Ein vifes Fossil

Eigentlich wollte Eugen Gomringer Berufsoffizier werden – stattdessen revolutionierte er die Lyrik. Nun kam er zurück nach Zürich.

Meister der strengen Form: Dichter Gomringer.

Meister der strengen Form: Dichter Gomringer. Bild: Raisa Durandi

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Ein Porträt von Eugen Gomringer zu eröffnen mit dieser fantastischen Anekdote vom bolivianischen Dschungel, in dem das Baby namens Eugen Gomringer von einer Riesenschlange geschluckt wird, worauf sein überlebender Bruder sich als Eugen Gomringer ausgibt, wäre wohl gar irritierend. Gomringer ist schliesslich weltbekannt für eine nüchterne, sachliche Poesie, die konkrete Poesie.

Er ist als Praktiker und als Theoretiker ihr bekanntester Vertreter. Konkrete Poesie ist Baukastenlyrik im idealen Sinn, entstand in den 50ern und hat seither ihren Platz in jeder ordentlichen Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Gomringers berühmtestes Gedicht wiederholt das Wort schweigen reihenweise und lässt zwischen zwei «schweigen» eine frappante, weil schweigende Lücke.

Nach Zürich im Renault

Besser ist deshalb ein nüchterner Beginn: Eugen Gomringer sitzt im schwarzen Hemd im Zürcher Museum Strauhof, hier hat in acht Stunden die Ausstellung «Gomringer & Gomringer» Vernissage. Von Rehau, seinem Wohnort in Bayern, sind Gomringer und seine Frau Nortrud gestern im Renault hergefahren. Zu Hause blieb der BMW 530; «der alte Dienstwagen der Polizei, der letzte schöne BMW». Man könnte sich mit dem physisch beneidenswert fitten und geistig beneidenswert vifen 91-Jährigen problemlos länger unterhalten über die Schönheit des Autofahrens und über das Automobil an und für sich. Gomringer lacht, seine Augen werden zu Schlitzen. Das passiert im Gespräch sehr häufig. Wenn er innehält und nachdenkt, könnte man ihn sich als Indianerhäuptling aus archaischer Urzeit vorstellen.

Tatsächlich ist er halb indigener Bolivianer und in Cachuela Esperanza als Sohn eines Schweizer Kaufmanns geboren; die Kindheit verbrachte er aber bei den Grosseltern in Zürich. «Ich bin sehr behütet aufgewachsen. Grosses Lob an meine Grosseltern.» Die ersten Gedichte publizierte er im TA. «Das waren sentimentale Sachen. Ich litt damals mit der Natur», sagt Gomringer. «Vor allem im Herbst!» Wieder die Schlitzaugen. Ein älterer Kulturredaktor habe damals die Gedichte entgegengenommen, sagt Gomringer und blickt fragend. Als ob man diesen im 19. Jahrhundert geborenen Kollegen noch gekannt haben könnte.

«Warf mich in jede Pfütze»

Was Gomringer mit Zürich verbindet? Nicht zuletzt Kriegsspiele. «Ich wollte mich wohl von meinen fürsorglichen, grosszügigen Grosseltern etwas distanzieren, suchte gezielt die Ordnung und die Disziplin», vermutet Gomringer. Mit anderen Gymnasiasten traf er sich jeweils am Samstag zu Turn- und Drillübungen unter Anleitung. «Das war ein strenger Club.» Der Instruktor sei ziemlich offensichtlich ein Fröntler gewesen. Ein oder zwei seiner Kollegen seien später in die Wehrmacht eingetreten und an der Ostfront umgekommen. «Wir wurden indoktriniert. Und wir waren naiv, suchten das Abenteuer.» Ein wenig erinnert die amoralische Erlebnislust des jungen Gomringer an Ernst Jünger. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass bei Jünger die Militärzeit zum literarischen Kernstoff wurde, sie bei Gomringer dagegen nur vielleicht zur strengen Form beitrug.

Noch vor Beginn der Rekrutenschule hatte Gomringer bereits 200 Einträge im Dienstbüchlein gesammelt, als Freiwilliger des Fliegerbeobachtungs- und Meldediensts. Gut erinnert er sich an den RS-Feldgottesdienst in der Altstadt in der Kirche St. Peter 1944. «Im Militär warf ich mich in jede Dreckpfütze, machte alles mit.» Bis zum Oberleutnant brachte es Gomringer, das Kriegsende eröffnete ihm dann neue Perspektiven. Die Grenze war offen, ein Verharren nicht mehr nötig. In Paris konnte man auf Jean-Paul Sartre treffen, also reiste Gomringer nach Paris. Später lebte er in Rom, Ulm, Düsseldorf. In den 50ern wurde Gomringer erstmals Vater; heute ist seine Kinderschar sechsköpfig: Zu den fünf Söhnen stiess 1980 die einzige Tochter, Nora Gomringer, die Bachmann-Preisträgerin von 2015.

Das ökonomische Prinzip angeeignet

Ungewöhnlich ist an Gomringer auch die wirtschaftliche Entspanntheit, zumal für einen Dichter. «Ich hatte nie Probleme mit Geld», sagt er. Das liegt an der komfortablen Subventionslandschaft der Nachkriegsjahrzehnte und an der praktischen Veranlagung des Zürchers. Es liegt aber auch an der konkreten Poesie: Sie erfüllt mit ihrer sprachlich-visuellen Prägnanz ideal die Anforderungen der Werbeindustrie. «Das ökonomische Prinzip habe ich mir poetisch zu eigen gemacht: mit wenig Aufwand ein gutes Ergebnis erreichen», sagt Gomringer. So brachte er sich und die Seinen wohlbehalten durch die Jahrzehnte.

Das jüngste der Gomringer-Gedichte, die auf dünnen Holztafeln in der neuen Strauhof-Ausstellung hängen, ist das grossartige «Schwiizer» («... nöd rede, sicher sii, nu luege...»). Es stammt aus dem Jahr 1969. Der Dichter selbst bezeichnete die 50er-Jahre als seine künstlerische Blütezeit. Heute beschäftigt er sich vor allem mit dem traditionellen Sonett – eine Rückkehr zur schwülstigen Lyrik der Jugendjahre ist das allerdings nicht. «Ich mag die strengen Vorgaben dieser Form», sagt Gomringer.

Übrigens, die Geschichte mit der Riesenschlange war eine Erfindung von Friedrich Dürrenmatt, überliefert wurde sie von Peter von Matt. Auch ohne sie lebte und lebt Eugen Gomringer ein sehr üppiges und farbiges Leben im Dienst der Nüchternheit und der kargen Form. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.10.2016, 09:52 Uhr

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