Hintergrund

Ein Schweizer in Hitlers Armee

Etwa tausend Schweizer kämpften im Zweiten Weltkrieg in der deutschen Waffen-SS. Autorin Gerlinde Michel hat das Thema in ihrem neuen Roman «Frei willig» aufgenommen.

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Walter Grimm hat sein Lebenswerk vollbracht: Als Inhaber eines kleinen, aber feinen Labels für klassische Musik ist er bekannt geworden. Doch dann entdeckt ein amerikanischer Journalist, dass viele CDs aus seiner Produktion aus anderen Aufnahmen zusammengeschnittene Plagiate sind. Gleichzeitig entdeckt Grimms Tochter Valérie durch Zufall ein weiteres Geheimnis ihres Vaters: Er war während des Zweiten Weltkrieges nicht etwa in der Schweizer Armee, sondern in der deutschen Waffen-SS, die später verboten und deren Angehörige wegen zahlreicher Kriegsverbrechen verurteilt wurden.

Die fiktive Figur Walter Grimm aus Gerlinde Michels Roman «Frei willig» beruht auf historischen Vorbildern: Wie er haben viele Schweizer Dienst in der Waffen-SS geleistet. Zwischen 1939 und 1945, selten auch früher, gingen etwa 1500 Schweizer Bürger nach Deutschland, teils auf der Suche nach Arbeit, teils auf der Suche nach dem Abenteuer, teils aus Überzeugung. Etwa 1000 von ihnen landeten in der Waffen-SS, die insgesamt 200'000 Freiwillige aus ganz Europa in ihren fast eine Million Mann starken Verbund integrierte.

Wenig bekanntes Thema

Diese Fakten sind in der Schweiz nicht sehr bekannt, wie Gerlinde Michel bestätigen kann: «Viele meiner Freunde waren erstaunt, als ich ihnen vom Thema meines neuen Buches erzählte.» Wie kam sie also darauf? Der Zweite Weltkrieg und das Dritte Reich hätten sie schon immer interessiert: «Als Jugendliche haben wir oft sehr kontrovers diskutiert, wie sich die Schweiz unter Hitler verhalten hätte.» Dazu kommt, dass in ihrer Verwandtschaft ein junger Mann eben einer dieser Schweizer war, der nach Deutschland floh; über ihn fand sie aber nur wenig heraus. Trotzdem war das Interesse geweckt. Im 1994 erschienenen Buch «Kriegsverbrecher Wipf, Eugen» von Linus Reichlin fand sie weitere Anregungen; darin schildert der Schriftsteller und Journalist die Geschichte einiger Schweizer im Dritten Reich, vom Kavallerie-Offizier bis zum KZ-Aufseher.

Bei Recherchen im Bundesarchiv fand Michel weiteres Material für ihren Roman. Das ist, was sie interessiert: «Ich bin Schriftstellerin, nicht Historikerin. Mich haben die Geschichten interessiert.» Darum hat sie die Geschichte auch mit einer anderen Geschichte verwoben, jener des «Hatto Recording Hoax», bei dem ein Labelinhaber Aufnahmen manipulierte. Als sie auf diesen Betrugsfall stiess, sah sie die Möglichkeit, beide Themen zu verbinden – und machte Walter Grimm zum doppelten Täter: «Mich faszinierte die Möglichkeit, dass Walter Grimm sein Vorleben mit einer kulturellen Tätigkeit überdecken will.»

Verdeckung und Aufarbeitung der Vergangenheit

Dieser Walter Grimm hat kein konkretes Vorbild, sondern ist eine Zusammenstellung von vielen Einzelschicksalen. Er geht auch aus mehreren typischen Gründen: Er ist Doppelbürger und von seiner nationalsozialistisch eingestellten Mutter indoktriniert, er hat Mühe im Beruf und meint, etwas Besseres verdient zu haben. Dies hofft er in Deutschland zu finden. Grimm verliert seine Überzeugung auch nicht, als er im tiefsten Winter an der Ostfront kämpfen muss und seine Kameraden reihum sterben. Schliesslich macht er die Ausbildung zum Offizier und wird Untersturmführer, was dem Rang eines Leutnants entspricht. Als der Krieg verloren ist, verlässt er jedoch die Truppe und kehrt in die Schweiz zurück. Dort wird er in einem Prozess zu neun Monaten Gefängnis verurteilt und versucht nach der Entlassung, ein neues Leben zu beginnen und die Vergangenheit zu vertuschen.

Erst Ende der 1990er-Jahre wurde die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg richtig aufgearbeitet. Schweizer Freiwillige in deutschen Diensten wurden dabei kaum angesprochen. Möchte Gerlinde Michel mit ihrem Buch eine neue Diskussion anstossen? «Für mich ist die Aufarbeitung der Vergangenheit ganz wichtig – wenn mein Buch dazu beiträgt, finde ich das gut.» Es sei aber nicht ihr primäres Ziel gewesen. Sie könne als Nicht-Historikerin auch nicht genau sagen, wie gut das Thema in der Schweiz aufgearbeitet ist. Sicher ist, dass man nicht allzu viel darüber weiss.

Lesen Sie morgen mehr über die historischen Hintergründe des Themas. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.10.2012, 12:04 Uhr

Gerlinde Michel, «Frei willig», edition 8, 220 Seiten, ISBN 978-3-85990-179-7, CHF 35.90

Frei willig

Gerlinde Michel

Gerlinde Michel wurde 1947 in Bern geboren und studierte Anglistik. Danach arbeitete sie als Englischlehrerin und Journalistin. 2006 erschien ihr erster Krimi «Alarm in Zürichs Stadtspital», 2008 «Cézanne in Zürich», beide im Orte-Verlag.
//www.gerlindemichel.ch

Am Samstag, 27. Oktober liest sie am Festival «Zürich liest» aus ihrem Buch.
//www.zuerich-liest.ch

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