Ein Trickser auf der politischen Bühne

Grosse Zeit, grosse Literatur: Hilary Mantel setzt mit «Falken» ihre Trilogie über Thomas Cromwell fort, den Berater von Henry VIII.

Die Grande Dame der britischen Literatur: Hilary Mantel.

Die Grande Dame der britischen Literatur: Hilary Mantel. Bild: Keystone

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Kürzlich musste sich Hilary Mantel gegen den Vorwurf verteidigen, sie habe Prinz Williams Kate in einer Rede als Schaufensterpuppe ohne Persönlichkeit, «Mucken und Merkwürdigkeiten» beleidigt, deren einziger Daseinszweck ihr Plastiklächeln und die Geburt eines Thronfolgers sei. Angeführt von der «Daily Mail» erhob sich ein gewaltiges Rumoren im Blätterwald; selbst Premierminister David Cameron rüffelte die Schriftstellerin für ihre «törichten und völlig falschen» Äusserungen.

Die erklärte Linke macht aus ihrer republikanischen Haltung keinen Hehl; aber die Aufregung beruhte auf einem Missverständnis: Die 60-jährige Grande Dame der britischen Literatur hatte nur Kates öffentliche Funktion im Lichte der alten Lehre von den zwei Körpern des Königs (dem sterblichen und dem unsterblichen) und der Erfahrungen mit dem Diana-Trauma analysiert. Royals, so ihre These, sind immer Projektionsflächen, in ihrer Rolle gefangene Kunstfiguren, deren Bild in der Geschichte erst im Nachhinein konstruiert wird. Und das gilt für die mütterliche Queen und erst recht für ihre artig lächelnde Schwiegertochter.

Die Frau ist nutzlos geworden

Doch die Zeiten, in denen Königinnen für ihre Mucken und Merkwürdigkeiten geliebt und geköpft wurden, wünscht man sich nicht unbedingt zurück. Mantel hat sie in zwei Romanen über Henry VIII. und seinen Sekretär Thomas Cromwell (1485–1540) mit grosser Sensibilität und literarischer Subtilität beschrieben; beide wurden, ein Novum in der Literaturgeschichte, mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Und wenn die Frauen in «Wölfe» und jetzt auch in der Fortsetzung «Falken» mehr als seelenlose Püppchen und Gebärmaschinen sind, liegt das nicht nur an Mantels spezifisch weiblichem Blick auf «grossen Männer der Geschichte», sondern auch an den historischen Fakten.

Katharine, Henrys erste Frau, war eine stolze Spanierin, die Himmel und Hölle in Bewegung setzte, als sie nach zwanzig Jahren kinderloser Ehe in den Tower weggesperrt wurde. Blaubarts zweite Frau, die schöne, ehrgeizige Anne Boleyn, fiel in Ungnade, weil sie statt eines Thronfolgers nur eine Tochter – ironischerweise die später so grosse Elizabeth I. – gebar und Henry bereits ein Auge auf die stillere, sanftere Jane Seymour geworfen hatte. An diesem Punkt setzt im Herbst 1535 die Geschichte von «Falken» ein.

In «Wölfe» hatte Cromwell die undankbare Aufgabe, Katharina diskret zu entsorgen und Anne auf den Thron zu hieven, zur Zufriedenheit seines Herrn gelöst. Wenige flexible Berater, etwa der heiligmässige Thomas More und Lordkardinal Wolsey, Cromwells Freund, bezahlten ihre Skrupel und Einwände mit dem Tod. Die neue Aufgabe, die nutzlos und im Vollgefühl ihrer Unantastbarkeit unvorsichtig gewordene Anne beiseitezuräumen, ohne ihre mächtigen Verwandten, das Volk und das Parlament, Rom und das katholische Europa allzu sehr vor den Kopf zu stossen, war womöglich noch anspruchsvoller.

Die Wahrheit drehen, bis sie passt

Cromwell, der Aufsteiger, der es vom Sohn eines Hufschmieds zum Master of the Rolls gebracht hatte, dreht und wendet die «Wahrheit» mit politischem Fingerspitzengefühl, theologischer Rabulistik und diplomatischer List – notfalls auch mit Bestechung, Lüge und Folter – so lange, bis sie passt. Und begleicht zugleich offene Rechnungen mit den Mördern seines Gönners Wolsey. Die Männer, die er aufs Schafott bringt, sind keine Unschuldigen; aber keiner hatte ehe- oder gar (den Annes Bruder George unterstellten) blutschänderischen Umgang mit der Königin. Wie Cromwell, Staatsanwalt, Richter, Rächer und Nutzniesser in einem, die Höflinge in die Enge treibt und schliesslich zu Geständnissen zwingt: Das ist nicht nur sein Meisterstück als politischer Stratege und machiavellistischer Kronjurist, sondern auch ein Höhepunkt von Mantels grandioser Erzählkunst.

Man fühlt sich manchmal an die Moskauer Schauprozesse erinnert, aber Mantel wollte keine politische Parabel schreiben. König Henry VIII. ist nicht Stalin, nicht einmal Tony Blair, nur ein launischer, grober Romantiker, gefangen in seiner Rolle und einem viel zu grossen, von Ausschweifungen und Krankheiten zerfressenen Körper. Und auch Cromwell ist mehr als nur der skrupellose Opportunist und «geborene Trickser»: Hilary Mantel zeigt ihn auch als liebevollen Vater, zuverlässigen Freund, charmanten, humanistisch gebildeten Gesprächspartner und pragmatischen Reformer.

Auf Augenhöhe mit dem Helden

«Falken» ist kein historischer Roman für «Daily Mail»-Leser, keine Kostümoper mit Blut, Schlachtenlärm und Schwarzweiss-Moral, sondern eine komplizierte Maschine von politischen, religiösen und dynastischen Interessen, in Gang gesetzt durch menschliche Leidenschaften: Hochmut, Gier, Angst, Ehrgeiz, aber auch Glauben, Hoffnung und Liebe. Das feinmaschige Netz der Verwandtschafts- und Loyalitätsbeziehungen, die komplexe Erzählstruktur, die manchmal fast zu geistreichen Dialoge erfordern vom Leser trotz aller Personenregister und Stammtafeln zum Nachschlagen vollste Konzentration.

So wirft Hilary Mantel, immer nah an den Quellen und auf Augenhöhe mit ihrem Helden, einen ganz neuen Blick auf die Zeit, die man aus dem Geschichtsunterricht, Filmen und Fernsehserien zu kennen glaubt. Sie kriecht förmlich in Cromwell hinein, sieht und hört, riecht, fühlt und denkt mit ihm. Ja, «Falken», von der Booker-Jury als unschlagbare Verbindung der grössten englischen Autorin mit der «berühmtesten Epoche der englischen Geschichte» gerühmt, könnte auch ein Monumentalfilm sein. Aber er ist im Präsens erzählt – der sprachlichen Entsprechung der verwackelten Handkamera –, und sein Ende ist offen.

1540 wird Cromwell über eine Intrige stürzen und hingerichtet werden. Aber wie seine Geschichte ausgeht, wissen wir erst, wenn Mantel den dritten Band ihrer Tudor-Trilogie beendet hat.

Erstellt: 10.03.2013, 20:08 Uhr

Mantel, Hilary, «Falken», DuMont Buchverlag, 479 Seiten, ISBN 978-3-8321-9698-1, CHF 35.90.

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