Ein wirklich guter Vogel

Jonathan Franzen, Amerikas grosser Schriftsteller, war im Aargau. Wegen seiner Obsession.

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Dunst wabert über dem Wasser, Krähen sitzen im kahlen Geäst, es ist kalt und neblig, und im See versammeln sich die Enten: Stockenten, Reiherenten, Schnatterenten, Spiessenten, Löffelenten, Krickenten, Knäkenten. Am Ufer stellen Vogelfans ihre Fernrohre auf, um die Tiere besser beäugen zu können. Ein üblicher Donnerstagmorgen am Klingnauer Stausee – wobei: Heute tummelt sich hier ein besonderes Exemplar. Fachbezeichnung: The Great American Novelist.

Am Abend zuvor ist ihm an der Uni Zürich der Frank-Schirrmacher-Preis überreicht worden. In einer brillanten Rede hat er erklärt, wie Twitter und Facebook gerade unsere Seelen verwüsten; der Zulauf war gross, der Applaus euphorisch. Nun, bevor er nach Südafrika weiterfliegt, will er im Nordaargau noch ein paar spezielle Vögel sehen. Begleitet wird er von zwei heimischen Ornithologen. Er ist gross und schlank, trägt einen schwarzen Pullover, Jeans und klobige braune Schuhe. Langsam und etwas linkisch schlendert er fünf Meter weiter, dann denselben Weg wieder zurück. Ein Ziel scheint er nicht zu haben, dafür aber unendlich viel Zeit. Er bleibt kurz stehen, setzt das Fernglas auf. Als er das Glas wieder absetzt, lächelt er.

Figuren wie nahe Verwandte

Jonathan Franzen also, 58 Jahre alt und der vielleicht grösste US-amerikanische Schriftsteller der Gegenwart. Das sieht unter anderem das «Time Magazine» so. Ein schwerer Orden, sicher, aber unverdient ist er nicht – auch wenn die Mystiker eher auf Don DeLillo, die Enigmatiker auf Thomas Pynchon und die Traditionalisten auf Philip Roth setzen.

Franzen hat Figuren geschaffen, die man zugleich lieben und hassen muss, und er hat sie in raffinierte Beziehungsgeflechte verstrickt, deren Ziehen und Reissen man über Hunderte Seiten hinweg gebannt verfolgt wie das Schicksal naher Verwandter. Manche Franzen-­Leser erinnern sich noch Jahre nach der Lektüre an die Namen der Figuren. In deren Denken und Handlungen regt sich jeweils der Zeitgeist, Jonathan Franzen hat die Romane zur spätmodernen Familie («The Corrections»), zum Leben in der Bush-Ära («Freedom») und zur digitalen Enthüllungs- und Überwachungs-Manie («Purity») geschrieben.

Der Schriftsteller steigt auf den Aussichtsturm; als er oben angekommen ist, erklärt ihm ein Ornithologe die Klingnauer Fauna. In den 1930ern hatte man ein Elektrizitätskraftwerk und ein Stauwehr gebaut und so beiläufig einen neuen See entstehen lassen, den heimische Tiere und Zugvögel besiedeln konnten. Bevor Franzen nach Zürich flog, hatte er im Internet nach interessanten Schweizer Nistplätzen gesucht, und weil er nur einen halben Tag Zeit hat, fiel die Wahl auf den nahen Aargauer Stausee. Für einen längeren Trip hätte er die Alpen besucht. Dort lebt mit dem Mauerläufer einer jener Vögel Europas, die Franzen noch nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Der amerikanische Gast hört dem heimischen Vogelkenner aufmerksam zu, stellt ab und zu eine knappe Frage. Geht es um Vögel und ihren Lebensraum, kann man sich keinen eifrigeren Schüler vorstellen.

Dann auf einmal Aufregung auf dem Turm, eine Frau ruft «Eisvogel!», streckt den Finger aus. Diese Ortung ist natürlich zu ungenau, ausserdem fliegt so ein Eisvogel wirklich pfeilschnell – auch Franzen übersieht ihn. Er hätte ihn schon gern gesehen, gibt er später zu. Wenn ein Vogel speziell schön, selten oder eigenartig ist, spricht Franzen von einem «good bird». Der Eisvogel sei definitiv «a good bird». Von der ganzen Aufregung ungerührt ist der junge Mann in abgewetzter Hip-Hop-Kluft, der mit seinem Fotoapparat neben Franzen steht. Er warte darauf, dass im gegenüberliegenden Baum ein Vogel lande, erklärt er. Er steht Stunden später noch dort oben.

Mag Franzen die etwas eigene Gesellschaft der Vogelfreunde, weil er das Raffinement sucht? So wie andere, nachdem sie zu Geld und Ruhe gekommen sind, sich für die Destillation eines bestimmten Whiskeys zu interessieren beginnen? «Whiskey ist ein Produkt.» Franzens Stimme, sonst ein leiser Singsang, wird einen Zacken schärfer. «Ein Vogel ist kein Produkt.» Das, mein Freund, macht Franzen klar, war nun eine ganz falsche Vermutung.

Lange ohne Erfolg

Es ist Mittag, die Sonne scheint. Jonathan Franzen sitzt auf einer Holzbank am Wasser und kaut ein Sandwich. Auf dem Blackberry hat er gerade Audio-Files mit Vögelgesängen abgespielt, die er schön findet, zum Beispiel das Gezirpe des Teichrohrsängers. «Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich Sie damit von meiner Begeisterung überzeugt habe», sagt er. Es blitzen schalkhaft die kleinen Augen hinter der Hornbrille.

