Kübra, von den Hilmis missbraucht und von Yusuf aus deren Händen befreit. Sie lebt mit ihrer Mutter schattenhaft unter dem Gesinde des Landrats und verfolgt Yusufs Liebe zu Muazzez mit dem dü­steren Blick einer Schicksalsgöttin. Was sich hinter diesem Blick verbarg, wird man leider nie erfahren, denn die Trilogie blieb unvollendet.

Doch man kann verfolgen, wie Alis Romanheld den Aufstand probt. Den Aufstand gegen ein am Vorabend des Ersten Weltkriegs dahindämmerndes Land, dessen fatalistische Beamte ihren Welt- und Selbstekel in Raki ertränken. Immer wieder beschwören dagegen romantische Naturbeschreibungen ein anderes, besseres Leben: «Obwohl der gegen Abend aufkommende Wind nicht an Stärke zugenommen hatte, war er hier viel gegenwärtiger als am Tag», heisst es da. «Sämtliche Geräusche waren klarer, angenehmer und besser verständlich und liessen sich leichter voneinander unterscheiden.»

Aufklärung und Verklärung

Verklärung und Aufklärung sind hier keine Gegensätze. Doch die Natur, die durch alle Sinne zum Helden spricht, steckt voller Grausamkeit. Die wird auch von den «naturnahen» Kindern verkörpert, die eine Hornisse quälen, der sie den Stachel ausgerissen haben.

Der «hilflose Ausdruck eines Kindes» liegt auch in den Augen des Landrates, als der Tod ihn aus dem Leben holt – eines Kindes, «das sich nicht mitteilen kann: Aus diesen Augen, die von Zeit zu Zeit aufleuchteten und sich an alle und alles in seiner Umgebung hefteten, als wollten sie sich von nichts trennen, lösten sich ein paar Tränen und rannen die bleichen Wangen hinab.»

Als sei dieses Bild eines verrinnenden Lebens nicht schon ergreifend genug, wird die ganze Stadt von der Trauer um den Landrat überwältigt, der sie «von den Angelegenheiten der grossen Welt» ferngehalten hat. Durch diesen Tod werden Stadt und Bevölkerung «plötzlich in den sich immer schneller drehenden und in ihren Auswirkungen bis hierher spürbaren Wirbel der Zeit hineingezogen und dort allein gelassen».

Allein ist am Ende auch Yusuf. Elternlos, geschwisterlos, hatte er bald auch keinen Autor mehr, der seine Geschichte hätte weitererzählen können. Sabahattin Ali – Deutschlehrer, Übersetzer, Schriftsteller, der aus politischen Gründen mehrfach verhaftet wurde, ein volksnaher, realistischer Schilderer des türkischen Landlebens – wurde auf der Flucht ins Exil am 2. April 1948 an der bulgarischen Grenze ermordet. Von Räubern? Aus politischen Gründen? Man weiss es nicht. Was bleibt, ist ein Reigen grandioser epischer Bilder, die er festgehalten hat.

Erstellt: 23.07.2014, 08:47 Uhr

Sabahattin Ali: «Yusuf». Roman. Aus dem Türkischen von Ute Birgi-Knellessen. Dörlemann, Zürich 2014. 368 S., ca. 28 Fr.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Mamablog Mein erstes Handy

Sweet Home Gut ist gut genug!

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...