Interview

«Ein genialer Schriftsteller»

Der chinesische Autor Mo Yan erhält den Literaturnobelpreis 2012. Ein Interview mit Andrea Riemenschnitter, Professorin für moderne chinesische Literatur, über seine Eigenschaften.

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Frau Riemenschnitter, überrascht Sie die Wahl?
In diesem Jahr habe ich die Wahl noch nicht erwartet – aber dass er mal gewählt werden wird, das überrascht nicht.

Warum?
Mo Yan ist ein genialer Schriftsteller, sein Werk ist enorm durchdacht. Er arbeitet zudem bis heute ständig an sich, gönnt sich keine Ruhe. Seine Literatur orientiert sich ganz direkt an der Gesellschaft und an den Dingen, die er erlebt. Er lebt und fühlt mit der Masse. Und er schreibt so, dass er gelesen wird. Man kann ihn allein mit dem grossen Gründervater der literarischen Moderne Chinas, Lu Xun, vergleichen.

Hat die Verleihung eine politische Note?
Ich hoffe nicht. Kultur hat immer etwas mit Politik zu tun, Literatur kann nicht unpolitisch sein. Literaten und Intellektuelle müssen sich einmischen in gesellschaftliche Problematiken. In dieser Hinsicht ist Mo Yan eine ausgezeichnete Wahl.

Mo Yan wird jedoch sehr häufig als staatstreu bezeichnet. Trifft das zu?
Nein, gegen diese Bezeichnung wehre ich mich vehement. Die Situation ist für chinesische Intellektuelle nicht einfach, und solche eilfertigen Etikettierungen lehne ich ab. Mo Yan ist ein sehr unabhängiger Schriftsteller, der ganz gewiss kein Blatt vor den Mund nimmt und sehr genau hinschaut, ein Autor, der Entwicklungen der Gesellschaft auch historisch einordnen kann. Er weist in China immer wieder auf Punkte hin, wo dringender Reformbedarf und die Notwendigkeit zum Umdenken besteht.

Woher rührt dann diese Unterstellung?
Er äussert seine Kritik in einer Form, die dem Regime erlaubt, diese Kritik zu akzeptieren – derweil andere Autoren ihre politische Kritik auf eine Weise vorbringen, die sie medienwirksam mit dem Staat in Konflikt bringt. Das muss man nicht als überlegene Strategie werten.

Wie sehen ihn die Dissidenten?
Die Dissidenten sind natürlich gar nicht glücklich, dass jemand hervorragende Literatur produziert und gleichzeitig nicht diesen regimekritischen Medienrummel erzeugt.

Gibt es ein Hauptwerk im Œuvre von Mo Yan?
Darüber streiten sich die Experten. Mo Yan hat mittlerweile ja sehr viele grosse Romane verfasst. Zu nennen ist sicher sein erster, sehr experimenteller Grossroman «Hong gaoliang», auf Deutsch «Das rote Kornfeld». Inzwischen häufiger als Hauptwerk betrachtet wird «Fengru feitun», auf Deutsch «Grosse Brüste und breite Hüften», ein Jahrhundertroman über die ideologischen Verstrickungen Chinas des 20. Jahrhunderts. Mo Yan zertrümmert in diesem Buch die manichäische Weltsicht und den theoretischen Überbau des Mao-Regimes.

In welche literarische Tradition fügt sich Mo Yan ein?
In China gilt er als ein Regionalist. Das bedeutet, dass er keine Stadtliteratur produziert, sondern die Perspektive der Landleute einnimmt.

Gibt es gute Übersetzungen?
Durchaus. Sehr lesbar und ordentlich übersetzt wurde ausser dem «Roten Kornfeld» auch «Der Überdruss» aus dem Jahr 2009. Ein dicker Wälzer, der sich sehr, sehr gut liest. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.10.2012, 15:25 Uhr

Mo Yan / Martina Hasse (Übersetzung), «Der Überdruss », Unionsverlag, 812 Seiten, ISBN 978-3-293-20588-8, CHF 26.90

Der Überdruss

Andrea Riemenschnitter (*1958) ist Professorin für moderne chinesische Sprache und Literatur am Ostasiatischen Seminar der Universität Zürich.

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