Ein Stück Welt in neuem Licht entdecken

Der Zürcher Autor Jürg Schubiger schrieb für Kinder und Erwachsene. Am Montag ist er 77-jährig gestorben.

Im Alter von 77 Jahren verstorben: Der Zürcher Autor Jürg Schubiger. (Archivbild)

Im Alter von 77 Jahren verstorben: Der Zürcher Autor Jürg Schubiger. (Archivbild)

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Als Jürg Schubiger 2008 mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis ausgezeichnet wurde, dem Nobelpreis für Kinder- und Jugendliteratur, nannten ihn all die Porträts und Berichte, die über ihn erschienen, den Philosophen unter den Kinderbuchautoren. Das gefiel ihm nicht besonders, obwohl es wahr ist.

Er wollte keine papierenen Abhandlungen schreiben, sondern die Bilder und die Klänge, die in der Sprache wohnen, zum Leben erwecken. Er wollte beim Geschichtenerzählen und beim Gedichteschreiben eine leichte Verschiebung der Wahrnehmung bewirken bei seinen Lesern und ihnen die Welt, oder – das hätte Jürg Schubiger sicher besser gefallen – ein ganz kleines Stück der Welt, in einem neuen Licht sichtbar machen.

Das Kleine mit den grossen Fragen verbinden

Es konnte auch einfach nur ein Wort sein. Denn Wörter, wie es in der Geschichte «Überall ist leicht zu verpassen» (2012) heisst, können zugleich «läuten und bedeuten». Man braucht nur hellhörig genug zu sein, und schon gehen die Türen in der Sprache auf. Vor allem in den vielen Kinderbüchern, in den heiter-melancholischen Kindergedichten und in den kurzen und prägnanten Texten, die er für Bilderbücher schrieb, gelang es Schubiger in unvergleichlicher Weise, das ganz Kleine, Nebensächliche, Beiläufige mit den grossen Fragen der Menschheit zu verbinden; oft arbeitete er mit der Struktur und der Logik von Mythen und Märchen.

In seinen Büchern für Erwachsene, darunter «Haller und Helen» (2002), «Die kleine Liebe» (2008) und der diesen Frühling erschienene Roman «Nicht schwindelfrei», interessierten ihn vor allem die Figuren. Und die Art, wie deren Wahrnehmung und Haltung gegenüber dem Leben ihre Beziehungen – zu den anderen und zu sich selbst – verwandeln konnte.

Ein Liebhaber des Paradoxen

Jürg Schubiger war ein grosser Liebhaber des Paradoxen. Wenn er über die letzten Dinge schrieb, erzählte er immer vom Anfangen. Wenn er darüber nachdachte, warum etwas ist, wie es ist, überlegte er sich, wie es dazu gekommen sein könnte. Und wie es ohne wäre – zum Beispiel ohne den Tod: In seinem Bilderbuch «Als der Tod zu uns kam», illustriert von Rotraut Susanne Berner, heisst es: «Was geboren wurde zu jener Zeit, das lebte und fertig». Was für ein Satz: zwei so kleine Wörter wie «und» und «fertig» reichen, um den Schatten aufs Paradies zu werfen.

Jürg Schubiger, der neben dem Schreiben jahrzehntelang als Psychotherapeut gearbeitet hatte, der eine Dissertation über Franz Kafka geschrieben hatte und ein grosser Leser von Literatur und Philosophie war, war fasziniert von der Idee des Nichtwissens. Schreiben war für ihn ein abenteuerliches Wandern ins Offene, ins weglose Unbekannte, wie er einmal in einem Gespräch sagte: «Das Wissen, die gezähmte Welt, auch das Gewohnte, Vertraute, schon Gedeutete, in dem man sich auskennt, liegt, wenn ich schreibe, strikt im Rücken. Vor mir liegt das Wilde. Darüber weiss ich noch nichts.»

Ein «professioneller Anfänger»

Er sei ein professioneller Anfänger, bemerkte er gerne verschmitzt, weil er genau wusste, dass sein Schreiben nicht möglich gewesen wäre ohne all die Bücher, die er gelesen hatte. Nicht, dass er mit Zitaten und Anspielungen gearbeitet hätte, doch der Bezugsrahmen wirkte auf den Text, ob seine Leser ihn nun erkennen oder nicht. Er selbst sprach vom «literarischen Grundwasser», mit dem sein Stoffwechsel verbunden sei; ein Grundwasser, in das alles Gelesene eingesickert ist. Der Übergang zum Eigenen vollziehe sich langsam und unüberblickbar.

In Jürg Schubigers Werk gibt es Signalwörter. Gras zum Beispiel oder Schnee; immer Wörter, deren Materialität man sich sinnlich vorstellen kann – der Duft des Grases, der kalte Schnee auf der Haut – und die geradezu emblematisch mit Bedeutung aufgeladen sind. Wörter eben, die in Augen, Ohren, auf der Haut und auf der Zunge klingeln, und die in den Gehirnwindungen Blitze hin und her schiessen lassen, Verbindungen quer durch Zeit und Raum und Bibliotheken.

Schnee ist bei Jürg Schubiger eine Chiffre für das Paradox, das ihm in seinem Schreiben gelingt: eine Sprache zu finden, bei der das Vorsprachliche in den Weissräumen zwischen den Buchstaben leuchtet und uns hilft, uns die Welt so voraussetzungslos vorzustellen, wie es eben geht.

Am Montagabend ist Jürg Schubiger im Alter von 77 Jahren nach langer Krankheit gestorben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.09.2014, 22:24 Uhr

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