Franzen ist ein nerdiger, feinsinniger Typ, der mit seiner Ironie nicht verletzen, sondern verbinden will. Star-Gehabe ist ihm fremd. Dass er nun in fernen Städten wie Zürich Preise bekommt, scheint er selber kurios zu finden. Noch im Alter von 42 Jahren war er, was die Amerikaner unverblümt einen Loser nennen: ein Mann ohne Erfolge, mit wenigen Freunden und einer Ehefrau, die ihn letztlich entnervt verliess. Franzen vergrub sich in seine Manuskripte, nicht eben klein war die Gefahr, als Spinner oder Aushilfslehrer zu enden. Die Wende kam, als Franzen im September 2001 «The Corrections» veröffentlichte. Das Buch gehört zu den erfolgreichsten Romanen der Nullerjahre, allein vom englischen Original wurden drei Millionen Stück verkauft.

Psyche als Resonanzraum

Auch als er sich mit dem Folgeroman «Freedom» an der Spitze der US-Literatur etabliert hatte, behielt Franzen die rigorose Routine bei. Noch immer schottet er sich monatelang ab, wenn er an einem Roman arbeitet. Sein Büro ist schalldicht, manchmal setzt er beim Schreiben eine Augenbinde auf, um sich konzentrieren zu können. Den Arbeitscomputer hat er so präpariert, dass er damit unmöglich ins Internet kommen kann. Im Gequassel auf Facebook und Co. erkennt Franzen eine neue Gefährdung, die alle betrifft – besonders aber den Schriftsteller, der sich eine eigene Stimme und einen eigenen Ton bewahren will und der die eigene Psyche auch als Resonanzraum für seine Kunst braucht. «Social Media liefern wie jedes Suchtmittel den Kick prompt und zuverlässig, sodass es leicht ist, sich selbst abhanden zu kommen», sagte Franzen am Tag zuvor in Zürich.

Sind die Vogelbeobachtungen Teil dieses Bemühens, sich nicht abhanden zu kommen, seiner kreativen Abgrenzung? Franzen verneint. «Während der Ausflüge bin ich ja selten alleine unterwegs. Ich mag es, wenn andere Kenner dabei sind.» Auch denke er nie an das nächste Buch, wenn er Vögel beobachte. «Es gibt Parallelen zwischen dem Schreiben und dem Beobachten der Vögel», sagt Franzen. «Das Warten auf den rechten Moment, die Aufmerksamkeit für Details.» Aber einen direkten Zusammenhang mit dem Schreibprozess gebe es nicht.

Plötzlich dreht sich Franzen ruckartig weg. In einem Strauch ist ein Vogel gelandet. «Den Vogel haben wir den ganzen Morgen gesucht. Jetzt landet er direkt vor meiner Nase, während ich hier esse. Unglaublich!» Es ist eine Bartmeise. Nachdem sie weggeflogen ist, zeigt der Schriftsteller ein Bild auf dem Blackberry. Das Tierchen hat tatsächlich eine Art Bart. «That’s a good bird!», ruft Franzen.

Kurz in Rage

Seit knapp 20 Jahren sucht er nun nach interessanten Vögeln und nimmt dafür einige Strapazen auf sich, er reist an abgelegene Orte, steht in Sümpfen herum, lässt sich von Mücken stechen. «Diese Exkursionen sind ermüdend.» Er verwendet danach jeweils viel Zeit darauf, Reportagen und Essays zum Thema zu schreiben. Franzens Vögelobsession dürfte die Welt so mittlerweile den einen oder anderen fantastischen Roman gekostet haben. «Gewisse Leute finden, ich sollte endlich aufhören mit dem Vogelzeugs», sagt Franzen. Seine Agentin hat ihn kürzlich ermahnt, doch bitte seine Prioritäten zu überdenken. «Aber tja, was soll ich machen?»

Fahrt im Auto zum Flughafen Zürich, kurz vor der Ankunft – seit einer halben Stunde dreht sich das Gespräch um Umweltfragen – wird Franzen etwas ungehalten: «Wir fahren mit dem Auto herum und reden über Umweltschutz, über die Frage, ob ich fliegen dürfe oder nicht. Ihr Europäer redet sowieso etwas gar viel über CO2-Verbrauch und dergleichen. Ihr redet viel, und es passiert herzlich wenig.»

Franzen, dieser grosse Schreiber und sympathische Typ, ist auch ein düsterer Prophet. Der «katastrophale Klimawandel» sei unabwendbar und eine schlichte Tatsache. Ebenso offensichtlich sei die Unfähigkeit des Menschen, etwas dagegen zu tun. «Wie lange warten wir nun schon? Zwanzig Jahre?» Man solle sich besser kleinere, konkrete Ziele setzen, etwa neue Biotope für Vögel. Ein letzter Versuch, die Begeisterung zu ver­stehen: Sind die Vögel sein emotionaler Zugang zum existenziellen, leider aber oft abstrakten Kampf gegen den Klimawandel? Nein, sagt Franzen. Es sei eine Leidenschaft, schwer zu erklären. Der Amerikaner verabschiedete sich freundlich, holt das Gepäck aus dem Auto, verschwindet im Flughafen. Er fliegt nun weiter nach Südafrika, wo er recherchieren will. Franzens nächster Text wird von Fischern und ­Albatrossen und vom globalen Schicksal der Seevögel handeln. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.10.2017, 15:02 Uhr

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